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So glaubt Wiesbaden: Russisch-Orthodoxe Kirche auf dem Neroberg – Ein Zeichen der Liebe

Von Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka, Dirk Fellinghauer.

Wenn man genau hinschaut und sich auskennt, sieht man es der russisch-orthodoxen Kirche der heiligen Elisabeth in Wiesbaden durchaus an, dass sie Mitte des 19. Jahrhunderts nicht als Gotteshaus erbaut wurde. Herzog Adolph von Nassau hat sie als Grabkapelle für seine jung verstorbene Gattin Elisaweta errichten lassen. „In der Kuppel sieht man nicht Christus, den Erlöser, wie es in russischen Kirchen üblich ist, sondern ähnlich wie in westlichen Kirchen, das wachende Auge Gottes“, klärt Priester Alexander Kalinski auf.

Der weltliche Ursprung zeige sich auch daran, dass an den Wänden im oberen Kirchenraum auf kleinen Medaillons die Porträts der wichtigsten Baumeister der Kirche dreidimensional dargestellt sind. Dazu gehören Architekt Philipp Hoffmann, Maler Carl Timoleon von Neff sowie Bildhauer Emil Alexander Hopfgarten.

Der Priester und seine persönlichen Parallelen

Trotz oder gerade wegen des außergewöhnlichen Gotteshauses wechselte Alexander Kalinski vor drei Jahren gerne als Priester aus der wesentlich größeren Gemeinde in Köln nach Wiesbaden, wo er die Hälfte der rund zweihundert Gemeindemitglieder zum harten Kern zählt. Auch persönliche Parallelen motivierten zum Wechsel nach Wiesbaden. Die russische Großfürstin Elisaweta Michailowna Romanowa (1826–1845), für die das heutige Gotteshaus errichtet wurde, stammt wie er aus St. Petersburg. Der Michailowski-Palast, seinerzeit großfürstliche Residenz, liegt nicht weit entfernt von der Schule, in der der heute 60-jährige einst sein Geigenstudium absolviert hat. Noch dazu hat die Frau, die nur ein Jahr nach ihrer Hochzeit mit dem Herzog mit nicht einmal 19 Jahren verstarb, mit der Heiligen Elisabeth dieselbe Schutzheilige wie die Frau des heutigen Priesters. So wie dieser Elisabeth Kalinskaja geheiratet hat, nachdem er 1985 in die DDR gekommen ist, ist einst auch der Herzog eine deutsch-russische Ehe eingegangen.

Gemeinde entstand erst lange nach dem Bau

„Als die Grabkirche entstanden ist, gab es noch gar keine Gemeinde“, berichtet Alexander Kalinski: „Unser heutiges Pfarrhaus diente damals als Wächterhaus.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg und durch die Zuwanderung der Wolga-Deutschen ist die Gemeinde stark gewachsen. Die Mitglieder stammen aus Wiesbaden sowie aus der Umgebung und weisen eine vielfältige Zusammensetzung auf. Neben Menschen aus Kasachstan und Usbekistan nehmen auch Gläubige an den Gottesdiensten teil, die ursprünglich aus der Ukraine, Serbien, Armenien, Georgien und sogar Griechenland stammen.

Dreistündige Gottesdienste

Die Gottesdienste finden in der Regel samstagsabends sowie sonntagsmorgens statt, die abendliche Feier fällt mit drei Stunden etwas länger aus. Gleiches gilt auch vor und an Feiertagen sowie in der Fastenzeit, wenn zusätzliche Gottesdienste stattfinden. „Im Prinzip handelt es sich um einen Gottesdienst, von dem eine Hälfte abends und eine Hälfte morgens stattfindet“, erklärt Elisabeth Kalinskaja. Im Abendgottesdienst werde der Heiligen oder des Ereignisses gedacht, das gerade gefeiert wird, morgens vollende sich die Liturgie im Abendmahl. Vor diesem nehmen die Gläubigen traditionell drei Tage lang keine tierische Nahrung zu sich. Gebete, Lesungen und Gesang erfolgen auf Kirchenslawisch. Lesungen werden in Wiesbaden meist auf Deutsch wiederholt, die Predigt erfolgt aber auf Russisch.

