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Alle im grünen Bereich: Die neue Lust am Gärtnern hat auch Wiesbaden erfasst

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Von Hendrik Jung. Fotos Samira Schulz.

Abwechslung vom Schreibtisch. Selbst gezogenes Gemüse im Kochtopf. Lebensraum für Insekten. Humushaltige Erde. Verschiedenste Motivationen, eine gemeinsame Leidenschaft: die neue Lust am Gärtnern, die auch Wiesbaden erfasst.

„Wir fangen an den Ecken an. Ungefähr eine Handbreit daneben kommt die nächste hin“, erklärt Johannes Löhde den Mitgliedern der Garten-AG der Elly-Heuss-Schule. Diese sind gerade dabei, einen Teil der ehemaligen Grünfläche auf dem Platz der Deutschen Einheit mit Heckenrosen zu bepflanzen. Die rund 24 Quadratmeter große Fläche gegenüber ihres Schulgeländes ist Teil eines neu angelegten „BürgerInnen-Gartens“ und soll auch in Zukunft von den Mitgliedern der AG gepflegt werden. „Das macht mir Spaß, sonst wäre ich nicht hier“, stellt der 12-jährige Daniel klar. Ob zu Hause, bei den Nachbarn oder im Garten der Großeltern, überall helfe er gerne mit:„Am liebsten mähe ich eigentlich Rasen, aber ich pflanze auch gerne oder überlege, wie man es schöner machen kann.“

Auch die gleichaltrige Amy hat schon einige Erfahrung gesammelt, weil ihre Mutter Hobby-Gärtnerin ist. „Die Pflanzen müssen angedrückt und gewässert werden“, weiß sie etwa. Dennoch ist der gelernte Gemüsegärtner Johannes Löhde ständig unterwegs, um die Arbeit zu kontrollieren und voran zu bringen. Auch bei der Löwenzahn-Gruppe aus dem benachbarten Haus der Kinder, die ebenfalls eine Fläche gestaltet und pflegt. „Wir sind jeden Tag draußen unterwegs und haben schon die ganze Woche mit Spannung die Vorbereitungen beobachtet“, berichtet Einrichtungsleiterin Birgit Fetz-Kappus. Mit Hilfe des Gartenbau-Unternehmens Gramenz sind zunächst der Rasen und der darunter befindliche Schotter entfernt worden, um dann die vom Grünflächenamt zur Verfügung gestellte Erde einzufüllen.

Bevölkerung packt an

„Anwohner haben mehrfach angefragt, ob man aus dem Grünstreifen nicht mal was machen könnte“, erzählt Ute Ledwoyt vom Verein Kubis e.V. Dieser setzt den BürgerInnen-Garten als Projektträger der Veranstaltungsreihe „Kulturgarten Westend“ um, die in diesem Jahr unter dem Motto „Lust auf Grün“ stattfindet. Damit er wächst und gedeiht, ist zusätzlich zum Einsatz der Kinder weitere Unterstützung aus der Bevölkerung notwendig. So hat eine Dame eine Saatmischung beigesteuert, weil ihr Schmetterlinge besonders am Herzen liegen. Auch Mitglieder der Initiative für solidarische Landwirtschaft, Apfelkomplott, sowie des Ortsbeirats haben ihre Mitarbeit angekündigt.

Ein anderes, ökologisches Bürgergarten-Projekt mit dem Namen Atzelberg läuft bereits im fünften Jahr erfolgreich auf einem Grundstück seitlich der Platter Straße. „Hier findet sehr viel Begegnung statt. Es geht auch um Austausch“, berichtet Dorisa Winkenbach. Jeden Mittwoch Nachmittag ist der Garten zwischen 15 und 19 Uhr für Interessierte zugänglich, wenn das Wetter passt. Immer wieder bildet sich eine neue Gruppe um die Initiatorin, denn regelmäßig werden Teilnehmende flügge und suchen sich einen eigenen Garten oder starten ein Projekt in ihrem Wohnumfeld. Allein die Stadt Wiesbaden verfügt über 1.660 Gärten, die sie an die Kleingärtnervereine verpachtet, die dann die Vergabe an die einzelnen Mieter regeln. Zur Zeit sei die Warteliste weitgehend abgearbeitet, heißt es aus dem Grünflächenamt.

Permakultur im Friedensgarten

Im Gartengebiet hinter der Dürer-Anlage hat eine Gruppe aus der Transition Town-Bewegung einen „Friedensgarten“ als Gemeinschaftsprojekt ausgerufen, in dem mit der nachhaltigen Permakultur experimentiert wird. Mittlerweile wird es jedoch nicht mehr als öffentliches Projekt betrieben, weil sich viele, die anfangs daran interessiert gewesen sind, zurückgezogen haben. In kleinerem Rahmen sammelt man privat jedoch weiter Erfahrungen. „Die Feuchtigkeit am Anfang des Jahres hat uns schon vor einige Probleme gestellt. Wir haben nicht gewusst, wie man damit umgeht und gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, wenn niemand dabei ist, der sich auskennt“, berichtet Klaus Wollner.

Auch noch nicht so richtig ins Rollen gekommen ist das Urban Gardening-Projekt des Stadtjugendparlaments. Bereits vor drei Jahren hat man das Konzept verschiedenen Ortsbeiräten vorgestellt. In Sonnenberg sogar einen konkreten Gestaltungsplan. „Wir haben vorgeschlagen, im Klaus-Miehlke-Park Hochbeete anzulegen, die auch für Behinderte zugänglich sind“, erzählt Maximilian Klühspies vom Arbeitskreis für Umwelt und Stadtbild. Trotz anfänglichen Interesses sei die Sache jedoch im Sande verlaufen. So wie in allen Ortsbeiräten außer in Naurod, wo sich der CDU-Ortsverein der Sache angenommen hat. „Irgendwer muss damit ja auch mal anfangen.

„Essbares Dorf“ Naurod

Man kann den Jugendlichen nicht immer nur sagen: Tolle Sache“, erläutert der Ortsvereins-Vorsitzende Volker Bienstadt. Anstatt im Becken des ehemaligen Laufbrunnens hinter der evangelischen Kirche wie früher Blumen anzupflanzen, gedeihen hier nun im Sinne einer essbaren Stadt, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren. Das Jugendparlament will weiter an der Sache dran bleiben, sich aber in Zukunft mit ihrem Anliegen direkt an die Stadtverwaltung wenden.

„Wir wollen mit den Ämtern ein gemeinsames Konzept entwickeln und sehen, wo sind Freiflächen? Wo lässt sich was realisieren?“, erläutert der Vorsitzende des Jugendparlaments, Silas Gottwald. Man darf gespannt sein, was daraus wird. Immerhin ist es bei der Recherche zu diesem Artikel nicht möglich gewesen, ein Interview mit einer Vertreterin oder einem Vertreter des Grünflächenamtes zu führen. Weder zum Thema Urban Gardening, noch zum Thema Baumscheiben. Dabei berichtet Ute Ledwoyt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Kulturgarten Westend, dass das Grünflächenamt sechs dieser Flächen rund um Alleebäume im Westend für die Nutzung durch Anwohnerinnen und Anwohner vorbereitet und sogar die Erstbepflanzung dafür übernommen hat.

All-inclusive-Gemüsegarten mieten

Fest steht: Am einfachsten lässt sich städtisches Gärtnern betreiben, wenn man eigene Flächen zur Verfügung hat. So betreibt etwa der Biberbau auf seinem Gelände in Biebrich ein Urban Gardening Projekt. Verbindlicher ausprobieren kann man sich beim bundesweiten Anbieter „Meine Ernte“ mit einem Gemüsegarten auf dem Scholzenhof in Nordenstadt. Hierfür legt Biobauer Ditmar Kranz am Anfang des Jahres mehr als 40 Gärten an, die jeweils mit der Saat für 20 Gemüsesorten bestückt sind. Vom Spitzkohl über die Paprika bis zum Kürbis. Für 200 Euro pro Saison können die rund 45 Quadratmeter großen Parzellen bewirtschaftet, abgeerntet und neu bestückt werden. „Wir waren auf der Suche nach einem Garten und wollten einfach mal ausprobieren, wie es sich in den Alltag einpasst“, erläutert Katrin Wetzel, wie sie vor zwei Jahren dazu gekommen ist. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten will sie gemeinsam mit ihrem Partner Immo Eitel auch im kommenden Jahr auf jeden Fall zum dritten Mal eine Parzelle bewirtschaften. „Wenn man nicht weiß, dass es zwei Monate dauert, bis bei Möhren eine Frucht erkennbar ist, dann hackt man einen Teil auch als Unkraut weg“, blickt Katrin Wetzel zurück.

