| | Kommentieren

Portugal und Portugiesen in Wiesbaden – Wenn Sehnsucht Saudade heißt

Von Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka.

Für Portugiesen in Wiesbaden ist es ein besonderes Jahr: Die katholische Gemeinde feiert ihr 50-jähriges Bestehen nach. Und das derzeit auf Hochtouren laufende exground-filmfest widmet Portugal den Länderschwerpunkt.

Es ist ein breites Spektrum an aktuellen Themen, das im Rahmen des exground-Länderschwerpunkts in den Fokus genommen wird. Sei es die Rolle Portugals als ehemalige Kolonialmacht, die das Filmfest am Beispiel des südwestafrikanischen Angola gleich zwei Mal behandeln wird. Im Vortrag wird die Situation nach der Präsidentschaftswahl im Sommer beleuchtet, eine Video-Ausstellung würdigt Frauen, die für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft haben. Den Blick auf aktuelle portugiesische Themen lenkt eine Foto-Ausstellung. Zum einen geht es um die Folgen der Entkriminalisierung von Drogen, zum anderen um Wohnungsnot in der Hauptstadt Lissabon. Hier leidet die Bevölkerung unter der Airbnb-Industrie. Explodierende Preise und ein niedriges Lohnniveau tun ihr Übriges, um die Wohnraumkrise zu befeuern.

195 – 1669 – 1162

In einer Lesung, in der es um eine obdachlose Transfrau geht, wird eine wahre Geschichte dargestellt. Identität sowie soziale Ungleichheit sind auch Themen, die im Filmprogramm behandelt werden. Außerdem Leben in ländlichen Räumen, Arbeitslosigkeit und Auswanderung. Diese hat sich auch in Wiesbaden niedergeschlagen. Lebten hier 1966 gerade mal 195 Menschen mit portugiesischem Pass, so waren es 1980 bereits 1.669. Inzwischen ist die Zahl wieder gesunken und lag Ende September bei 1.162.

„Portugal hat traditionell eine sehr hohe Auswanderungsrate. Hauptauswanderungsgrund in den 1970-ern war sicherlich die wirtschaftliche Situation und die hohe Arbeitslosigkeit. Heute liegt die Auswanderungsrate unter dem Durchschnitt der Eurozone. Trotzdem ziehen viele junge, gut ausgebildete Menschen noch weg“, berichtet Amos Borchert, Kurator des diesjährigen Länderschwerpunkts bei exground. In einer globalisierten Welt spielen heute jedoch andere soziale Faktoren eine Rolle als in den 1970ern, als es in Portugal nach dem Militärputsch gegen den autoritären Estado Novo zur Rückkehr zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kam.

Rückkehr und Bleiben

Zu diesem Zeitpunkt hat die katholische portugiesische Gemeine in Wiesbaden, die heute Gemeinde für alle portugiesisch-sprachigen Katholiken ist, ihre Sonntagsmesse bereits regelmäßig am heutigen Kirchort Sankt Elisabeth abgehalten. Aus der Gründergeneration sind manche nach Portugal zurückgekehrt, andere sind geblieben. „Deutschland ist meine zweite Heimat geworden. Ich bin zwei Monate im Jahr in Portugal, aber hier sind meine Töchter und meine Enkelkinder“, verdeutlicht Aderito do Carmo Batista. Seit 52 Jahren lebt er jetzt in Wiesbaden. Mit 24 ist er mit einem Arbeitsvertrag der damaligen Chemischen Fabrik Kalle hergekommen. Ursprünglich war der nur ein Jahr gültig und musste immer wieder verlängert werden, bis er nach acht Jahren unbefristet wurde. Um seine Frau nach Deutschland zu holen, habe er damals noch nachweisen müssen, dass er über Einkommen und Wohnraum verfügte.

