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Orangene Zeiten für den Fahrradverkehr: Städtisches Vermietsystem startet – Gratisrunde und Aktionstag

Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

Was lange währt, wird endlich orange – und fährt ab heute quer durch Wiesbaden: Dieser Freitag, der 13., wird ein Glückstag für alle, die auf nachhaltige und zukunftsweisende Mobilität abfahren. Um 15.15 Uhr findet heute die offizielle Einweihung des städtischen Fahrradvermietsystems auf dem Dernschen Gelände statt. Bereits ab 14.30 Uhr sind heute alle Interessierten willkommen am Hauptbahnhof, von wo aus um 15 Uhr die “erste Runde” mit den Rädern startet, in Richtung Dernsches Gelände und für die Premierenradler gratis. Zudem werden auch Gutschein-Codes für weitere Freifahrten an alle TeilnehmerInnen ausgegeben.Wenn ab sofort die 500 knallorangenen Räder in Betrieb sind, bedeutet das ein Happy End einer endlos erscheinenden Geschichte aus Plänen, Diskussionen, Ankündigungen, Verschiebungen, Infragestellungen rund um das Thema Leihfahrräder in der Landeshauptstadt. Und nun: Das erfolgreiche Mainzer Fahrradvermietsystem meinRad wächst (endlich) über den Rhein nach Wiesbaden herüber und soll Einwohner und Gäste der Stadt auch hier verstärkt und flexibel auf die Räder bringen.

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Aktionstag rund um den Startschuss 

Neben dem offiziellen Startschuss des Projektes heute um 15.15 Uhr mit ESWE-Verkehr-Geschäftsführer Jörg Gerhard, den OBs von Wiesbaden und Mainz, Sven Gerich und Michael Ebling, Jochen Erlhof von MVGmeinRad und Verkehrsdezernent Andreas Kowol soll es den ganzen Tag über von 12 bis 18 Uhr auf dem Dernschen Gelände Aktion geben – mit Geschicklichkeits-Parcours, das ESWE-Verkehr-Glücksrad sowie einen Informationsstand für alle Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger. Schon vor dem angekündigten Zeitpunkt um 12 Uhr wurde heute auch die App “ESWE Verkehr meinRad Wiesbaden”  in den Stores für Android- und Apple-Smartphones freigeschaltet – die Registrierung läuft nach einem ersten sensor-Test sehr schnell und problemlos.

Kompatibel mit Mainzer Mieträdern – ab Herbst

Nostalgie und Zukunft unter einem Dach. Die neuen Mieträder für Wiesbaden wurden in der neuen Fahrradwerkstatt auf dem Betriebshof von Eswe Verkehr, direkt neben dem Nostalgiebus, fit gemacht für ihre Einsätze . “meinRad“, in Wiesbaden unter Regie von Eswe Verkehr als ein Baustein des Wandels zum umfassenden Mobilitätsanbieter betrieben, kooperiert mit dem Rad-System der Mainzer Mobilität, dadurch ist das gleiche Preisgefüge und die rheinübergreifende Kompatibilität mit dem dortigen System gegeben – allerdings erst ab Herbst, wenn auch dort die Räder der neuesten Generation in Betrieb genommen wurden und damit Wiesbaden und Mainz auf dem gleichen Stand der Leihfahrrad-Dinge sind.

 

Warum eigentlich “Sorry”? “Hurra” sollte die Botschaft lauten

Bezeichnend  ist natürlich, dass sich die 500 neuen Räder, die an 50 Stationen in ganz Wiesbaden platziert werden, in der (noch) fahrradunfreundlichsten Stadt Deutschlands mit einem devoten “Sorry” vorstellen müssen, es gibt gewiss keinen Grund, sich für´s Fahrradfahren zu entschuldigen. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein hätte hier sicher nicht geschadet. Warum nicht ein einladendes großes “Hurra” auf den Werbeflächen? “HURRA, wir gehen auf Spritztour”, “HURRA, wir radeln los”, “HURRA, hier rollt die Zukunft”, “HURRA, und es bewegt sich doch!” … solche Botschaften würden doch vielleicht deutlich mehr Lust auf´s fröhliche Aufsteigen machen.

Ganz und gar nicht in Hurra-Stimmung sind freilich diejenigen Wiesbadenerinnen und Wiesbadener, die – manche aus purem Reflex, andere mit zumindest aus ihrer individuellen Sichtweise nachvollziehbaren Gründen – in panische Schnappatmung geraten angesichts der Tatsache, dass den erforderlichen Abstellplätzen für die neuen Leihräder tatsächlich auch ein knappes Dutzend Parkplätze in der Autostadt Wiesbaden “zum Opfer fallen”. Eine betroffene Geschäftsfrau hat sich mit einer differenzierten und sachlichen Schilderung ihrer Lage an die Öffentlichkeit, an die Stadt und auch an sensor gewandt (siehe Schreiben im Wortlaut am Ende dieses Beitrags).

