Zum Inhalt springen
|

Zeitgenossin – Eine Kolumne über Gesellschaft und Zeitgeist

Sensibel und neugierig, manchmal unbequem. Jeden Monat denkt Sensor-Leiterin Christina Langhammer laut über das nach, was uns alle angeht – und über das, was wir manchmal lieber nicht sehen wollen.

Jeden Morgen laufe ich an seiner Kunst vorbei und tue nichts

Nahezu täglich laufe ich durch die belebte Langgasse zu meinem Büro im Wiesbadener Pressehaus. Cafés, Geschäfte, Passant*innen. Und immer wieder die Menschen, die in der Fußgängerzone um Geld bitten.

Einer fällt mir seit Monaten auf. Er sitzt in der Nähe des ehemaligen SportScheck-Gebäudes, reiht jeden Morgen Kuscheltiere um seinen Spendenbecher und legt daneben eigene Zeichnungen aus – bunte Bilder mit Lackstiften und Filzmalern, manchmal collageartig, manchmal mit Wörtern oder ganzen Sätzen. Was sie bedeuten, weiß ich nicht. Ich habe bisher nicht gefragt.

Was ich weiß: Ich gehe jeden Morgen daran vorbei.

Zum Nachdenken gebracht hat mich das erst jetzt – ausgerechnet durch die Titelgeschichte dieser Ausgabe. Durch die Initiative „Touched by Art“ arbeiten Künstler*innen mit und ohne Behinderung über mehrere Monate gemeinsam an einem Werk, viele von ihnen seit Jahren im Offenen Atelier des Trägers EVIM. Es sind Menschen, die gestalten, die ihrer Arbeit Zeit und Ernsthaftigkeit widmen – und die trotzdem immer wieder erklären müssen, warum das zählt. Was mich dabei beschäftigt: Der Mann in der Langgasse tut im Grunde dasselbe. Nur dass niemand ein Projekt um ihn herum gebaut hat.

Das ist der Unterschied zwischen ihm und einem/einer Künstler*in, dessen/deren Werk in einer Galerie hängt – nicht Talent, nicht Ernsthaftigkeit, nicht einmal zwingend Qualität. Es ist der weiße Raum drumherum. Die Beleuchtung. Das Schild mit dem Namen. Der Kontext, der entscheidet, ob wir innehalten oder weitergehen.

Talent allein öffnet keine Galerietür. Wer finanziell abgesichert aufwächst, übersteht Ausbildungskosten, unbezahlte Praktika und einkommenslose Phasen leichter. Wer Netzwerke hat, findet schneller Zugang zum Kulturbetrieb. Wer von Armut, Krankheit oder Ausgrenzung betroffen ist, trägt eine zusätzliche Last – bevor überhaupt jemand das erste Bild betrachtet hat. Das sagt nichts über die Qualität eines Werks aus. Aber sehr viel über seine Chancen, gesehen zu werden.

Ich merke beim Schreiben, wie problematisch es ist, diesen Mann zur Symbolfigur zu machen. Ich kenne seinen Namen nicht, seine Geschichte nicht, nicht einmal seine eigene Bezeichnung für das, was er tut. Vielleicht nennt er es gar nicht Kunst. Vielleicht ist ihm das gleichgültig.

Was mich beschäftigt, ist weniger er als ich: Ich schreibe über Kulturzugänge, urteile täglich über das, was Aufmerksamkeit verdient – und bin an ihm vorbeigegangen. Jeden Morgen. Beim nächsten Mal frage ich ihn, ob er seine Bilder verkauft. Vor allem aber frage ich ihn, wie er selbst sie nennt.

Lesetipp von mir: Der Titelartikel der Septemberausgabe zum inklusiven Kunstprojekt „Touched by Art“.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert