Sechs Menschen, zwölf Schritte und ein Raum, in dem Zuhören
Leben verändern kann.

Text: Hendrik Heim
Foto: Anders Quinée
Es ist ein nasskalter Freitagmittag in Wiesbaden. Hier im Besprechungsraum im Hilde-Müller-Haus am Wallufer Platz bleiben sie trocken. Heute. Morgen. Für immer. So das Ziel. Dafür sind sie heute gekommen. Sechs Menschen, vom Mittzwanziger bis zur Rentnerin. Niemand hat sie gezwungen. Keiner sich angemeldet. Es ist ein innerer Wunsch, der sie heute zum Meeting der Anonymen Alkoholiker bringt: sich nicht von ihrer Krankheit, dem Alkoholismus auffressen zu lassen. Man spricht sich hier beim Vornamen an, für diesen Artikel hat sich jeder einen Decknamen ausgesucht. Manche hier sind seit vier Jahrzehnten trocken. Güven erlebt heute sein zweites Meeting.
Es sind (nur) Zwölf Schritte bis zum Ziel
Er wird damit zur wichtigsten Person im Raum. Denn oberstes Ziel der Anonymen Alkoholiker (AA) ist es, neue Mitglieder auf den richtigen Weg zu führen. Klingt pathetisch, folgt aber einer genauen Logik. Und zwar der der Zwölf Schritte. Ein Programm, an dessen Anfang die Einsicht steht, dass man suchtkrank ist. Und an dessen Ende man nicht nur gegenüber dem Alkohol, sondern auch innerlich stabil ist. Güven ist gerade beim vierten Schritt angelangt: der inneren Inventur. Was macht ihm Angst? Wo spürt er Groll? Ärger? Eifersucht gegenüber seinen Mitmenschen? Neben Güven sitzt Willi. Er ist Anfang 80. Noch immer geht er zweimal pro Woche zum AA-Meeting. Die Zwölf Schritte hat er schon vor 39 Jahren bezwungen. Heute hilft er anderen Suchtkranken als Sponsor. So nennen sie bei den AA die Mentor*innen, die Neulinge wie Güven durch die zwölf Schritte führen. Willi: „Es ist ganz wichtig, regelmäßig Kontakt zu anderen Suchtkranken zu haben. Am besten ruft man täglich zwei bis drei von ihnen kurz an. Das klingt anstrengend, ist aber extrem wirksam.“ Früher hatte Willi Angst. Angst, die Frau zu verlieren, den Job, die Wohnung. Hauptbestandteil seines Lebens war es, mit Anzug und Krawatte zur Arbeit zu gehen. Das ging lange gut. Willi war ein sogenannter „funktionierender Alkoholiker“, also ein Suchtkranker, dem man seine Krankheit äußerlich nicht unbedingt anmerkt. Bis der Körper streikt. Irgendwann fand sich Willi im Krankenhaus wieder. Er trank inzwischen täglich und stand kurz davor, auch körperlich abhängig zu werden. „Ich wollte mir nie helfen lassen. Aber als ich da im Krankenhaus lag, dachte ich: du musst jetzt endlich Hilfe annehmen.“ Ein innerer Schlüsselmoment, den hier einige kennen. Kurz darauf landete Willi bei AA.
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