Signal für die Innenstadt-Mobilität der Zukunft

Sicher ist der eine oder andere Standort diskussions- und vielleicht gar fragwürdig. Im Grundsatz ist aber jeder für Fahrräder geschaffene Platz einfach ein wichtiges, und im wiederholt zur fahrradunfreundlichsten Stadt Deutschlands gekürten Wiesbaden überfälliges, Signal für eine zeitgemäße und zukunftsgerechte Mobilität. Dass es kein Konzept für die Ewigkeit sein kann, dass über 80 Prozent des öffentlichen Raums einer Stadt von PKW belegt werden, dürfte unstrittig sein.

Auch mit ein paar Kinderkrankheiten und Suboptimalitäten: Der heutige Freitag, der 13., ist ein Glückstag für eine Stadt, die hier mehr Nachholbedarf als viele andere Städte hat, damit aber gleichzeitig auch mehr Chancen und Potenziale. Natürlich auch beim Ausbau von Radwegen in der Stadt und um die Stadt herum und Sicherheitsgefühl für Radfahrer. Denn was nützen die tollsten neuen Räder, wenn viele sich angesichts der besehenden Verhältnisse nicht trauen, diese auch zu benutzen? Im grünen Bereich ist längst noch nicht alles in Sachen “Fahrradstadt” Wiesbaden, aber ab heute zumindest schon mal bei einem zentralenThema im orangenen Bereich.

www.meinrad-wiesbaden.de – Alle Infos zum Preissystem hier.

Unabhängig vom neuen Angebot gibt es weiterhin auch das in Kooperation mit dem AStA der Hochschule RheinMain betriebene Fahrradvermietsystem von nextbike in Wiesbaden.

Die differenzierte Sicht einer Wiesbadener Einzelhändlerin, die das Voranbringen von nachhaltiger Mobilität in Wiesbaden grundsätzlich begrüßt, die Wahl des Standorts der Verleihstation auf bisherigen Parkplätzen direkt vor ihrem Geschäft, Restaurant und Hotel aber nicht nachvollziehen kann. Wir veröffentlichen das Schreiben, das uns Carolina Stirn von Trüffel Feinkost in der Webergasse inklusive Fotos zukommen ließ, im Wortlaut:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

Als Jungunternehmerin in der zweiten Generation fange ich gerade an, dass Unternehmen Trüffel Feinkost zu übernehmen und zu leiten. Unser Geschäft existiert seit 1986 und besteht aus einem Hotel, Restaurant, Feinkostgeschäft und Cateringservice, welches meiner Meinung und der unserer Kunden das Stadtleben und –bild bereichert.

Seit Jahren versuchen meine Eltern schon vor unserem Hotel (Webergasse 6-8) Parkplätze bzw. eine Haltemöglichkeit für unsere Hotelgäste zu erhalten. Dies wurde leider nicht genehmigt, obwohl dies ein Mehrwert für unser Hotel und die Kundenzufriedenheit wäre und ein positives Bild auf eine gastfreundliche Stadt werfen würde. Beim Bau unseres Hotels 2001 mussten meine Eltern für „fiktive Parkplätze“ 280.000€ Abstand bezahlen. Dieses Geld wurde vielleicht für den Bau vom Bowling Green oder für das Parkhaus Coulinstrasse verwendet – ich weiß es nicht.
Viele Jahre haben sie versucht, Parkplätze/Haltemöglichkeit vor unserem Hotel für unsere Gäste zu erhalten. Auch der Kauf zweier Parkplätze vor unserem Hotel wurde abgelehnt. Dazu bin ich weiterhin bereit.

Wiesbaden ist nicht mit Parkplätzen gesegnet, daher habe ich die Hoffnung schon aufgegeben und mich sehr gewundert, als ich am 29.06.2018 festgestellt haben, dass Fahrradständer für eine Mietfahrradstation aufgestellt wurden. Anscheinend ist es doch möglich, dass die Parkplätze für einen anderen Zweck verwendet werden.

Finde es wirklich großartig, dass die Stadt zugunsten des Umwelt- und Klimaschutzes handelt und nachhaltige Mobilität fördert. Dabei haben Sie auch meine vollste Unterstützung. Nur verstehe ich nicht ganz, warum die Fahrradständer nicht auf dem gegenüberliegenden Platz wie z.B. Kaiser-Friedrich-Platz, Spiegelgasse, Webergasse 5, Kranzplatz oder sogar vor unserem Ladengeschäft auf dem Bürgersteig gebaut werden können?

