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Wie jetzt, Flüchtling? Bestandsaufnahme ein Jahr nach dem großen Ankommen in Wiesbaden

titelstory_saranabil_2_3sp Von Julia Bröder, Alica Bergmann, Tamara Winter, Leonard Laurig. Fotos Rainer Eidemüller.

Flüchtlinge sind nicht mehr „das“ Thema, aber weiterhin ein Thema. Wie ist die Lage, die Stimmung, das Leben in Wiesbaden, ein Jahr nach dem großen Ankommen? Wir waren in der Stadt unterwegs.

An einer Wand in Sara Nabils Zimmer hängt eine große Notiz, auf der in ihrer Muttersprache Dari steht: „Ich muss richtig gut Deutsch lernen – richtig gut“. Die junge Afghanin hat inzwischen ziemlich gut Deutsch gelernt. So wie für sie wurde Wiesbaden zum Zufluchtsort Tausender Menschen, die aus ihrer Heimat vor Unterdrückung oder Krieg geflohen waren. Im letzten Herbst und Winter waren „die Flüchtlinge“ für viele Thema Nummer 1. Große Hilfsbereitschaft mischte sich mit Sorgen und Ängsten vor „dem, was da auf uns zukommt.“ Und jetzt? Ein Jahr danach? Fühlen sich diejenigen, die hier Asyl beantragt haben, integriert? Wie empfängt Wiesbaden Geflohene, die weiterhin kommen? Wir waren in der Stadt, die sich von Anfang an auch ganz offiziell eine ausdrückliche „Willkommenskultur“ auf die Fahnen geschrieben hat, unterwegs.

Im Oktober 2016 lebten fast 4.000 geflüchtete Menschen in Wiesbaden – 2.500 mehr als im Herbst davor. Fast 1.000 von ihnen sind Kinder, 190 unbegleitete Minderjährige. Die Zahlen derer, die neu ankommen, gehen zurück, die Verweildauer wird vermutlich weiter steigen. „Bei mehr als 85 Prozent der geflüchteten Menschen können wir davon ausgehen, dass sie für eine lange Zeit oder auf Dauer bei uns leben werden“, sagt Bürgermeister Arno Goßmann. Nach wie vor engagieren sich viele Ehrenamtler, Vereine und kommunale Institutionen. Genauso gibt es aber auch Skepsis. Im Kleinen zum Beispiel dort, wo Anwohner Probleme befürchten, immenser und irrationaler etwa bei den 12,8 Prozent, die bei den Kommunalwahlen im März die AfD wählten.

Wohnung, Sprache, Job – Integration mit Konzept

Fest steht: Die Verantwortlichen auf offizieller Seite wollen der Integration ein festes Fundament bieten. „Einheimische und zugezogene Menschen aus allen Teilen der Welt leben in der hessischen Landeshauptstadt friedlich zusammen. Wir möchten, dass das so bleibt“, hatte Oberbürgermeister Sven Gerich in der sensor-Titelgeschichte „Herzlich willkommen – und wie!?“ im Herbst 2015 gesagt. Entsprechende Programme, die in jüngerer Zeit ins Leben gerufen wurden, untermauern den anhaltenden Anspruch der Stadtpolitik, Integration und Austausch zu fördern. „Neben der Versorgung und Unterbringung der Menschen, die der Stadt Wiesbaden zugewiesen wurden, ist die Integration durch Sprache, Bildung und berufliche Tätigkeit die wesentliche Aufgabe“, betonen sowohl OB Gerich als auch Bürgermeister und Sozialdezernent Goßmann sowie Kultur- und Integrationsdezernentin Rose-Lore Scholz: „Hier sind jedoch nicht nur Verwaltung und Ehrenamt gefragt. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Helfen soll dabei ein neues Integrationskonzept, an dem Bürger und Bürgerinnen intensiv mitarbeiten können. Die Ergebnisse der Beteiligung werden am Samstag, dem 10. Dezember, von 10 bis 12 Uhr im Rathaus öffentlich vorgestellt. Das Kultur- und Integrationsamt fördert über das mit 50.000 Euro budgetierte Sonderprogramm „Kultur von, mit und für Flüchtlinge“ fünfzehn Theater-, Film, Kunst- und Musikprojekte ganz unterschiedlicher Art und Anbieter – von Künstlerverein Walkmühle über Walhalla Theater, Künstlerhaus 43 und Justus bis zum Frauenmuseum und den Vereinen Migra Mundi und Camerata Nuova . „Einheimische und Flüchtlinge kommen zusammen, knüpfen Kontakte, setzen sich mit Differenzen und Gemeinsamkeiten auseinander und entwickeln mehr gegenseitiges Verständnis“, wird die Idee dieses Sonderprogramms erklärt. In der kulturellen Arbeit würden „ quasi nebenbei, Deutschkenntnisse verbessert, Werte vermittelt und vieles mehr.“