Eigentlich hatte der 77-jährige ohnehin nur zwei Jahre bleiben wollen, um sich das Geld für ein Studium in Portugal zu verdienen. Doch sei ihm nicht klar gewesen, wie viel seines Einkommens er an Steuern zahlen musste. Nachdem seine neue Kalkulation ergeben habe, dass er erst mit fast 30 Jahren sein Studium würde finanzieren können, sei er froh gewesen, dass ihm das Unternehmen die Möglichkeit gegeben habe, eine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter zu absolvieren.

Ganze Wochenenden gemeinsam verbracht

Das Leben in der portugiesischen Gemeinde sei damals noch intensiver gewesen. Ab freitags nachmittags habe man oft das ganze Wochenende gemeinsam verbracht. Samstags habe man dort zusammen mit Freunden gegessen und sonntags habe man nach der Messe noch Kaffee getrunken. „Die Jüngeren haben heute weniger Zeit und andere Aktivitäten“, weiß Aderito do Carmo Batista. Doch nach wie vor besteht für die insgesamt rund 1.500 Gemeindemitglieder die Gelegenheit, sich sonntags im Anschluss an die Messe bei Kaffee und Kuchen auszutauschen. Während manche der Jüngeren hier mit Smartphone am Tisch sitzen, stehen manche der Älteren bei einem portugiesischen Dessertwein, einem Moscatel do Douro beisammen.

Mit Marco Pinto ist ein Kind der Gründergeneration inzwischen der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats. „Die Gemeinde ist Ansprechpartner für viele soziale Belange. Bei der Caritas gibt es eine portugiesischsprachige Ansprechpartnerin, die bei Behördengängen oder Arztbesuchen unterstützt. Bei finanziellen Angelegenheiten ist in der Gemeinde auch schon gesammelt worden“, berichtet Marco Pinto.

Impuls für die junge Generation

Sein Stellvertreter im Pfarrgemeinderat ist mit 22 Jahren sogar noch jünger. „Es gibt immer weniger junge Leute, die sich aktiv einbringen. Ich möchte sehen, dass ich einen Impuls setzen und andere motivieren kann“, erklärt David Silveira Homem. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen übernimmt er sonntags im Anschluss an die Messe die Vorbereitung der Kinder auf die Erstkommunion, die dann traditionell gemeinsam mit denen des Kirchorts in beiden Sprachen erfolgt, wie Diakon Paulo Alexandre Caldeira Perreira erklärt.

Die Gemeinde ist gleichzeitig Keimzelle für eine Vielzahl kultureller und sportlicher Aktivitäten gewesen, die durch die portugiesische Gemeinschaft in Wiesbaden ins Leben gerufen worden ist. „Das war eine schöne Zeit. Ich bin froh, dass ich hergekommen bin. Ich habe hier gute Freunde gefunden, auch unter den Deutschen“, blickt Adélia Vilela zufrieden zurück.

(Tanz-)Partner fürs Leben gefunden

Vor allen Dingen hat sie einst auch ihren Ehemann José in der Folklore-Tanz-Gruppe kennengelernt, die heute ihre Tochter leitet. Zwar hat man in diesem Jahr zum ersten Mal seit deren Bestehen nicht beim Internationalen Sommerfest auf dem Schlossplatz auftreten können. Aber im nächsten Jahr soll es mit dem Training weitergehen.

„Die dritte Generation kommt nach. Wir erzählen den Kindern, woher das kommt, was das für Tänze sind und warum man die Kleidung trägt“, erklärt Carla Vilela-Cruz. Allerdings sei es bereits in der zweiten Generation nicht mehr so einfach, gemeinsame Aktivitäten aufrecht zu halten. Denn wer in Eltville oder in Hochheim lebe, engagiere sich in Vereinen vor Ort und habe dadurch weniger Zeit für die Gemeinde in Wiesbaden. Eine portugiesischsprachige Theatergruppe gehört bereits der Vergangenheit an.

