Demokratie verteidigen – „Moment mal!“ – in Wiesbaden

Im Frühjahr 2018 hatte die AfD Wiesbaden angekündigt, im Wechsel monatliche Versammlungen in den Bürgerhäusern der Stadt durchführen zu wollen – was natürlich auf Proteste stieß. Bei einem dieser Proteste trafen sich einige, die später zum Kern von Momentmal! werden sollten. So wichtig die Proteste seien, damals ihre Einschätzung, so fehlt doch der theoretische Überbau, der Diskurs, der in die Stadt getragen werden sollte.
Das war die Geburtsstunde von Momentmal!
In der Folge fanden sich eine Handvoll Menschen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Spektren der Stadtgesellschaft zusammen. Was sie einte, war der Wunsch, in der Stadt Wiesbaden eine Veranstaltungsreihe aufzubauen, in der renommierte Referent*innen eingeladen werden sollten, aus Wissenschaft, Journalismus, Politik, die das breite Themenspektrum zu Rechtsextremismus, Verschwörungsideologien und allen Varianten des Angriffs auf die Demokratie abdecken sollten. Gemeinsam war ihnen ebenfalls die Ablehnung von Dogmatismus und autoritärem Denken, stattdessen hatten und haben sie die Vision einer offenen, demokratischen Gesellschaft, in der nicht Linientreue, sondern Diskursfähigkeit zählte. „Das trägt die Gruppe bis heute“, sagt Gründungsmitglied Claudia Sievers.

Das Vorhaben wurde in den inzwischen vergangenen acht Jahren zu einer Erfolgsgeschichte. Momentmal! hat inzwischen über 30 Veranstaltungen mit je 100 bis 400 Besucher*innen organisiert, fast 100 Videos produziert und mit vielen namhaften Referent*innen zusammengearbeitet wie Matthias Quent, Samuel Salzborn, Marcus Bensmann, Volker Weiß, Pia Lamberty, Johannes Hillje, Annika Brockschmidt, Andreas Speit u.v.a.m. Auch während der Corona-Zeit schlief das Engagement nicht ein. In dieser Zeit wurde eine Reihe von Videos und Podcasts produziert. Sie sind alle noch auf dem YouTube-Kanal von „Moment mal“ zu sehen. Darunter: „Warum Hitler plötzlich links sein soll“, „Tradwives, Manosphere, Antifeminismus“, „Rechtsextremer Kulturkampf“, „Inside AFD – eine Aussteigerin berichtet“ und vieles mehr.
Seit den großen Demonstrationen Anfang 2024 gibt es die gemeinsame Kampagne „Defend Democracy!“ mit dem Kulturzentrum Schlachthof, wo seither die Veranstaltungen stattfinden. Und noch etwas ist neu: Seit 2024 ist Momentmal! e.V. ein gemeinnütziger Verein.
Die Kernbesetzung von Momentmal! ist noch die gleiche wie vor acht Jahren, einige sind im Laufe der Zeit dazugekommen. Und immer noch trifft man sich einmal in der Woche, plant die Veranstaltungen, organisiert, diskutiert. Zum Markenkern gehört die intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten und Publikationen der Referent*innen, der mittlerweile immer professionellere Schnitt der Videos. Der wachsende Erfolg blieb natürlich nicht unbeobachtet. Die AfD und andere versuchten immer wieder, Momentmal! das Leben schwer zu machen. Bizarrer Höhepunkt war 2019 der dreiste Versuch des hessischen Landesvorsitzenden Robert Lambrou, mit einem Team des russischen Staatsfernsehens trotz Verbot eine Veranstaltung und ihre Besucher*innen zu filmen. In der Folge erhielt Lambrou Hausverbot.
Einen weiteren traurigen Höhepunkt gab es im letzten Herbst, als die Hälfte aller in der Stadt aufgehängten Plakate zu einem Vortrag von Volker Weiß geklaut wurden, fein säuberlich entfernt und entsorgt, keine Gefühlsaufwallung, kein besoffener Vandalismus, sondern kalte, gezielte Sabotage. Strafanzeige wurde gestellt, das Ermittlungsverfahren läuft noch.
Nicht alle Veranstaltungen können öffentlich gefördert werden. Man ist deshalb immer auch auf Spenden angewiesen. Zurzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne:
https://www.gofundme.com/f/momentmal-wiesbaden-spenden
2026 sind weiter monatliche Veranstaltungen geplant. Sie werden zeitnah plakatiert.

„Manchmal erholen wir uns auch von der anstrengenden Denk-, Lese- und Organisationsarbeit, indem wir zusammen gut essen und trinken. Im Winter gibt es im Garten eines Mitglieds die inzwischen traditionelle Feuerzangenbowle mit Grill, Feuerschale, bengalischer Beleuchtung und Musik. Und es gibt einen Mäzen, der uns hin und wieder mit Wein versorgt“, berichtet Claudia Sievers.
Text & Bilder von Anja Baumgart-Pietsch
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