Für Projekte zur Sprachförderung stehen in diesem und im kommenden Jahr 500.000 Euro zur Verfügung, mit etwas mehr als 1 Millionen Euro ist der Integrationsfond ausgestattet, den die Stadt im Oktober eingerichtet hat und der auch die Geflüchteten selbst befähigen soll, sich einzubringen. „Integration beruht auf Gegenseitigkeit. Wir wollen nicht nur Angebote für Geflüchtete machen, sondern ihnen Gelegenheit geben, selbst aktiv zu werden, etwa als ehrenamtliche Dolmetscher und Lotsen für andere Flüchtlinge“, erklärt Rose-Lore Scholz.

Über die Aufenthaltserlaubnis hinaus

Soweit die Zahlen in der Theorie. Wie sehr manche Geflüchtete selbst daran arbeiten, in Wiesbaden wirklich anzukommen, sieht man bei Sara Nabil. Die politische Künstlerin kam Anfang vergangenen Jahres aus Afghanistan nach Deutschland, weil sie in ihrer Heimat ihre Arbeit nicht frei ausüben konnte. Die heute 22-Jährige suchte von Anfang an den Kontakt zur einheimischen Gesellschaft, kuratierte für das Amt für Soziale Arbeit eine Ausstellung mit Bildern geflüchteter Kinder. Mit Hilfe von Menschen, die von ihrer Geschichte lasen, fand sie ein Zimmer in einer WG und konnte aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Mainzer Straße ausziehen. Sie beteiligte sich an einem Paten-Integrationsprojekt der IHK, suchte sich einen Job als Kellnerin und startete, nachdem ihre Werke in ihrer neuen Heimat bereits in mehreren Ausstellungen gezeigt wurden, in diesem Herbst ihr Studium an der renommierten Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Die junge Frau will hier bleiben und sie tut mehr dafür, als eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen. Vor allem will sie ihr Deutsch verbessern. Deshalb die Notiz an ihrer Wohnungswand. Zahlen muss Sara für die entsprechenden Kurse selbst. Eine Kostenübernahme erfolgt nur für die Länder mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit, also Iran, Irak, Somalia, Eritrea und Syrien. Geflüchtete aus anderen Ländern können zum Integrationskurs zugelassen werden, müssen jedoch einen Eigenanteil übernehmen. In den Augen der Künstlerin ist das ein Zeichen dafür, dass Integration ein Jahr nach der großen Flüchtlingswelle noch lange nicht selbstverständlich geworden ist.

 Ein kleines Syrien in Wiesbaden

Das zeigen auch die Erfahrungen dreier junger Syrer, die seit mehr als einem Jahr in Wiesbaden leben, aber kaum Kontakt zu Einheimischen haben. „Willkommen“ hallt es aus ihrer Gegensprechanlage, bevor der Türsummer ertönt. Die Dachgeschosswohnung von Imad (30), Alaa Eddin (28) und Ammar (20) in der Wiesbadener Innenstadt ist außergewöhnlich gut aufgeräumt. Der Koran im Wohnzimmer hat einen besonderen Platz. „Wir mussten alles in Ungarn lassen“, sagt Alaa Eddin. Nur mit den Klamotten, die er trug, und dem Koran in der Tasche kam er mit seinem Bruder Imad und seinem Cousin Ammar nach Deutschland. In der Zweizimmer-Wohnung leben die drei Syrer seit fünf Monaten. Vermittelt wurde sie durch einen engagierten privaten Helfer, den sie in ihrer Erstaufnahmeeinrichtung kennengelernt hatten.

