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Urlaubsziel: Wiesbaden! Als Tourist die eigene Stadt (neu) entdecken

 

Von Alexander Pfeiffer und Dirk Fellinghauer. Fotos: Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach.

Insgesamt 15 Millionen Besucher im Jahr beherbergt Wiesbaden. In der eigenen Stadt auf Entdeckungstour zu gehen, kann sich auch für die knapp 280.000 Einwohner lohnen.  Als noch Fürsten und Kaiser in Wiesbaden ihre Residenzen hatten und es in der Stadt mehr Kurgäste als Einwohner gab, heftete man ihr das Etikett „Nizza des Nordens“ an. Mitte des 19. Jahrhunderts war das. Damals lebten etwa 14.000 Menschen in der Stadt – und 20.000 pro Jahr kamen zur Kur. Anlocken ließen sie sich vor allem vom mediterranen Klima und den heißen Quellen. Der Titel „Weltkulturstadt“ tat sein Übriges.   Durch die Lage in einer Talmulde am Fuße des Taunus gehört Wiesbaden noch immer zu den wärmsten Städten Deutschlands. Die heißen Quellen sind auch noch da, doch die Zeit als populäre Kurstadt endete mit dem Ersten Weltkrieg.  Womit also kann die Stadt heute ihre Gäste noch locken?

Immerhin verzeichnet der Tourismusbericht der Wiesbaden Marketing GmbH für das Jahr 2011 mehr als eine Million Übernachtungen in den Hotels und Pensionen der Stadt. Nimmt man Privatmieter, Touristik- und Dauercamper, Tagesreisende und Gäste, die bei Verwandten und Bekannten übernachten, hinzu, kommt Wiesbaden sogar auf die stolze Zahl von knapp 15 Millionen Besuchern im letzten Jahr.

Tradition wichtiger als Trends

Als Plattform für die Vernetzung aller städtischen Aktivitäten kümmert sich die Wiesbaden Marketing GmbH seit 2005 darum, ein einheitliches Images der Stadt zu kommunizieren. Ihr Geschäftsführer Martin Michel hat das Unternehmen mit aufgebaut. Geboren in Prag und aufgewachsen in Wiesbadens Partnerstadt Görlitz, kam er vor 12 Jahren hierher, um seine Diplomarbeit bei den städtischen Kurbetrieben zu schreiben. „Und die Stadt hat es mir einfach angetan“, sagt er. Sicher nicht die schlechteste Voraussetzung, um dafür zu sorgen, dass es Wiesbaden auch anderen antut. „Wir setzen ganz bewusst auf unsere Tradition“, erklärt Michel.

„Wir versuchen nicht, jedem Trend hinterher zu laufen, sondern arbeiten mit dem, was Wiesbaden als sehr grüne, architektonisch gewachsene Stadt in unmittelbarer Nähe zum Rhein und den Weinanbaugebieten des Rheingaus an Atmosphäre zu bieten hat.“  Eine ähnliche Botschaft, etwas hochgestochener formuliert, lieferte Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller kürzlich im Zusammenhang mit Wiesbadens angestrebter Bewerbung um den offiziellen Status als Welterbe der Unesco: Wiesbaden repräsentiere „in seiner materiellen wie immateriellen Überlieferung in einzigartiger Vielfalt, Qualität und Dichte das europäische Phänomen der mondänen Kur- und Luxusstadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“.

Noch wichtiger scheint jedoch mittlerweile Wiesbadens Bedeutung als Kongress- und Tagungsstandort inmitten der Rhein-Main-Gebiets und „Stadt der kurzen Wege“ zu sein, deren Kongresseinrichtungen nicht irgendwo in der Peripherie, sondern unmittelbar im Stadtkern gelegen sind: Etwa 70% der Hotelübernachtungen entfallen auf Geschäftsreisende, nur 30% sind Touristen – die meisten von ihnen klassische Wochenendurlauber. Dreiviertel davon kommen aus deutschen Gefilden, bei den ausländischen Gästen stellen die US-Amerikaner das weitaus größte Kontingent, gefolgt von den Briten.

Magnetwirkung ab 55

Bei den Gästen im Tourismus- und Freizeitbereich handelt es sich vornehmlich um sogenannte „Best Ager“, also Menschen ab 55 aufwärts. Großereignisse wie die Rheingauer Weinwoche, der Sternschnuppenmarkt, die Maifestspiele oder auch das Rheingau Musik Festival haben für diese Zielgruppe große Magnetwirkung und werden von städtischer Seite ganz gezielt als Vermarktungsargumente für touristische Angebote genutzt.

