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Das große 2×5-Interview: Philipp Salamon-Menger, 42 Jahre, Direktor Volkshochschule Wiesbaden, 3 Töchter

Interview: Dirk Fellinghauer. Foto: Arne Landwehr.

BERUF

Ein neues Jahrzehnt hat begonnen. Was muss passieren, damit es für die vhs Wiesbaden „goldene Zwanziger“ werden?

Ich hoffe nicht, dass es insgesamt allzu viele Analogien zu den 1920er-Jahren gibt. Für goldene Zwanziger Jahre bräuchten wir ein interessiertes Publikum, das an politischen Themen interessiert ist und mit uns daran arbeiten will, dass wir nicht wieder Straßenschlachten, Weltwirtschaftskrisen und am Ende eine braune Herrschaft haben. Wir wollen hoffen, dass sie mit uns daran arbeiten, sich politisch, gesellschaftlich, gesundheitlich bildend und weiterbildend auf dem Laufenden zu halten – natürlich gemeinsam mit allen Teilen der Stadtgesellschaft. Wenn dann die Stadtverordneten ihren Weg weitergehen, mit dem sie die goldenen Zwanziger eingeläutet haben, nämlich der Kultur und der vhs insbesondere mehr Geld zu überweisen, dann sind das ganz gute Auspizien.

Wie wird der Auftrag der vhs speziell in Wiesbaden umgesetzt?

Der Auftrag lässt sich zusammenfassen unter dem Motto „Bildung für alle“ – also niemand darf aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden. Da sind wir noch nicht, aber wir hoffen, dass Benachteiligungen, die da sind, mit unserer Hilfe ausgeglichen werden. Das ist unser Ansatz in Wiesbaden – Türen zu zeigen und Hilfestellungen zu geben, wie man durch diese Türen kommt entlang der Bildungsbiografie des einzelnen Menschen.

Wie veränderungsfähig ist die vhs Wiesbaden?

Die Volkshochschule ist permanent beta. Wir sind nie fertig in dem, was wir machen. Wir sind eine Einrichtung, die ständig auf das reagiert, was in der Stadtgesellschaft nachgefragt wird, die Themen und Diskurse wahrnimmt und umsetzt in Angebote und Gesprächsangebote. Wenn man sich das Angebot in Zehn-Jahres-Schritten anschaut, stellt man fest, dass wir von Sekretariatsausbildungen über sehr harte berufsbildende Dinge in den Nachkriegsjahren heute im beruflichen Bereich zu einem großen Schwerpunkt in Sachen Soft Skills gekommen sind. Wir werden zum Teil immer spezialisierter mit Angeboten, die sehr in die Tiefe gehen. Natürlich ändert sich unsere Art, mit Themen umzugehen. Eine ganz aktuelle Neuerung ist, dass Vorträge zur politischen Bildung kostenlos angeboten werden. Ich bin sehr froh, dass unser Vorstand das mitgemacht hat. Wir sind der einzige Anbieter politischer Bildung, der nicht konfessionell oder gewerkschaftlich gebunden ist. Mir persönlich gefällt die allgemeine politische Entwicklung im Moment nicht so richtig gut. Wir erleben eine zunehmende Verrohung im politischen Diskurs. Wir müssen uns sehr stark darum bemühen, unsere Demokratie als das zu erhalten, was sie ist. Und die Leute ermutigen, eine demokratische Haltung zu entwickeln und sie zu befähigen, diese Haltung zu bewahren und auszubauen und gegebenenfalls auch mit den richtigen Mitteln zu verteidigen. Mit den kostenlosen Vorträgen wollen wir die Hemmschwelle dafür ganz niedrig setzen, sich eine Meinung zu bilden.

Wie verändert sich die Kundschaft?

Wir haben einerseits Kundschaft, die mit uns alt wird. Das ist ein tolles und sehr anrührendes Phänomen. Ein Kurs heißt „Sport für Herren“, der besteht seit fünfzig Jahren mit fast unveränderter Kundschaft. Wir haben Konversationskurse im Sprachenbereich, die über lange Jahre laufen. Die Altersstruktur ändert sich weniger, die ist immer so ab 30, 35 aufwärts. Vor allem ändert sich aber das Verhalten der Kunden. Buchungen finden kurzfristiger statt, es werden mehr Sonderwünsche formuliert, wir müssen kleinere und zugespitztere Formate anbieten, es gibt mehr Fragen nach Stornobedingungen, die Verbindlichkeit lässt nach.

Der Standort der vhs Wiesbaden ist am Rande der Stadt. Passt das, oder würden Sie sich wünschen, auch baulich ins Zentrum zu rücken?