Alle drei sprechen mittlerweile gutes Deutsch, verstehen viel und können sich verständigen. Den Kurs besuchen sie bis zu viermal pro Woche. Doch die Sprache sei nicht das Problem, verraten sie, vielmehr sei es schwierig, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. „Wir leben hier in einem kleinen Syrien mitten in Deutschland“, beschreibt Ammar die Situation. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich weitestgehend auf die Teilnehmer des Deutschkurses und einen Freundeskreis aus Landsleuten. „Wir möchten ja auch gerne mit Deutschen sprechen, aber das ist sehr schwierig“, stellt Alaa Eddin fest. Viele Leute seien Flüchtlingen gegenüber distanziert, weshalb es schwierig sei, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. „Ich glaube, hier in der Stadt haben die Leute einfach nicht so viel Zeit“, fügt Imad mit einem Lächeln erklärend hinzu.

Sie wollen nicht aufgeben. Alle drei haben in Syrien schon studiert. Imad hat einen Abschluss in Business Management und Marketing und hat bereits freiwillig als Lehrer gearbeitet, als der Krieg ausbrach. Dennoch fällt es ihm schwer, Anschluss an den deutschen Arbeitsmarkt zu finden. Ammar, der in Syrien Informatik studierte, hat dagegen nun ein Praktikum in der IT-Abteilung einer Versicherung gefunden. Alaa Eddin hat in seiner Heimat vier Jahre Jura studiert, könnte sich jetzt aber auch eine Ausbildung als Krankenpfleger vorstellen. Auch er hat mit Hilfe von engagierten Freiwilligen ein Praktikum in einem Wiesbadener Krankenhaus bekommen. Ein guter Anfang. Trotz aller Schwierigkeiten und Hürden wollen sie ihren Weg in Deutschland weiter gehen, zumindest bist der Krieg in Syrien beendet ist.

Gemeinschaftsunterkünfte – am Rande der Stadt

Imad, Alaa Eddin und Ammar wohnen in der Innenstadt. Wenigstens geografisch sind sie näher am Stadtleben als die Bewohner der meisten Gemeinschaftsunterkünfte. 40 davon gibt es momentan in Wiesbaden. Die meisten in kleineren dezentralen Gebäuden, vier in größeren Immobilien. Ganz am Ende der Mainzer Straße etwa, dort wo eigentlich sonst nur noch Autobahn und Bahnschienen sind, erhebt sich ein großer brauner Betonklotz. Ein Zuhause fern der Heimat für etwa 400 Bewohner jeden Alters. Hier, am Rande von Wiesbaden, leben geflüchtete Familien mit teilweise vier Personen in einem Zimmer zusammen. Die Kinder gehen morgens zur Schule, viele der jungen Erwachsenen machen eine Ausbildung, und alle lernen sie fleißig Deutsch, um sich in ihrer neuen Heimat verständigen zu können. Wenn sie nachmittags nach Hause kommen, essen sie, was ihre Mütter ihnen in der Gemeinschaftsküche gekocht haben. Danach geht es in den Hof zum Spielen oder ins Bibliothekszimmer um zu zeichnen, betreut Hausaufgaben zu erledigen oder zu lesen. Jugendliche, die hier lebten und jetzt mit ihrer Familie eine andere Wohnung gefunden haben, kommen häufig zu Besuch. Trotzdem isoliert schon die Lage des Heims die Bewohner vom Rest der Gesellschaft. Viele wollen diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Ein einheimisches Kind, einen Schulfreund oder eine Schulfreundin habe sie hier noch nie gesehen, berichtet eine ehrenamtliche Helferin.

Tür an Tür mit Flüchtlingen – ein Grund zur Sorge?

Das könnte in Erbenheim anders werden, dort wo Geflüchtete schon ab Dezember mit Bewohnern einer Reihenhaussiedlung Tür an Tür wohnen sollen. Für die Gemeinschaftsunterkunft hat sich die Stadt zu Jahresbeginn entschieden. Mitgeteilt wurde das den Anwohnern erst Mitte des Jahres nach Abschluss des Mietvertrags mit dem Investor. Die Umbaumaßnahmen des ehemaligen Gewerbeobjekts, der bis vor einigen Jahren noch der Firma Besier zur Fotoentwicklung gedient hatte, laufen seit Monaten. Die Anwohner waren skeptisch und in Sorge, sie hätten sich einen frühzeitigen Dialog gewünscht, wie sie bereits Ende Juni deutlich in einem offenen Brief an die oberen Vertreter der Stadt zum Ausdruck brachten.