Die ältere Generation bleibt dort aber keineswegs unter sich: Die 25-jährige Anne Schweitzer und ihre Freundin Namiko Arnest (28) etwa können der Rheingauer Weinwoche, die im August für zehn Tage und Nächte  geselligen Ausnahmezustand in der Stadt sorgt und auch für Ex-Wiesbadener aus aller Welt ein jährlicher Musstermin ist, ebenfalls etwas abgewinnen. „Da gehen ja nicht nur Ältere hin. Je länger man bleibt, desto jünger wird das Publikum.“  „Ein echtes Highlight – auch für Wiesbadener – ist die ‚Rheingauer Weinwoche von oben’“, gibt Martin Michel einen Geheimtipp für das Großereignis des Sommers: „Da steigen Sie in der Gruppe auf die Marktkirche und schauen sich das Treiben auf dem Schlossplatz aus einer Höhe von mehr als 50 Metern an – Weinverkostung inklusive.“

Für Stadtführungen und Rundgänge legt die Wiesbaden Marketing GmbH eigens eine Broschüre auf, die die verschiedenen Angebote sammelt. Diese reichen vom klassischen Stadtrundgang bis zu geführten Touren mit „hessischen Originalen“ aus der Zeit der Belle Epoque oder der Nassauer. Längst ein Klassiker ist auch die kleine Stadtbahn THermine, die praktischerweise direkt gegenüber der Tourist Information am Marktplatz zu ihren gemütlichen fünfzigminütigen informativ-unterhaltsamen Touren startet. Einmal wöchentlich gibt es außerdem freitags eine „Tour de Biebrich“. Und wem in nächster Zeit ganze Gruppen von Segway-Fahrern in der Stadt begegnen, der hat es mit der allerneuesten Form, Wiesbaden zu erkunden, zu tun.

Zu Gast in der eigenen Stadt

Natürlich kann man auch als Einheimischer seinen Urlaub wunderbar in Wiesbaden verbringen, als „Tourist in der eigenen Stadt“ endlich mal die ganzen Freizeitangebote nutzen, für die der Alltag keine Zeit lässt: Stundenlang durch die Fasanerie streifen, den Kletterwald auf dem Neroberg erkunden oder in das aktuelle Fluxus50-Geschehen eintauchen – abseits des offiziellen Programms empfiehlt sich in diesem Zusammenhang übrigens ein Ausflug nach Erbenheim in Michael Bergers herrlich vergnügliche Museen „Harlekinäum“ („Das fröhlichste Museum der Welt“) und „Klooseum“. „Die Hälfte der Besucher sind Kinder, die ihre Eltern mitbringen“, freut sich Berger über Trubel in seinen Häusern. Sogar ein virtuelles Museum gibt es „in“ Wiesbaden: das „Deutsche Fernsehmuseum Wiesbaden“ ist, nachdem aus einem realen Haus nichts wurde, ins Internet umgezogen. Adresse: fernsehmuseum.info Wer dort Lust bekommt, das Ganze doch live zu erleben, kann das „mobile Museum“ buchen.

Etwas ganz Besonderes haben sich die Hotelpartner der Wiesbadener Kongressallianz kürzlich gemeinsam mit der Wiesbaden Marketing GmbH ausgedacht: Im Rahmen der Aktion „Gast in der eigenen Stadt“ boten elf beteiligte Hotels für eine Nacht besondere Konditionen, die nur von Menschen mit einer offiziellen Meldeadresse in Wiesbaden genutzt werden konnten. Insgesamt 310 Doppelzimmer standen zur Verfügung, die je Übernachtung mit Frühstück für zehn Euro pro Hotelstern gebucht werden konnten. Renner wie der Schwarze Bock oder das Oranien waren bereits innerhalb weniger Stunden nach dem Start der Onlinebuchung voll belegt, zeitweise war gar der Server überlastet.

Kerstin Bode, Direktorin für Sales und Marketing im 5-Sterne-Haus Dorint Pallas Hotel, wo eine Suite nach einem früheren Übernachtungsgast namens John F. Kennedy benannt ist, ist erst seit Oktober 2010 in Wiesbaden. „Ich wäre früher nie auf die Idee gekommen, nach Wiesbaden zu reisen“, gibt die Managerin, die vorher in Düsseldorf gearbeitet hatte, zu: „Aber seit ich hier wohne, übernachten dauernd meine Freunde bei mir im Hotel und sind total begeistert von der Stadt.“ Neben dem großflächig erhaltenen historistischen Stadtbild schätzen diese an Wiesbaden vor allem, die „putzigen Gässchen“, die zum gemütlichen Bummeln einladen, die kleinen Boutiquen und den hohen Freizeitwert durch die Nähe zum Rheingau und zum Taunus.

Image? Welches Image?

Gefragt, welches Image Wiesbaden denn ihrer Erfahrung nach bei Auswärtigen habe, reagiert Kerstin Bode zunächst zögernd. „Image? Gar kein Image, würde ich sagen. Viele wissen ja nicht mal, dass das hier die hessische Landeshauptstadt ist.“ Und führt dann aus: „Wiesbaden tut sich leider ein bisschen schwer damit, anderen zu sagen, wie schön es ist. Ich würde mir wünschen, dass die Wiesbadener mehr zu Botschaftern ihrer eigenen Stadt werden.“ Bitten wir also die Wiesbadener Tourismusprofis um ein paar ganz persönliche Botschafter-Statements: Wo sind sie am liebsten zu „Gast in der eigenen Stadt“? Herr Michel? „Ich bin unheimlich gerne in Frauenstein unterwegs“, sagt er. „Nur wenige Kilometer abseits vom Stadtzentrum und man befindet sich inmitten von Weinbergen.“ Und Frau Bode? „Urlaubsfeeling kommt bei mir auf, wenn ich durchs Goldsteintal laufe. Oder auch durchs Nerotal in Richtung Leichtweißhöhle.“

