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Das große 2×5-Interview: Beatrixe Klein, Direktorin Frauenmuseum Wiesbaden, 65 Jahre

Interview: Dirk Fellinghauer. Foto: Arne Landwehr

Warum brauchen Frauen ein eigenes Museum?

Das Frauenmuseum Wiesbaden ist nicht nur ein Museum für Frauen, sondern für alle Menschen, die es interessiert. Das war uns von Anfang an ganz wichtig. Das Museum braucht es, um mit dem Schwerpunkt, den wir setzen, mit einem anderen Blick auf Gesellschaft zu schauen. Zur Zeit der Entstehung hatte sich gezeigt, wo Frauen auch im kulturellen Bereich unterrepräsentiert sind. Das galt auch im musealen Bereich.  Wir haben gesagt, zum einen müssen wir bestimmte Dinge sammeln, die nicht in klassischen Museen gesammelt werden, zum anderen sind bestimmte Themen nicht besetzt. Wir waren das dritte Frauenmuseum weltweit, insgesamt gibt es heute etwa 60.

Was zeichnet das Wiesbadener Frauenmuseum aus?

Die Mischung. Uns ist Stadtgeschichte wichtig, gleichzeitig blicken wir ganz weit zurück mit unserer archäologischen Sammlung. Wir haben außerdem Kunst von Frauen oder Kunst, die den Blick auf Frauen in der Gesellschaft richtet, das können vereinzelt auch Männer sein. Unser inhaltlicher Schwerpunkt, der Blick auf Frauen und Gesellschaft drumherum,  hat sich natürlich in den 35 Jahren unseres Bestehens verändert. Wobei: Mir ist jetzt beim Rückblick auf unterschiedliche Projekte aufgefallen, dass manche aktuell wie eh und je sind. Vor zwanzig Jahren etwa hatten wir das Thema Nahrung, Klima, Zugang zu Wasser.

Wer ist Ihr Publikum?

Wir haben etwa 16000 Besucher im Jahr – das ist erstaunlich, wenn man unseren Etat betrachtet und bedenkt, dass wir eigentlich gar keine Mittel haben, um Werbung zu machen. Zu einem Teil kommt ein klassisches Museumspublikum. Es kommen aber auch Menschen, die sonst wenig ins Museum gehen, die über einen bestimmten Inhalt angesprochen werden. Dreißig bis vierzig Prozent unserer Besucher sind Männer. Im Moment sind es verstärkt auch junge Menschen. Events wie die „Kurze Nacht“ oder „Tatorte Kunst“ sind toll, weil das ein freier, unverbindlicher Zugang ist. Siebzig Prozent sind Touristen, tatsächlich auch aus aller Welt. Manche kommen ganz gezielt nach Wiesbaden, weil es das Haus gibt. Im Moment ist unser großer Renner „Glamour, Avantgarde und Latzhose“ über die Siebziger Jahre, die bis zum Jahresende läuft. Da zeigen wir ganz viel, was in dieser Zeit speziell in Wiesbaden los war in Sachen Frauenbewegung.  

Was machen Sie alles als Direktorin und wurden Sie von Anfang so bezeichnet?

Was nicht? (lacht) Zu meinen Aufgaben gehört der komplette Finanzbereich, dazu unterschiedliche Gremienarbeiten, kommunal, auf Landesebene oder auch international. Ich kuratiere Ausstellungen und bin für Projektentwicklung  mitverantwortlich, aber auch für den ganzen Ablauf, dass das Haus funktioniert, für die Praktikantenbetreuung oder auch die Pflege der Sammlung, die doch beachtlich groß ist. In den Anfangsjahren waren wir lange als Kollektiv organisiert. Als wir anfingen zu überlegen, wie eine Nachfolge aufzubauen ist, haben wir entschieden, eine Person muss völlig verantwortlich sein und den Hut auch nach außen hin aufhaben. Erstaunlich war, dass dieser Titel auch in der Außenwirkung viel verändert hat, wie das Haus wahrgenommen wird. Ich komme ja aus einer Generation, wo man meinte, diese formellen Sachen braucht doch niemand.

Sie machen alles, finden aber auch noch Zeit für weitere berufliche Standbeine.

Ich mache nicht immer alles gleichzeitig, da funktioniert das. Ich habe zwischendrin auch als Coach und Trainerin gearbeitet, zum Beispiel bei Einführungsschulungen für Lehrlinge in Handwerksbetrieben. Da standen mir dann plötzlich vierzig junge Männer gegenüber. Das ist nochmal eine ganz andere Energie, das finde ich aber auch durchaus spannend. Außerdem Coaching von Teams und Einzelpersonen. Ich finde es immer schön, nochmal mit etwas ganz anderem in Kontakt zu treten. Als Autorin habe ich Beiträge zu Ausstellungen geschrieben und ein Sachbuch zu Frauen und Stadtgeschichte, mit dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert. Das zweite ist noch in Arbeit, das soll ins 20. Jahrhundert hineinreichen – über Einzelfrauen, die aber in einem Kontext stehen, was sonst noch zu der Zeit in Wiesbaden passiert ist.