Ich finde, eine Volkshochschule gehört mitten ins Zentrum. Wir haben großes Glück gehabt mit diesen Gebäuden in den Neunzigern, damals waren das adäquate Räumlichkeiten, was Größe und Ausstattung angeht. Wirklich moderne Erwachsenenbildung-gerechte Räumlichkeiten müssten noch besser erreichbar sein. Wenn ich mir ein Gebäude wünschen dürfte, würde ich es aufs Dern´sche Gelände setzen – es wäre offen, dort wären Begegnungsräume, Kunst und Musik, und wir würden dort und an anderen Stellen der Stadt unsere Kurse anbieten und Begegnungen schaffen. Das ist der Wunschtraum.

MENSCH

Zum Auftakt dieses vhs-Semesters sprach Albert Vorster zum Thema „Warum wir schlafen“. Wie schlafen Sie?

Ich versuche, es im Bett zu tun. Ich habe drei kleine Töchter, die seit einigen Wochen im eigenen Zimmer schlafen und die nachts hin und wieder noch albtraumgeplagt ins Elternbett kommen, da wird es mit dem Schlaf etwas schwierig. An sich versuche ich ausreichend zu schlafen – erst recht, seitdem ich Vorsters Buch gelesen habe. Er führt aus, welche Folgen es haben kann, wenn man nicht genug schläft – Diabetes, Übergewicht, Demenz, Parkinson … das möchte ich alles nicht haben.

Sie waren Jongleur und Leiter eines Zirkusvereins. Was haben Sie sich aus dieser Zeit und Erfahrung erhalten?

Das wichtigste ist das, was wir Jongleure Drop Management nennen: Man wird nie die perfekte Nummer hinkriegen, es wird immer etwas herunterfallen. Dann in Tränen auszubrechen und die Schwerkraft zu verfluchen, bringt einen nicht weiter in der Entwicklung. Es ist der Umgang mit Dingen, die nicht funktionieren, egal, wie lange man geübt und gemacht hat. Bezogen auf die vhs, sprach ein sehr netter Kollege mal von der permanenten Gleichzeitigkeit asynchroner Vorgänge. Damit umzugehen und sich davon nicht verrückt machen zu lassen, sondern eine gewisse innere Gelassenheit zu behalten, das habe ich mir wohl erhalten.

Sie haben in verschiedensten und sehr unterschiedlichen Städten gelebt. Welche hat Sie am meisten geprägt?

Um alle Moderatoren von Radio Hamburg zu zitieren: die schönste Stadt der Welt. Das bekommt man in Hamburg jeden Tag fünfhundert Mal gesagt. Tatsächlich hat mich Hamburg sehr geprägt. Meine Familie wohnt zum Großteil dort, meine Frau ist von dort. Es war etwas Emotionales, als ich mit meinen Zwillingstöchtern, als sie zwei waren, zum ersten Mal über die Reeperbahn gelaufen bin. Es ist eine sehr weltoffene Stadt und entgegen dem Ruf habe ich die Hanseaten auch als sehr willkommen heißend empfunden. Das ist etwas, was ich hier lustigerweise wiedergefunden habe. Auch wenn die Wiesbadener nicht zwingend den Ruf haben, sehr offen zu sein, sind wir doch genau so empfangen worden.

Sie kamen 2016 neu in die Stadt. Welche Tipps geben Sie Neulingen, um in Wiesbaden Anschluss zu finden?

Geht auf die sensor-Partys! Tatsächlich war das meine erste öffentliche Party in Wiesbaden, dort bin ich mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen. Ansonsten: Vernetzt euch! Geht in die gute Vernetzung, die es im Kulturbereich gibt. Trefft euch mit den Leuten. Ich kann ja nur den Kulturbereich überblicken, mindestens dort gilt: Wir haben in der Stadt ein ganz tolles Setting, wir gucken uns in die Augen, und ich habe noch nicht erlebt, dass hier irgendetwas hinterrücks passiert. Das Miteinander hier ist schon sehr ausgeprägt.

Was bedeutet Ihnen Familie?

Alles! Meine großen Töchter hatten einen etwas schwereren Start ins Leben. Das hat uns sehr eng zusammengebracht. Die sind einfach alles, wofür es sich lohnt, irgendetwas zu tun.

Kurz nach dem Interviewtermin wurde bekannt, dass Philipp Salamon-Menger die vhs Wiesbaden verlässt – aus familiären Gründen – und nach Kiel gehen wird, wo er eine Stelle im Schleswig-Holsteinischen Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur antreten wird. Sein Interims-Nachfolger wird sein langjähriger Amtsvorgänger Hartmut Boger, bis zum Sommer soll die Stelle des vhs-Direktors neu besetzt werden, das Ausschreibungsverfahren läuft derzeit, Bewerbungsschluss ist am 8. März