Toll, aber teuer: das Opelbad

Fragt man hingegen die Studierenden der Hochschule RheinMain, wo es sich als Gast in der eigenen Stadt besonders gut aushalten lässt, so liegen die diversen Parkanlagen weit vorn: Dürerpark, Kurpark, Biebricher Schlosspark, Reisinger Anlagen. „Auf der Wiese rumliegen, lesen, Musik hören. Und den Leuten beim Slackline laufen und Runterfallen zugucken!“, erzählt Anne Schweitzer lachend. Sie studiert Innenarchitektur, genau wie ihre Freundin Namiko Arnest (28), die ergänzt: „Wenn man Geld hat, ist auch das Opelbad toll.“  Unter den zahlreichen Schwimmbädern scheint das eher kleine Bad mit der großen Liegewiese und dem Ausblick auf die City bei den Studenten der Favorit zu sein. „Die ganzen Typen, die im Kallebad mit der Wasserpfeife und Alkohol sitzen, gehen da nicht hin“, sagen Anne (25) und Alexandra (22).  „Aber jeden Tag ins Opelbad – das ist zu teuer als Student“, gibt Vera (23, Studiengang Business Law) zu bedenken: „Toll wäre es, wenn es hier in Wiesbaden auch einen See gäbe, so was wie das Waldschwimmbad in Rüsselsheim.“ Dominik (24) zeigt sich da flexibel. Er nimmt gerne auch die nötigen Fahrstrecken auf sich, um sich an den Badeseen des Rhein-Main-Gebiets in die Sonne zu fläzen – sei es am Raunheimer Waldsee oder am Riedsee.

Viktor Bozhinov (26), der in Wiesbaden lebt und an der Mainzer Uni Politik und VWL studiert, schwört auf ein ganz spezielles Urlaubsvergnügen in der eigenen Stadt: die Drachenboot-Regatta für Fun-Teams, die alljährlich im Sommer zum Schiersteiner Hafenfest (in diesem Jahr vom 13. bis 16. Juli) stattfindet. „Das Boot wird gestellt, man braucht 20 Leute. Geht auch mit weniger, wird dann aber anstrengend. Das ist echt abgefahren!“ Die meisten anderen geben sich für Urlaubsfeeling in der eigenen Stadt mit einem Kaffee in der Haltbar zufrieden oder einem Bier in den diversen Gaststätten, die auch unter freiem Himmel zum Sitzen und Trinken einladen. Ganz besonders beliebt sind hier der Biergarten des c/o in der Moritzstraße, der Kasteler Strand der Bastion von Schönborn direkt hinter der Reduit, das 60/40 am Schlachthof, das Treibhaus an der Klarenthaler Straße und der malerische Brunnen vor dem Sherry & Port in der Adolfsallee.  Wer lieber in südländisches Flair eintauchen will, dem sei ein Bummel durch die multikulturelle Wellritzstraße empfohlen.

Auch der Deutschen liebste sommerliche Freizeitbeschäftigung, das Grillen, steht bei den jungen Wiesbadenern hoch im Kurs. Wenn nicht zu Hause auf dem Balkon, dann geht man dafür ins Nerotal, auf die Platte, die Rheinwiesen – zur Not auch mit Einweggrill und ohne offiziell ausgewiesene Grillplätze.  Und abends? Da fährt Vera, wie auch einige ihrer Kommilitonen, lieber rüber auf die andere Rheinseite. „Da ist einfach die Auswahl an Clubs größer. Wiesbaden ist da schon sehr einseitig, fast überall läuft dieselbe Musik, meistens aus den aktuellen Charts.“

Einen ganz besonderen Tipp hat der 30-jährige Christian Moog, der Soziale Arbeit studiert: „Also, wenn ich als Tourist nach Wiesbaden kommen würde, würde ich auf jeden Fall mal am Kochbrunnen das Quellwasser probieren. Das schmeckt zwar furchtbar, aber wenn man im Winter kommt, dann ist der ganze Pavillon des ‚Kochbrunnentempels’ in weißen Dampf gehüllt durch das verdunstende Wasser und die aufsteigenden Wölkchen. Selbst aus den Gullydeckeln auf dem Kranzplatz steigen dann dichte Nebelschwaden auf. Toller Effekt!“ So was gibt’s nicht mal in Nizza!

Ein Kommentar “Urlaubsziel: Wiesbaden! Als Tourist die eigene Stadt (neu) entdecken

  1. 15 Mio Besucher im Jahr beherbergt Wiesbaden – das wären etwas mehr als 41.000 Besucher am Tag. Wo bitte sollen die denn alle schlafen? Nein, nein, da stimmt was nicht.

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