Heimatlose Fußballer

Die Fußballer des Portugiesischen Sportvereins (PSV) nehmen derzeit nicht am Spielbetrieb teil. Unter anderem, weil dem Trägerverein Clube Portugues 8 de Dezembro ein Vereinsraum fehlt. „Wir hatten keine Heimat mehr, kein Geld für die Mannschaft. Aber der Portugiesische Sportverein wird nächste Saison wieder spielen“, berichtet der ehemalige PSV-Vorsitzende Manuel Cardoso.

Weiter aktiv ist der 1979 gegründete Portugiesische Elternverein, Pais Portugueses de Wiesbaden. Dessen Mitglieder haben gerade ein neues Aufgabenfeld dazugewonnen, denn ab kommendem Schuljahr kann Portugiesisch an hessischen Schulen als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten werden.

Neues Schulfach Portugiesisch

„Es ist schön, dass es das Angebot gibt, aber das muss jetzt gelebt werden“, verdeutlicht Carla Vilela-Cruz. So stelle sich etwa die Frage, ob es ausreichend Lehrkräfte für eine flächendeckende Versorgung gebe. Ursprünglich gegründet worden ist der Verein, um den muttersprachlichen Unterricht aufrecht zu erhalten. Dieser findet in Wiesbaden derzeit an zwei Nachmittagen in der Woche in der Albrecht-Dürer-Schule statt und wird getragen vom Instituto Camoes.

Aktuell nehmen daran mehr als dreißig Schüler teil, die bereits in der Vorschule beginnen und bis zu ihrem Schulabschluss ihre Muttersprache lernen können. „Ich teile sie je nach Alter und Sprachniveau in zwei Gruppen auf“, erklärt Lehrer Luís Alberto Gomes Lopes. Bei Kindern im Grundschulalter verzichte er auf Klausuren, später lasse er auch mal Diktate schreiben, in der Hauptsache erfolge die Evaluation jedoch über Referate. Die Teilnahme koste pro Jahr maximal 100 Euro und beinhalte alle zwei Jahre die Möglichkeit, in Frankfurt eine Prüfung des Sprachniveaus zu absolvieren.

Sprache trifft Kultur

„Es sind heute weniger Kinder, die zuhause Portugiesisch reden“, weiß Luís Alberto Gomes Lopes. Ziel sei daher, eine Verbindung zu Sprache und Kultur zu entwickeln. Dabei vermittle er sowohl formelle Sprechweise als auch Alltagsjargon anhand von Themen wie Musik, Sport oder Design, die nach Möglichkeit ausschließlich auf Portugiesisch behandelt werden. „Mir war wichtig, die Sprache meiner Eltern grammatikalisch einigermaßen einwandfrei sprechen zu können. Bei meiner Tochter funktioniert das nicht mehr so gut. Das passt zeitlich einfach nicht mehr mit der Ganztagsschule“, erläutert Marco Pinto.

Im muttersprachlichen Unterricht habe er bis heute bestehende Freundschaften gefunden, die zwischen Kindern aus verschiedenen Stadtteilen sonst vielleicht nie zustande gekommen wären. Vor Ausbruch der Pandemie hat der Elternverein auch gemeinsame Ausflüge ins Museum oder die Teilnahme am Kinderumzug in der Wiesbadener Fastnacht organisiert. Die Flotte portugiesischer Seefahrer ist dabei im Jahr 2020 prämiert worden.

Orte portugiesischen Lebensgefühls

An manchen Stellen in der Stadt ist portugiesisches Lebensgefühl dauerhaft erlebbar. Etwa im Casa Algarve 2 in der Karlstraße, wo man portugiesische Spezialitäten von Stockfischkroketten über Puddingtörtchen namens Pastei de Nata bis zum Vinho Verde findet. Weine und kleine Speisen können auch vor Ort verzehrt werden. „Das ist ein Treffpunkt, genauso wie überall in Portugal, aber in der Bar sind mehr Deutsche als Portugiesen“, berichtet Nuno Estoura. Die Auswahl an Lebensmitteln ist klein, aber fein. „Wir versuchen die Erinnerungen zu erfüllen, die die Leute an Portugal haben. Aber alles können wir nicht bieten“, verdeutlicht Nuno Estoura.