Zu Beginn der Saison sind daher die vom Biobauern angebotenen Sprechstunden sehr beliebt. „Anfangs ist es ganz schwer, das Gießen beizubringen. Es sollte punktuell, gezielt zu den Pflanzen erfolgen und man sollte sie auch nicht verwöhnen“, erklärt Ditmar Kranz. Mit der Zeit würden die Fragen aber immer weniger, und für ihn sei es eine große Freude zu sehen, wie der Funke überspringt. Zumal die praktische Erfahrung mit Biogemüse Lerneffekte mit sich bringt. Etwa, dass von einem Salat noch etwas übrig bleiben kann, auch nachdem man die Erde gründlich abgewaschen hat. Pflanzen in Bioqualität gibt es aber nicht nur bei Obst und Gemüse. Die Wiesbadener Landschaftsarchitektin Batya-Barbara Simon hat die „Biogartenmesse“ ins Leben gerufen, um für das Pflanzen ökologisch-nachhaltig gezogener Zierpflanzen, Sträucher und Bäume zu werben. „Wenn man 1,24 Millionen Kleingärten mit mehr als 46.000 Hektar Fläche in Deutschland biologisch bewirtschaftet, kann man eine Menge bewegen“, findet Batya-Barbara Simon. Dazu kommt das Potenzial der Hausgärten. Darüber hinaus plädiert die Messegründerin dafür, dass an öffentlichen Ausschreibungen mindestens ein Biogärtner beteiligt sein sollte. Außer in Wiesbaden, in diesem Jahr auf dem Hofgut Hammermühle, findet die Messe mittlerweile von Freiburg bis Hamburg an insgesamt fünf Orten statt und soll bei der vierten Ausgabe im kommenden Jahr auf rund 80 Aussteller anwachsen. Diese bieten nicht nur Pflanzen sondern auch qualitativ hochwertige Werkzeuge oder ökologische Pflanzenschutzmittel an.

Altes Wissen neu beleben

Leider sei altes Wissen verloren gegangen. Etwa, dass man einen Boden mit Ackerschachtelhalm desinfizieren könne. Das wichtigste sei jedoch, standortgerecht zu pflanzen, um den Einsatz von Spritzmitteln zu vermeiden. Das Wissen, wie man Gärten naturnah bewirtschaftet, gehört interessanterweise zu den positiven Aspekten, den die Zuwanderung so mit sich bringt. „Wir haben gegenseitig viel voneinander gelernt. Auch über das Gärtnern“, berichtet Caroline Holzer vom Verein Bürgerinitiierte Quartiersentwicklung Kastel Kostheim. Schließlich arbeite eine achtköpfige Gruppe des Vereins bei dem in diesem Jahr gestarteten interkulturellen Gemeinschafsgarten im Kastel Housing unter anderem mit Geflüchteten zusammen, von denen einer Landwirt und ein anderer Landschaftsgärtner ist. „Fast alle kommen aus dem Umfeld von Selbstversorger-Gärten. Die kennen sich aus“, fügt die Vereinsvorsitzende hinzu. Nur das Anlegen der Hochbeete habe für Belustigung gesorgt, weil das die Geflüchteten noch nicht kannten. Der Austausch und das gemeinsame Tun sind die Hauptziele des Projekts. Vor allem zum Gartentreff, der zweiwöchentlich freitags zwischen 16 und 18 Uhr statt findet, kämen auch externe Gäste. Das nächste Mal findet er am 7. Oktober statt.

Gärtnern mit Flüchtlingen

Die Ernte, die allen Bewohnern der städtischen Unterkunft offen stehen, ist nur ein Nebeneffekt. Genauso wie beim Projekt Mobile Gärten – Agile Gärtner in der Erstaufnahmestelle im American Arms Hotel. „Gärtnern ist das eine, soziale Kontakte sind genauso wichtig“, erläutert Initiatorin Almut Py. So freut sie sich darüber, ein geflüchtetes Mädchen in einen Fußballverein vermittelt zu haben. Da hier die Fluktuation höher ist, als bei einer kommunalen Einrichtung, sind die sieben Damen ständig dabei neue Kontakte zu knüpfen. „Willst Du Deutsch lernen? By doing?“, spricht Helga Rojzman auf der Runde über das Außengelände einen jungen Somali an. Nicht viel später hat der 19-jährige Ahmed eine Kanne in der Hand und hilft beim Gießen der zahlreichen bereits angelegten Beete. „Ob in guten oder schlechten Zeiten: Gärtnern erdet immer“, erläutert Almut Py, warum sie das Projekt, das in Trägerschaft des evangelischen Dekanats steht, ins Leben gerufen hat.