MENSCH

Als Wiesbadener Bäckerstochter haben Sie Soziologie an der Goethe-Uni studiert. Das war sicher in den Siebziger Jahren nicht ganz selbstverständlich?

Überhaupt nicht. Für meine Eltern allerdings war ich eben das erste Kind, das zur Uni geht, mit dem Hintergrund, den damals viele Eltern hatten: Das Kind soll es besser haben. Mein Studienfach Soziologie war nicht gerade der Favorit meiner Eltern. Vorher dachte ich an Chemie, das fanden sie auch nicht gut. Meiner Mutter wäre lieber gewesen, ich wäre Lehrerin geworden. Das war aber nicht mein Weg. Dadurch, dass meine Mutter mit im Geschäft war, war es selbstverständlich, dass Frauen arbeiten.

Ihr großes Thema ist das Bild  der Frau. Wie nehmen Sie das Bild des Mannes aktuell wahr?

Ich nehme ganz unterschiedliche Bilder wahr. Gerade neulich fand ich toll zu sehen: zwei Freunde, Mitte 30, einer von ihnen mit Kinderwagen. Das war so selbstverständlich. Das sind schon Veränderungen, dass Männer wie Frauen ihre Wege suchen: Wie kann ich sein, wie will ich sein, auch außerhalb von Normen, die immer wieder benannt werden? Es sind Konstrukte, wie Männer und Frauen in Gesellschaft zu leben haben. Wenn die Bedingungen anders sind, können sich Menschen anders verhalten. Diese Gilette-Werbung fand ich spannend. Was mich oft stört bei den vielen Diskussionen um sexuellen Missbrauch und Gewalt, wenn das so sehr das Bild bestimmt. Es ist Fakt, und es ist schrecklich, aber es ist nicht alles. Deshalb finde ich es wichtig, auch andere Bilder zu haben.

Welche drei Frauen und welche drei Männer würden Sie mit auf die berühmte einsame Insel nehmen?

Marie Curie … Das war einfach. Und … meine Großmutter. Und Lady Gaga. Männer … meinen  ganz langjährigen Freund. Und Barack Obama. Und … (überlegt lange) vielleicht jemand aus dem Sportbereich, das wäre interessant auf so einer Insel, der könnte ein Fitnessprogramm mit uns machen … Oder nein, meinen Vater. Der kann uns dann Brot backen. Das mit dem Sport kriegen wir vielleicht noch alleine hin.

Wie erleben Sie das aktuelle, sehr männerdominierte, vielleicht männerspezifische Geschehen in der Wiesbadener Stadtpolitik?

Es ist wie Theater. Im Moment bin ich froh, dass nicht noch eine Frau als maßgebliche Protagonistin dabei ist. Da kann ich das viel entspannter angehen, sonst müsste ich mich mehr fremdschämen über mein Geschlecht. Ich bin schon ein bisschen fassungslos, oder auch wieder nicht. Weil vieles davon zu befürchten war, als Herr Schüler seine Posten bekommen hat. Ich finde es faszinierend, von außen zu beobachten. Es kommt mir wirklich wie auf einer Bühne vor, auch dass Menschen so total abheben und das Gefühl haben, sie sind losgelöst, und der Raum in dem sie sich bewegen, gibt ihnen das Gefühl, das wäre auch alles rechtens und richtig so.

Sie sind gewähltes Mitglied des Kulturbeirats. Wie sind Ihre Erfahrungen der ersten Monate?

Ich finde schon, dass im Kulturbeirat – nachdem einiges, was organisatorisch zu regeln war, was für ein so großes Gremium auch schnell geklappt hat-  nun auch unterschiedliche Themen gesetzt werden und auch in den Sitzungen diskutiert wird. Gleichzeitig vernetzen sich unterschiedliche Menschen miteinander, führen Anliegen zusammen oder betrachten sie mal anders. Jetzt gab es ja auch die erste eigene Veranstaltung zu den freien Bühnen. Ich spüre viele Nachfragen, was ist eigentlich der Kulturbeirat, was macht ihr? Spannend wird es auch, wenn es jetzt mit dem Kulturentwicklungsplan startet. Oder auch, wie es möglich ist, Themen einzubringen, die sonst vielleicht anderswo versanden würden, wie aktuell das Thema Walhalla.

www.frauenmuseum-wiesbaden.de

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