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Stand der aufregenden Tanzdinge: Europäischer Nachwuchs präsentiert sich in Wiesbaden

Sylva Šafkovás Choreografie „Why things go wrong“ dreht sich um das Thema der (un)moralischen, ethisch herausfordernden Natur menschlichen Verhaltens, die allzu oft das Leben aller um sie herum beeinflusst – um eine Situation, in der alles gut lief, bis alles schief ging. Foto Vojtěch Brtnický

Ein bedeutendes europäisches Tanzfestival findet erstmals in Deutschland statt. Für die Premiere wurde Wiesbaden als Austragungsort auserkoren.

Ein ganz besonderes Festivalhighlight kommt mit dem „Spring Forward 2024“ des europäischen Tanznetzwerks Aerowaves nach Wiesbaden. Das Hessische Staatsballett richtet das jährlich stattfindende Nachwuchsfestival des zeitgenössischen Tanzes zum ersten Mal in Deutschland aus.

Vielversprechende Dynamik

„Spring Forward“ hat sich zu einer Plattform für die dynamischsten und vielversprechendsten Choreograf:innen Europas entwickelt, um ihre Arbeiten Fachleuten der darstellenden Künste, aber auch dem lokalen Publikum, vorzustellen. Das Programm bestreiten die „Aerowaves Twenty-Artists“ des laufenden Jahres, die aus hunderten Einsendungen von den Vertreter:innen der Partnerinstitutionen ausgewählt werden.

Wiesbaden Ballettdirektor Bruno Heynderickx ist seit 2019 deutscher Aerowaves-Partner. Das Netzwerk von 44 Partner:innen ist in 35 Ländern vertreten und seit 1996 eine Drehscheibe für Tanzentdeckungen in Europa. Jedes Jahr werden die vielversprechendsten neuen Arbeiten von aufstrebenden Choreograf:innen präsentiert und in grenzüberschreitenden Aufführungen gefördert.

Brandneues auf der Bühne

Auch wenn „Spring Forward“ hauptsächlich ein professionelles Festival ist, sind einige der Werke für die Öffentlichkeit zugänglich. Tanzinteressierte bekommen so die Chance, eine große Vielfalt an brandneuen Tanzkünstler:innen zu entdecken, von denen die meisten zum ersten Mal international zu sehen sind – und zwar in Wiesbaden die folgenden Choreographien

„Microworlds“ heißt die Choreografie von Jazmína Piktorová & Sabina Bočková: Unsere Erde ist voll von Welten in Welten. Jede dieser Mikrowelten führt ihr eigenes, einzigartiges Leben. Durch Mikrobewegungen, Körperlandschaften und kleine Objekte konzentriert sich die Performance auf winzige Dinge, die oft übersehen werden. Vor dem Hintergrund einer hektischen und unüberschaubaren Welt werden die Zuschauer dazu eingeladen, die kleinen und verletzlichen Dinge des Alltags wieder zu schätzen. Diese spielerische und poetische Performance erforscht die Zerbrechlichkeit unserer Existenz und bezaubert Erwachsene und junge Zuschauer gleichermaßen.

In „Born by the Sea“ von Fran Diaz kreuzen sich die Wege zweier Menschen. Die Spuren ihrer vergangenen Erfahrungen überschneiden sich und weichen voneinander ab, beeinflussen ihre Bewegungen und Entscheidungen. Eingerahmt von verblassten Erinnerungen und der romantischen Düsternis von Richie Culvers gesprochenen Worten, fungieren ihre Körper als lebende Archive. Diese erinnern uns daran, dass einige Spuren der Vergangenheit uns stärken, andere aber auch zurückhalten können und prägen tiefgreifend die Art und Weise, wie wir uns bewegen und das Leben meistern.

„Megastructure“ ist ein Puzzle, ein performatives Tanzduett, dessen Teile ständig zerlegt, gesucht, getestet und neu erfunden werden. Die Choreograf:innen und Performer:innen Sarah Baltzinger und Isaiah Wilson nutzen ihre Körper in ständiger Kohabitation, um das traditionelle Format von Theater- und Tanzstücken zu dekonstruieren. Was erwartet das Publikum von einer Aufführung? Was ist notwendig, um etwas zu schaffen? Ohne Musik oder andere Ablenkungen ist MEGASTRUCTURE sowohl eine immersive Erfahrung als auch eine fesselnde Performance.

Sylva Šafkovás Choreografie „Why things go wrong“ dreht sich um das Thema der (un)moralischen, ethisch herausfordernden Natur menschlichen Verhaltens, die allzu oft das Leben aller um sie herum beeinflusst. Inspiriert von Aron James‘ Buch „Assholes: A Theory“, bringt Šafková eine häufige Erfahrung zur Sprache: Eine Situation, in der alles gut lief, bis alles schief ging. Manchmal ist es nur ein Zufall, aber oft lässt sich ein bestimmter Schuldiger ausmachen. Die Performance befasst sich mit dem Übel, das solche Menschen anrichten.

REFACE ist ein Ort zum Spielen, ein Ort, an dem man vorgibt, jemand anderes zu sein. Wer ist es? Was ist es? Ein Geist? Ein Kind? Lachen oder Schrecken? Alles ist Verwirrung und Illusion. Spiel und Täuschung. Kino und Lüge. Die Choreographie von Les Idoles ist ein physisches und musikalisches Forschungsprojekt, das auf der Idee der Transformation und Deformation basiert. Alles ist Übergang: unsere Körper, unsere Erinnerungen, unser soziales Umfeld, unsere Beziehungen. REFACE zielt darauf ab, diese unmerklichen und unaufhörlichen Metamorphosen sichtbar zu machen, die die Komplexität unserer Identität offenbaren.
„fatigue“ schließlich hat Viktor Szeri (Foto Iringo Simon) seine Choreographie genannt. Stimmungsschwankungen, verlangsamte Reflexe, Schwindelgefühl: Die verschiedenen körperlichen und psychischen Symptome des Burnout schleichen sich unbemerkt in den Alltag ein. In einem Klima, in dem die Arbeit dem Leben einen Sinn gibt: Was kann ein Künstler tun? Die ununterbrochene Produktion und die Anhäufung von Projekten werden als Schlüssel zu unserem Erfolg angesehen, obwohl sie uns in Richtung Burnout treiben. In diesem Solo baut Viktor Szeri eine Choreografie über die Müdigkeit, über das Nichts-Wollen. Er erforscht die Grenzen und die Toleranz seines eigenen Körpers durch den Filter des Burnouts und experimentiert gleichzeitig damit, wie das Publikum mit dieser sedierten Vision umgeht.

„Spring Forward 2024“ findet vom 20. bis zum 23. März an den beiden Standorten des Hessischen Staatsballetts in Wiesbaden und Darmstadt sowie in Kooperation mit dem tanzmainz Festival UPDATE auch am Staatstheater Mainz statt. Alle Infos und Tickets gibt es hier und hier.

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