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Der große Test: Wiesbadener Kioske

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Von Alexander Pfeiffer. Fotos Arne Landwehr.

Supermärkte, die immer länger geöffnet haben, und Tankstellen, deren Sortiment an Lebensmitteln sich immer mehr ausweitet, mögen ihm heute Konkurrenz machen – doch der gute alte Kiosk bleibt ein unverzichtbarer Teil urbaner Kultur. Als sozialer Knotenpunkt und Oase der vollgestopften, beengten Gemütlichkeit in der Landschaft immer größerer und immer sauberer Einkaufscenter. Für einen Kaffee auf den Weg, für die Zeitung am Morgen oder die Tüte Chips, die den Abend rettet. Für die Plauderei über den Verkaufstresen hinweg, für die an der Supermarktkasse keine Zeit ist. Für diese ganz spezielle Atmosphäre zwischen Straße und Zuhause, in der die Stadt für ein paar Momente innehält und ihre Geschichten erzählt – und das fast rund um die Uhr.

Der Bringer, Rheinstraße 108

Seit etwa anderthalb Jahren betreibt Feizal Reha seinen Kiosk, der früher eine Apotheke beherbergte und heute auch als Postfiliale fungiert. Und am Freitag und Samstag liefert „Der Bringer“ ab 21 Uhr fast alles, was Herz und Magen zu später Stunde noch begehren, auch nach Hause. Bestellungen werden telefonisch (0611/97170901) oder per E-Mail (info@der-bringer.eu) angenommen. Das schier unüberschaubare Sortiment, das sich bis in die Lagerräume im ersten Stock ausweitet, umfasst neben einer großen Auswahl an Wasserpfeifen und Shishatabak auch etwa 50 verschiedene Wodka-Sorten aus aller Welt. Gerade am Wochenende zieht der Kiosk reichlich Laufkundschaft an. „Da könnte man hier einen Film drehen“, erzählt Fawad Reha, der Bruder des Inhabers. „Dann steht da auf einmal eine Dame mit Papagei auf der Schulter im Laden. Oder eine der vielen WGs aus der Nachbarschaft feiert mal wieder eine Kostümparty und die Leute fallen hier ein.“

Öffnungszeiten: 10:30-0:00 Uhr (Sa/So: 12:00-3:00 Uhr)

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,- € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 1,95 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 7,99 €

Fazit: Der Megastore unter den Wiesbadener Kiosken.

Kiosk 3Weiden, Dotzheimer Str. 61

Dass dieser Kiosk bis vor kurzem ebenfalls eine Apotheke beherbergte, daran erinnern noch die elektrischen Türen, durch die man Elif Lenklitepes kleines Reich betritt. Sie residierte vorher eine Hausnummer weiter und bietet nun neben dem üblichen Kiosk-Sortiment auch Schreibwaren, Spielzeug sowie eine große Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften an. Außerdem kann man bei ihr seinen Lottoschein abgeben. „Vormittags kommen die Älteren und holen ihren Kaffee und die Bild-Zeitung“, erzählt sie. „Nachmittags dann die Schüler, die Süßigkeiten und Getränke kaufen.“ Der mit Blumentöpfen dekorierte Holztresen hinter der großen Scheibe lädt zum Sitzen und Rausgucken ein, während draußen Fahrgäste und gestresste Einkäufer vorbeihuschen. Nachts allerdings wird der Kiosk, dessen Schaufenster auf die Bushaltestelle an der Straße blickt, geschlossen.

Öffnungszeiten: 7:00-23:00 Uhr

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,20 € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 2,50 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 10,90 €

Fazit: Ideal zum Verweilen bei Kaffee und Zeitungslektüre.

Downtown Kiosk, Schwalbacher Str. 67

Wer an den Regalen hoch schaut, die sich hier bis unter die Decke erstrecken, dessen Blick bleibt zu guter Letzt an einer libanesischen und einer deutschen Flagge hängen: Symbole für Herkunft und Heimat von Jack David, der den „Downtown Kiosk“ seit mittlerweile 16 Jahren betreibt. Mit seiner großen Auswahl an edlen Spirituosen hat er sich im ganzen Rhein-Main-Gebiet einen Namen gemacht. So entdeckt man in den Regalen neben libanesischem Anis-Schnaps, diversen Weinbränden und Champagnern vor allem etliche seltene Single Malt Whiskys – bis hin zum 1973 abgefüllten Glenfiddich für 680 Euro. Dazu finden sich direkt neben der Kasse kubanische Zigarren. „Wir haben Kunden, die kommen regelmäßig zu uns nur wegen eines ganz bestimmten Whiskys“, erzählt Ghada David, die Frau des Inhabers. „Weil es den eben nur bei uns gibt.“

Öffnungszeiten: 12:00-3:00 Uhr (Fr/Sa: 12:00-6:00 Uhr)

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,40 € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 2,50 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 13,- €

Fazit: Kiosk de luxe für gehobene Ansprüche. Geheimtipp für Whiskyliebhaber.