„Willkommen Flüchtlinge, auch hier bei uns!“ so lautete die Aufschrift auf dem Transparent eines Anwohners, mit dem er im Oktober an der Erbenheimer Ampelkreuzung demonstrierte. Neben der zukünftigen Wohnunterkunft in der Berliner Straße 180 machte er Passanten und Vorbeifahrende drei Tage lang mit dem Schild auf die besondere Problematik und die damit verbundene Unzufriedenheit der gesamten Nachbarschaft aufmerksam. Denn auf das „Willkommen“ folgte ein „Aber“ auf dem riesigen Plakat: „Aber nicht 400, zusammengepfercht im ‚Überraschungslager‘ Berliner Str. 180 – direkt vor unserer Haustür! Funktionieren so Demokratie und Respekt vor der Menschenwürde, Herr Gerich und Herr Goßmann?“. Ob hier doch eine Angst vor dem Fremden mitschwingt? Vor allem seien die Anwohner mit den Entwicklungen der letzten Monate unzufrieden gewesen. Eine ehemalige Deutsch-, Gesellschaftslehre- und Mathematiklehrerin, erklärt: „Unsere Tochter arbeitet selbst in der Flüchtlingshilfe, und uns ist die Not der Menschen, die aus Kriegsregionen fliehen mussten, vollkommen bewusst.“ Die Erbenheimer Familien aber hätten sich gewünscht, dass sie, die dort seit langem mit ihren Kindern leben, auch in diese relevanten Entscheidungsprozesse einbezogen würden. Nur so sehe man Chancen, sich eventuell auch einzubringen.

Privates Engagement – Helfen ist menschlich

Nicht lange überlegt, ob sie „sich einbringen“ soll, hat Agnes Seipp. Die gebürtige Polin kam selbst als kleines Kind nach Deutschland – auf dem Rücksitz eines Kleinwagens auf gepackten Taschen. Als die Stadt Wiesbaden im vergangenen Jahr nach Wohnraum für Flüchtlinge suchte, war ihr und ihrem Mann schnell klar, dass sie seine Eigentumswohnung in Bierstadt gerne zu diesem Zweck vermieten würden. So lernte Agnes Seipp Riffat kennen, die Tochter ihrer Mieter. Die junge Frau war mit ihrem kleinen Mädchen und hochschwanger aus Pakistan geflohen, wo sie zu einer religiösen Minderheit gehörte. In Deutschland wurde ihr ein Zimmer in einer Sammelunterkunft zugewiesen, Hilfe bei der Versorgung ihres Säuglings bekam sie nicht. Also besorgte Agnes Seipp Strampler und Windeln und ging mit Riffat zu diversen Ämtern. „Ich wollte einfach nicht einsehen, dass ein Neugeborenes keine ärztlichen Untersuchungen erhält, nur weil sein Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist“, so Seipp. Auch die Probleme der Behörden bei der Suche nach einem Kindergartenplatz für die ältere Schwester stießen ihr auf. Schließlich kümmerte sich selbst um einen Platz, in der Kita ihres Sohnes. „Quinta ist jetzt mit Gleichaltrigen zusammen und lernt Deutsch, das war mir wichtig“, sagt Agnes Seipp, gibt aber auch zu, dass nicht nur die teilweise sture Haltung der Ämter es ihr manchmal schwer machten, sondern auch die Erwartungshaltung der geflüchteten Familie. Alles in allem habe sie aber viel Dankbarkeit erfahren, meint die Bierstädterin, für die es keine Rolle spielt, wo jemand, der Hilfe braucht, herkommt. Agnes Seipp glaubt fest daran: „Wenn jeder einen Menschen, der Hilfe braucht, an die Hand nehmen würde, wären die Behörden entlastet und die Integration würde viel besser funktionieren.“

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