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Falk Fatal und der Superblock: Was „dem Wiesbadener“ reflexartig Zornesröte ins Gesicht treibt

Woran erkennt man einen waschechten Wiesbadener? An der Zornesröte, die ihm ins Gesicht schießt, sobald er die Wörter „Autofreier Sonntag“ liest oder hört. Das funktioniert auch mit „Fahrradfahrer“, „digitales Verkehrsleitsystem“ oder „Kowol“.

Der Wiesbadener liebt sein Auto über alles und verteidigt es mit Haut und Haar. Wenn er glaubt, jemand wolle seinem Auto etwas wegnehmen, dann fährt er schweres Geschütz auf. Er startet eine Initiative Pro Auto und tritt damit zur Kommunalwahl an. Und dass, obwohl es die FDP gibt.

Der Wiesbadener liebt sein Auto sehr. Dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Bismarck-Statue im Neropark gegen ein Autodenkmal auszutauschen, liegt nur daran, dass es seit einigen Jahren kein ordentliches Sommerloch mehr gibt, in dem solch ein Vorschlag mit der angemessenen Ernsthaftigkeit diskutiert werden könnte.

Aber der Wiesbadener hat ja recht. Autofahrer haben es nicht leicht in dieser Stadt. Die Parkplatzsuche ist ein Graus, das Anwohnerparken ein Witz und die Baustellen ein Affront. Selbst, wenn nicht die Fahrbahnen ausgebessert, neue Ampelsysteme installiert oder Umweltspuren ausgewiesen werden, steht der Wiesbadener im Stau. Und wenn der Verkehr doch mal fließt, hat wieder irgendwer die Verkehrsführung geändert, und der Wiesbadener muss jetzt anders abbiegen als die Jahre zuvor und soll der Beschilderung folgen. Dabei ist das Auto doch ein Symbol der Freiheit. Wenn jetzt noch die Gurtpflicht kommt, bleibt dem Wiesbadener nur noch das Telefonieren mit dem Handy am Ohr und der anderen Hand am Steuer.

Doch man muss Verständnis haben. Der Wiesbadener hat Angst, dass es ihm wie den Rauchern ergeht. Zuerst durften sie nicht mehr in Flugzeugen rauchen, dann verboten sie die Fluppe im Großraumbüro und am Schluss wurden sie aus den Restaurants geschmissen. Dieses Schicksal hat der Wiesbadener vor Augen, wenn er vom Superblock-Sonntag liest: auf die zehnstündige Verbannung aus dem Kiez folgt die Erhöhung der Kfz-Steuer und schließlich die autofreie Innenstadt.

Soweit wird es der Wiesbadener nicht kommen lassen! Ihn schleppt man nicht so leicht ab! Wer seinem Auto an den frisch gewachsten Lack will, bekommt Tacheles zu hören. Denn wenn er schweigt, dann würde es ihm wirklich wie den Rauchern ergehen. Die haben sich mit den neuen Regeln arrangiert und finden es gar nicht mehr schlimm, in einer Kneipe zu sitzen, in der man keine Nebelleuchte braucht, um die Toilette zu finden.

Doch genau davor hat der Wiesbadener Angst: dass ihm eine Veränderung, bei der er sich ein wenig zurücknehmen muss, am Ende sogar gefallen könnte, weil sie auch ihm zugute kommt – und wenn es nur ein Sonntagnachmittag ist, den er bei einem kleinen Straßenfest mit seinen Nachbarn verbringen kann.

Mehr Falk Fatal: fatalerror.biz

Der 1. Wiesbadener Superblock-Sonntag wurde – nicht Zornesröte-bedingt, sondern pandemiebedingt – auf 2022 verschoben.

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