Authentische portugiesische Küche gibt es weiterhin auch im Restaurant Algarve, selbst wenn die neue Besitzerin aus Brasilien stammt. „Es ist mir wichtig, dass hier alles frisch aus der Küche kommt. Die Zubereitung beginnt erst, wenn die Bestellung eingeht“, erläutert Gilda da Silva. Wer ein schnelles Essen suche, gehe besser woanders hin.

Das Geheimnis der Venusmuscheln

Die Frankfurterin könne sich noch genau daran erinnern, dass sie vor Jahren hier Venusmuscheln nach Art des Hauses gegessen, aber das Rezept nicht verraten bekommen habe. „Jetzt habe ich das Restaurant und das Rezept“, erklärt sie lachend. Neben Köchin Maria habe sie auch ein treues Publikum übernommen, dass ihr während der Kontaktbeschränkungen verlässlich das bei der Auslieferung verwendete Geschirr zum Kaiser-Friedrich-Ring zurückgebracht habe.

Geschirr im Trend

Portugiesisches Geschirr ist im Übrigen aktuell sehr angesagt in Wiesbaden. Gleich zwei Geschäfte haben seit Sommer geöffnet und bieten von Tellern und Tassen bis zu Kannen und Karaffen ein breites Sortiment an Farben und Mustern. In der Fußgängerzone handelt es sich um einen Ableger der Kette Motel a Miio. Bei Pepé -Cerâmica de Portugal auf der Taunusstraße – als Start-up im erst Mitte September von Tobias Göbel und Dan Tettenborn eröffnet – finden sich neben der Keramik auch Produkte wie Kissen, Decken oder Katzenkörbchen. Dass man sich hier mit Innenausstattung beschäftigt, macht auch die stilvolle Einrichtung deutlich. Vorerst ist das Geschäft als Pop-Up-Store für drei Monate gedacht. Wenn das Konzept ankommt, besteht die Möglichkeit, am selben Standort weiter zu machen.

Elegante Mode

Schon lange etabliert hat sich Schneidermeisterin Isabel Loureiro in ihrem Atelier in der Häfnergasse. Dass sie einst aus Portugal nach Wiesbaden gekommen ist, ist ihrem Stil durchaus anzumerken. Die Eleganz der Formen ist typisch für Mode aus dem Mittelmeer-Raum, die sportlichen Schnitte bei den Kreationen für Männer bringen zum Teil einen Hauch von Seefahrt mit sich. Etwa das dreiteilige Sakko, das über ein Reißverschlusssystem mit einem Sweatshirt und einer Kapuze verknüpft, aber auch solo getragen werden kann. Wird dieses Modell für Isabel Loureiro in Portugal hergestellt, erfolgt die Maßanfertigung im Atelier, wo die Modemacherin die Menschen, die sie bekleidet, erst mal im Gespräch kennenlernt – bei einem Kaffee oder Portwein.

Portugal erleben

sensor präsentiert das exground Filmfest mit dem Länderschwerpunkt Portugal vom 11. bis 20. November. www.exground.com

Am 26. November ab 19.30 Uhr lädt die portugiesischsprachige Gemeinde zu einem Fado Abend ein.

Ab Anfang Dezember wird sowohl in gedruckter Version als auch auf der Webseite das Kursprogramm der vhs Wiesbaden für das erste Semester 2023 publiziert. Dort können sich Interessierte über das Sprachangebot informieren. Zu Beginn des neuen Semesters werden dann auch wieder (brasilianische und europäische) Portugiesisch-Kurse angeboten.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.