Bei diesen Plätzen handelt es sich auch um verkehrssichere Zonen. Bei der jetzigen Stelle, an der Webergasse 6-8, ist es so, dass sobald ein Fahrrad ausgeliehen wird, derjenige direkt beim Rausziehen des Rades auf der Straße steht. Die vorbeifahrenden Autos, sehen diese Person nicht, da parkende Autos die Sicht verbergen.

An der Spiegelgasse steht auch schon eine Fahrradverleihstation Nextbike (im Bild grün markiert). Die gelb markierten Punkte sind evtl. Alternativen, an denen man die Ständer verkehrssicher und an ungenutzter Fläche platzieren könnte. Der rot markierte Punkt ist der Platz, der gerade für die Ständer benutzt wird.

Ich bin mir dessen bewusst, dass diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen wurde und auch sicherlich viele gute Gründe dafür sprechen, aber aus der Sicht eines Unternehmers, der in Wiesbaden seit mehr als 30 Jahre tätig ist, Arbeitsplätze schafft, Steuern zahlt, Bewegung in die Stadt bringt, etc. es einfach nur schwer nachvollziehbar ist.

Die Parkplatzsituation sollte nicht darunter leiden, dies wurde auch von Herrn Jörg Gerhard, Geschäftsführer von ESWE zugesichert, wie ein Artikel im Wiesbadener Kurier vom 10.03.2018 schildert.  Herr Jörg Gerhard beschrieb, dass es schwer sei, geeignete, freie Flächen zu finden und dabei so wenig Parkplätze wie möglich wegfallen sollten. Leider wurde die getroffene Zusage nicht eingehalten und mitten in der Innenstadt zwei Parkplätze gestrichen.

Durch viele unterschiedliche Gründe (wie beispielsweise Internet, Konsumwandel, etc.) sterben Innenstädte und der Einzelhandel aus. Daher versucht „man“ als Unternehmer mit allen erdenklichen Mitteln seine Kunden zu halten, glücklich und zufrieden zu stellen und weiterhin einen schönen Laden zu präsentieren, um das Stadtbild und die Existenz der Mitarbeiter nicht zu gefährden. Wenn die Stadt allerdings mit Parkplatzkürzungen dagegen arbeitet, ist das für uns sehr kontraproduktiv. Dieses negative Feedback haben wir auch im Laufe der Woche von unseren Kunden über die neu erbauten Ständer erhalten.

Mit freundlichen Grüßen, Carolina Stirn”

3 Kommentare “Orangene Zeiten für den Fahrradverkehr: Städtisches Vermietsystem startet – Gratisrunde und Aktionstag

  1. Irgendwo zwischen Carolina Stirn und Jörg Gerhardt liegt die Wahrheit.
    In der Innenstadt gibt es keine ungenutzter Flächen, viele Flächen werden doppelt oder gar dreifach belegt. Eine Beobachtungsstunde in einer der vielen Straßencafe öffnet einen die Augen.
    Da wundert es mich schon, mit welcher Leichtigkeit ESWE Verkehr es schafft, öffentliche PKW-Stellflächen umzuwandeln. Für nextbike gelten bei der Standortfindung andere Massstäbe, wie man schön am Beispiel beider Standorte “An den Quellen” sieht.
    Auch die Flächenausnutzung der 14 neuen Radabstellplätze lässt im ersten Wurf zu wünschen übrig. Die Integration von Leihradstationen ins Stadtbild wird in den nächsten Jahren deutlich besser gelingen und darauf freue ich mich heute.

  2. Also, ich finde es sehr schade, dass ein im Prinzip gutes Projekt durch die teilweise höchst unglückliche und ungeschickte Wahl der Stellplätze von Anfang an mit so einer Hypothek starten muss. Hier hätte man meiner Ansicht nach mit mehr Fingerspitzengefühl vorgehen müssen. Ich kenne jetzt nur die Stellplätze in der Eltviller Straße und die an der Webergasse und muss sagen: Sieht aus wie ohne Sinn und Verstand umgesetzt.
    Wie gesagt: Damit wurde dem Projekt ein Bärendienst erwiesen. Sehr schade.

  3. Endlich, endlich, endlich!
    Die Räder sehen toll aus, richtig erfrischend, lassen sich gut fahren (besser als die der Bahn) und werden das Stadtbild Wiesbadens rundum bereichern.
    Vergessen wir mal, dass das alles unheimlich lange gedauert hat. Freuen wir uns einfach, dass es noch mehr Räder gibt.
    Immer mehr Wiesbadener fahren Rad, das ist spürbar. Und jetzt noch mehr. Prima!
    Mit dem Sonderangebot fahre ich auf jeden Fall zum Weinfest, nehme dann den Bus zurück. Mein eigenes Rad würde ich nicht stehen lassen über Nacht!

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