Kiosk Lenker, Dotzheimer Str. 37

„Bei mir ist alles ein bisschen anders“, sagt Astrid Lenker-Holmes, die ihren Kiosk vom Vater Edmund Lenker geerbt hat. Der war nach dem Zweiten Weltkrieg der Erste, der in Wiesbaden Alkohol verkaufen durfte. Seinen Kiosk, der einst auch ein Getränke-SB-Markt war, öffnete er vor 34 Jahren. Bis heute kommt er als klassische Trinkhallenbude mit kleinem Verkaufsfensterchen daher. „Früher, als am Wochenende noch keine Lebensmittel in den Geschäften verkauft werden durften, hatten wir an Sonntagen 800 Kunden, haben zu viert hier gearbeitet“, erzählt die Inhaberin. Heute kommen vor allem Anwohner aus der Nachbarschaft, viele von ihnen Studenten, die es zu schätzen wissen, dass man die Flasche Hansa Pils schon für 60 Cent bei ihr bekommt. Astrid Lenker-Holmes’ Lebensmotto hängt handschriftlich zwischen den Flaschen im Regal: „Selig ist, wer nie verlor im Kampf des Lebens den Humor.“

Öffnungszeiten: 17:00-1:00 Uhr (So: 15-1 Uhr)

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,- € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 1,90 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 9,50 €

Fazit: Ein Wiesbadener Original. Dazu unschlagbar günstig. 

Kiosk Saidnaya, Schwalbacher Str. 45

Saidnaya ist der Name eines syrischen Dorfes. „Übersetzt bedeutet er: Jagd nach einem Reh“, erklärt Yacoub Hocho, der bereits seit 11 Jahren unter diesem Namen in der Schwalbacher Straße residiert. „Wir versuchen, fast alles zu haben“, umreißt er seine Geschäftspolitik, und wer sich in seinem Kiosk umschaut, findet seine Worte bestätigt: frisches Obst und Gemüse, Brot, Haushaltsartikel, Nüsse, Gewürze, verschiedene Sorten Baklava, sogar CDs mit arabischer und orientalischer Musik. An der Wand hängt eine Oud, auf der Yacoub auch schon mal für seine Kunden spielt. „Irgendwann hat mal jemand nach Damenbinden gefragt. Seitdem habe ich auch die – unter der Theke.“ Dass an den Abenden des Wochenendes vornehmlich jugendliche Discogänger aus dem benachbarten „Basement“ ihren alkoholischen Bedarf bei ihm decken, nimmt er gelassen: „Ohne Ausweis läuft da gar nix.“

Öffnungszeiten: 9:00-0:00 Uhr (F/Sa: 9:00-7:00 Uhr)

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,30 € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 2,50 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 11,– €

Fazit: Internationales Supermärktchen und Treffpunkt für Nachteulen.

Kiosk Somar, Helenenstr. 1

Mit dem Platz der deutschen Einheit einen der Hauptverkehrsknotenpunkte sowie die Pforte zur Innenstadt direkt vor der Tür – da bekommt das Wort „Laufkundschaft“ seine ureigenste Bedeutung. Die Brüder Yabil und Anibal Gorgiys kriegen hinter der Kasse ihres Kiosks jedenfalls kaum Langeweile. Wer bei ihnen einkauft, bekommt zum superfixen Service immer auch noch ein paar nette Worte und ein breites Lächeln. Fast scheint es, als hätten die beiden in ihrem bis unters Dach mit Getränken, Lebensmitteln, Zigaretten und Tabak vollgepackten Refugium ihre Augen, Ohren und Hände ständig überall. Die Bushaltestelle vor der Tür sorgt zwar für reichlich Müll, aber eben auch für Umsatz. „Ein bisschen ist es wie im Aquarium“, lacht Yabil. „Immer glotzt jemand zu einem rein.“ Neben syrisch-aramäischen Lebensmitteln wie gerösteten Kichererbsen, Humus, Oliven oder Fladenbrot hat er für seine Kundschaft aus aller Herren Länder auch ständig deutsche, türkische, arabische und serbische Zeitungen im Angebot.

Öffnungszeiten: 6:00-0:00 Uhr (Fr/Sa: 8:00-2:00 Uhr)

Preischeck: Flasche Bier (0,5l Beck’s): 1,- € / Tüte Chips (175 gr. funny frisch): 2,20 € / Flasche Wodka (0,7l Gorbatschow): 8,50 €

Fazit: Der Dreh- und Angelpunkt des Wiesbadener Kiosk-Kosmos. Hier gibt sich die ganze Stadt die Klinke in die Hand.

 

 

 

2 Kommentare “Der große Test: Wiesbadener Kioske

  1. Großartig! Ja, das ist es was ich hier am Stadtrand vermisse: Kiosks. Hier in der Bierstadter geht man zur Tanke – wie öde! Möchte denn nicht jemand einen 24/7 Deli oder Kiosk in PLZ 65191 eröffnen?

  2. …für Whisk(e)yliebhaber mit zuviel Geld, wohlgemerkt. Oder sind die Preise im Downtown noch in DMark deklariert? 😉

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