Außerdem sei es schön, dass sich Deutsche und Geflüchtete hier gemeinsam die Hände dreckig machen. In den interkulturellen Gärten im Schelmengraben sind aktuell gar Familien aus einem Dutzend verschiedener Nationen aktiv.

Mehr Küchen als Konfis – Gärtnern in der Agentur

Auf dem Gelände, auf dem früher die städtischen Kliniken gestanden haben, gärtnern Kolleginnen und Kollegen der Agentur Scholz & Volkmer gemeinsam. Bei 15 Mitgliedern umfasst die Gartengruppe fast ein Zehntel der Belegschaft. In dem nach einer Umstrukturierung des Geländes geschrumpften Garten gedeihen Brombeeren und Himbeeren genauso wie Paprika sowie eine Vielzahl von Kräutern. „Bei uns gibt es mehr Küchen als Konferenzräume“, berichtet Alexandra Haibach mit einem Schmunzeln. Entsprechend gerne werden die Produkte aus dem Betriebsgarten von den Angestellten genutzt, um das Mittagessen zu verfeinern. Zumal hier auch Kunden in den Genuss kommen, bekocht zu werden. Und auch hier geht die Ernte weit über Obst und Gemüse hinaus. „Grün ist ein beruhigendes Element und es tut gut, mal die Augen schweifen zu lassen“, erläutert die Human Ressource Managerin. Darüber hinaus arbeite man in der Gartengruppe gewerkeübergreifend und komme auf einer anderen Ebene miteinander in Kontakt, als beim Arbeiten im Büro.

Ein besonders hehres Ziel schließlich haben sich die Mitglieder der offenen Bürgerinitiative gesetzt, die in Alt-Klarenthal den Tatengarten betreiben, der gleichzeitig als Schulgarten des Campus Klarenthal dient. „Durch die Bewirtschaftung soll der Boden besser werden“, sagt Initiator Matthias Vogt. Um das zu erreichen, hat er ein zehnjähriges Fruchtfolgeschema entwickelt, bei dem auf den Böden abwechselnd Kulturen mit verschiedenen Charakteristika gepflanzt werden. So wechseln etwa die wenig Nährstoffe benötigenden Schwachzehrer wie die Zwiebel mit Starkzehrern wie dem Kürbis sowie Leguminosen wie der Ackerbohne, die den Boden durch eine Symbiose ihrer Wurzeln mit Bakterien sogar noch mit Stickstoff anreichern. Dem Fruchtfolgeschema entsprechend lässt sich beim Passieren des 2013 bezogenen Geländes erkennen, in welchem Jahr welches Teilstück bepflanzt worden ist. Allerdings gibt es auch Kompromisse beim Pflanzplan. „Wir müssen auch auf die Wünsche der Mitglieder eingehen“, berichtet Matthias Vogt schmunzelnd. Denn natürlich ist es bei all den positiven Aspekten, die das Gärtnern mit sich bringt, am Ende doch auch schön, wenn man die Früchte der eigenen Arbeit genießen und der WhatsApp-Gruppe ein appetitliches Bild von Rosmarin-Kartoffeln und Kürbis-Lamm-Curry schicken kann, bei dem bis auf Lamm und Curry-Pulver alles aus eigener Ernte stammt.

Das Thema im Netz

Eine Auswahl interessanter Links: www.apfelkomplott-wiesbaden.info (Solidarische Landwirtschaft) www.beaconfoodforest.org (Essbarer Wald in Seattle) www.bio-gaertner.de (Biogarten-Kompendium) www.essbare-stadt.de (Essbare Stadt Kassel) www.gartenrundbrief.de (demeter-Gartentipps) www.naturgarten.org (Lebensräume schaffen) www.permakultur-info.de (Permakultur)  www.wurzel.net (Netzwerk biologisches Gärtnern)  www.meine-ernte.de (Gemüsegarten mieten)

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