Deutlich kürzer fiel kürzlich ein Bittgottesdienst aus, den Erzbischof Mark I. hielt. Der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche für Berlin und Deutschland war angereist anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag von Peter Carl Fabergé. Der Namensgeber der berühmten Eier lebte, wie erst jetzt durch Horst Becker erforscht wurde, zum Ende seines Lebens nahezu unbemerkt in Wiesbaden. Sein Freund Oswald Gülich, der sich damals um den russischen Flüchtling kümmerte, liegt auf dem sehenswerten Friedhof der russischen Gemeinde auf dem Neroberg begraben.

Geschlechtertrennung vorm Altar

Während üblicher Gottesdienste stehen die Männer rechts, die Frauen links des Altars. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags durften es nicht einmal fünfzig Personen sein. „Manchmal bin ich stundenlang damit beschäftigt, SMS und WhatsApp zu beantworten. Wenn ich dann mitteilen muss, dass jemand nicht am Gottesdienst teilnehmen kann, wird es teilweise emotional“, berichtet der Geistliche. Dezente Markierungen auf dem Fußboden weisen darauf hin, wo sich die Gläubigen aufstellen sollen, um ausreichend Abstand zueinander zu wahren. Kleine geweihte Brote, Prosphoren genannt, werden derzeit mit Handschuhen eingetütet und am Ende der Feier ausgeteilt.

Auch die Kerzen werden den Gläubigen nicht mehr in die Hand gegeben. Stattdessen geben sie beim Kauf an, vor welchen Ikonen diese aufgestellt werden sollen. Ihr Verkauf trägt gemeinsam mit der Kollekte sowie Spenden zur Finanzierung des Gemeindelebens teil. Das besteht im Anschluss an den Gottesdienst auch in einer Sonntagsschule. Bis zu vierzig Kinder und Jugendliche in drei Altersgruppen nehmen daran teil. „Wir beten zusammen, essen zusammen und vermitteln dann eine halbe Stunde lang die wichtigsten Grundlagen unseres Glaubens. Dabei sehen wir auch mal einen Film, basteln oder gehen raus“, berichtet Elisabeth Kalinskaja, die die Gruppe mit den ältesten Jugendlichen leitet.

Hoffen auf neues Andachtshaus

Das Essen bringen die Mütter mit, für die es dann aber keinen Platz gibt, an dem sie sich während der Sonntagsschule aufhalten könnten. „Die müssen wir dann einen Kaffee trinken schicken“, berichtet Alexander de Faria (Foto rechts, mit Priester Alexander Kalinski). Er ist Vorsitzender von Herus, einem Verein für hessisch-russischen interkulturellen Austausch und humanitäre Hilfe. Als Gemeindemitglied setzt er sich für den Bau eines Andachts- und Versammlungshauses ein. Die erste Herausforderung hat man bereits gelöst. Auf dem 70.000 Quadratmeter großen Grundstück, das sich im Besitz der russisch-orthodoxen Diözese des orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland befindet, ist versteckt hinter dem Pfarrhaus ein Standort gefunden worden, der den Anforderungen des Denkmalschutzes genügt. Der Bauvorbescheid sei bereits erfolgt, der Bauantrag eingereicht. Nun brauche es aber ein Eigenkapital von rund 400.000 Euro, um das Projekt umsetzen zu können.

Die (russischsprachige) Webseite der Gemeinde ist hier zu finden.

In der Serie „So glaubt Wiesbaden“ porträtieren wir in loser Folge unterschiedliche Religions- und Glaubensgemeinschaften und Gemeinden in Wiesbaden. Ideen, Vorschläge, Anregungen? Mail an hallo@sensor-wiesbaden.de, Betreff: „Glaube“.

Außerhalb der Gottesdienst-Zeiten kann das Innere der Kirche täglich zwischen 10 und 16 Uhr (im Sommer 18 Uhr) besichtigt werden. Wer die Gemeinde bei der Errichtung des Andachts- und Versammlungshauses unterstützen möchte, kann dies tun mit einer Spende auf das Konto mit der IBAN-Nummer DE07 5109 0000 0000 3745 04.

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