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„Zuhause auf der Straße“: Ehemaliger Wohnungsloser führt am 11. September durch die Stadt

Erich Schmidt lebte auf der Straße und war jahrelang Alkoholiker. Seit 15 Jahren ist er trocken und hat wieder Arbeit. Am 11. September bietet er in Wiesbaden eine Stadtführung an zum Thema „Zuhause auf der Straße“.

Zwischen 400 und 500 Menschen leben in Wiesbaden ohne festen Wohnsitz – immer mehr von ihnen haben mit psychischen Problemen und Pflegebedürftigkeit zu kämpfen. Auch die Zahl der unter 18-Jährigen unter den Wohnungslosen steigt. Am Tag der Wohnungslosen können am 11. September auch in Wiesbaden unverfälschte Einblicke in das Leben der Betroffenen bekommen – unter anderem bei der Stadtführung mit einem ehemaligen Wohnungslosen.

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„Gerade in den Städten, wo der Wohnraum knapp wird, trifft es die Schwächsten am härtesten“, sagt Agim Kaptelli, Leiter des Diakonischen Werks Wiesbaden. „Es ist unsere Aufgabe, ihr Schicksal sichtbar zu machen.“ Deswegen laden Evangelisches Dekanat und Diakonisches Werk Wiesbaden am 11. September, dem bundesweiten Tag der Wohnungslosen, ab 11 Uhr auf den Mauritiusplatz ein. Um 16 Uhr beginnt dort unter anderem eine Stadtführung mit dem Titel  „Zuhause auf der Straße“ mit Erich Schmidt, der selbst eineinhalb Jahre auf der Straße gelebt hat.

Der heute 57-Jährige war jahrelang Alkoholiker, Stammkunde in der Teestube und hat mehr als 20 Entgiftungen hinter sich. Heute lebt er mit seiner zweiten Ehefrau in einer gemeinsamen Wohnung in Rheinhessen. Er ist seit 15 Jahren trocken, und hat Arbeit – als Nachtwache im Übergangswohnheim der Diakonie in Erbenheim.

„Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg – so fing das damals an“

Wie viel Leid und Elend damit verbunden ist, sein Zuhause zu verlieren und auf der Straße zu leben, das hat Erich Schmidt am eigenen Leib erfahren: „Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg – so fing das damals an“, erinnert er sich. Aus ein paar Feierabendbieren und Schnäpsen wird eine Alkoholsucht, die sich immer weiter in seinen Alltag frisst. „Als Suchtkranker brauchst du jeden Cent für Alkohol“, sagt er. Seine Miete kann er nicht mehr zahlen, seine Frau verlässt ihn, eine Bekannte rammt ihm im Drogenrausch ein Messer ins linke Schienbein. Das Bein wird zur Hälfte amputiert. Als er aus dem Krankenhaus kommt, landet er auf der Straße.

„Das Schlimmste ist die Kälte in der Nacht“

„Ein einbeiniger Alkoholiker – was hatte ich für eine Chance?“, sagt Schmidt. Zunächst schläft er im Biebricher Schlosspark, später schiebt er Bänke an der Ringkirche zusammen oder liegt an einer Bushaltestelle an der Dotzheimer Straße. „Das Schlimmste ist die Kälte in der Nacht, die einem in alle Knochen kriecht“, erinnert sich Schmidt. Wieder und wieder macht er Entgiftungen und Therapien, und schafft es nicht. „Einmal bin ich aus der Suchtklinik raus und eh ich in Wiesbaden ankam, war ich schon wieder volltrunken. Ich habe einfach keinen Ausweg gefunden.“

Die Frage „Was willst du noch alles verlieren?“ war der Wendepunkt

Es sind die Sozialarbeiter des Diakonischen Werks, die ihn von der Straße holen und ihm einen Platz im Übergangswohnheim in Erbenheim anbieten. Zum ersten mal hat er seit eineinhalb Jahren wieder ein Dach über dem Kopf. Die Kraft, seine Sucht zu besiegen, gibt ihm dann die Frau, die er später heiraten wird: „Wir waren früher schon mal zusammen, und als ich das Zimmer in Erbenheim bezogen hatte, hab ich sie nach langer Zeit wieder angerufen“, erzählt er und erinnert sich sogar noch an das Münztelefon im Flur des Wohnheims. Sie will den Kontakt mit ihm nur wieder aufnehmen, wenn er seine Sucht in den Griff bekommt. Und es gelingt ihm. „Damals dachte ich: Du hast alles verloren, sogar ein Bein. Was willst du noch alles verlieren? Das war der Wendepunkt.“

Heute sprüht der 57-Jährige vor Lebensfreude. Er hat eine Selbsthilfegruppe für Wohnungslose gegründet und ist froh, dass er eine Frau an seiner Seite hat, die ihn unterstützt: „Wenn man mal so tief im Sumpf steckte, dann ist man einfach dankbar.“

Programm am 11. September in Wiesbaden:
11 bis 16 Uhr, Mauritiusplatz
: Aktionen und Informationen.
16 Uhr, Mauritiusplatz: „Zuhause auf der Straße“ – Thematische Stadtführung mit dem ehemaligen Wohnungslosen Erich Schmidt.
19 Uhr, TAG.WERK (Bismarckring 6, 65185 Wiesbaden): „Damit Hilfe auch ankommt“ – Info- und Gesprächsabend zum Thema Wohnungslosigkeit.

Das große 2×5-Interview mit Matthias Röhrig, Leiter der Obdachlosen-Einrichtung „Teestube“, könnt ihr hier lesen.

(sun/ Foto: Andrea Wagenknecht /Ev. Dekanat Wiesbaden)

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