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Der große Test: Indoor-Fitness – Winter-Fit statt Winter-Fett

_MG_0941Von Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka.

So langsam macht es wirklich nur noch den Hartgesottenen richtig Spaß, draußen zu trainieren. Doch auch gut geschützt und mit Dach überm Kopf kann man sich fit halten. Wir haben ein paar Ideen, wie man auch in der dunklen und ungemütlichen Jahreszeit in Form bleibt, ausprobiert.

Boxen
Auf einmal geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, Schlag auf Schlag. Zum Glück will mein Trainer mich nicht ausknocken, sondern mich lediglich anstacheln, noch mehr zu geben. Doch meine Arme sind bereits schwer von der ungewohnten Belastung. Die Beinarbeit meines Gegenübers sorgt dafür, dass ich nur in den seltensten Fällen überhaupt in eine gute Schlagdistanz komme. Am besten gelingt das noch, wenn ich einen Angriff zum Kontern nutzen kann. Gegenüber den anderen Sportlern in der Halle, zu denen Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen gehören, habe ich einen Vorteil. Als Brillenträger gehe ich ohne Kopfschutz in den Sparringskampf, weil in meinem Fall nur der Rumpf und die Arme als Angriffsfläche gelten. Das senkt gleichermaßen die Gefahr, meine Sehhilfe einzubüßen als auch eine Prellung davon zu tragen, was beim Boxen am ehesten als Verletzung auftritt.

„Wir nehmen Rücksicht auf die Voraussetzungen unserer Sportler“, betont Trainer Irfan Incesu vom Boxclub Wiesbaden. Außer bei Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Schläger-Attitüden stehe das Training daher allen Interessenten ab 10 Jahren offen. Ungefähr in diesem Alter habe ich zum letzten Mal Seil springen geübt. Entsprechend überrascht bin ich beim Aufwärmen, wie anstrengend das ist. Dann wird es spannend. In Zweier-Teams üben wir immer abwechselnd mit der Führhand anzugreifen beziehungsweise dieser auszuweichen oder sie abzuwehren. Schnell erschließt sich mir da der Reiz dieser Sportart. Ebenso schnell stoße ich dann beim Sparring aber auch an meine Grenzen. Und verstehe sehr gut, warum viele das Boxen nicht als Wettkampf- sondern als Fitness-Sport betreiben.

Der Boxclub Wiesbaden trainiert in der Sporthalle der Alfred-Delp-Schule in Frauenstein. Der Mitgliedsbeitrag beträgt zehn Euro pro Monat. Probetrainings kann man aber auch bei vielen anderen Institutionen absolvieren, wie dem Wiesbadener Amateur-Box-Club, dem ganz neu eröffneten Professional Boxing Club oder Nubia Sports.

Skigymnastik
Eigentlich bin ich klassischerweise kein Kandidat für eine Ski-Gymnastik, da ich mich noch nie im Winter die Hänge und Pisten hinunter gestürzt habe. Das Skitraining von Alexandra Oedl und Moritz Raupach, das die beiden Sportwissenschaftler nach dem Umzug vom bisherigen Austragungsort Tattersall nun im Sports Up-Studio mal gemeinsam und mal abwechselnd gestalten, hat mir trotzdem gut getan. „Wir wechseln die Übungen immer mal, damit es nicht langweilig wird. Leider füllt sich der Kurs aber erst Ende November richtig“, erläutert die 25-jährige Salzburgerin. Tatsächlich nehmen am zweiten Training der Saison, die je nach Bedarf der Teilnehmer wahrscheinlich bis Ende Februar läuft, nur drei Männer und vier Frauen teil. Dabei sei es so wichtig, gut trainiert auf die Piste zu gehen. Auf dem Programm stehen an diesem Abend Beintraining, Rumpfstabilisation und allgemeine Beweglichkeit. Ich muss gestehen: Zwischendurch weiß ich gar nicht, ob ich die Ausdauer- oder die Kraftübungen ätzender finde. Mal fordern mich die endlosen Kniebeugen mehr, dann finde ich die Wechselsprünge auf das Steppbrett noch schlimmer.

Am Ende zeigt sich aber, dass der Wechsel zwischen den verschiedenen Übungsformen tatsächlich dabei hilft, Muskelkater zu vermeiden. „In der Sportwissenschaft nennen wir das die lohnende Pause. Die Stoffwechselprodukte, die entstehen, wenn der Muskel sich bei der Kraftübung zusammen zieht, werden bei der Ausdauerübung wieder ausgeschwemmt“, erläutert Alexandra Oedl. Permanent kontrolliert sie auch die Ausführung der Übungen, weil ihr die Qualität der Ausführung am wichtigsten ist. Die Intensität kann jeder selbst wählen, weshalb lediglich Menschen mit Verletzungen an der Wirbelsäule oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erst ihren Arzt befragen sollten, ob sie an der Ski-Gymnastik teilnehmen können.

Alexandra Oedl und Moritz Raupach, die auch eine Schule für Sportmotorik und Athletik namens „Motion Matters“ betreiben, bieten ihre Ski-Gymnastik immer donnerstags um 18 Uhr im Sports-Up, Im Rad 42, an. Für Mitglieder des Studios ist die Teilnahme kostenlos, alle anderen zahlen pro Stunde 5 Euro. Es gibt aber auch Angebote beim Turnerbund Wiesbaden, dem Volksbildungswerk und anderen Studios.

Bouldern
Ich hatte geahnt, dass das passieren würde. Jetzt hänge ich hier in der Boulderhalle der Wiesbadener Nordwand und komme nicht vor und nicht zurück. Dabei versuche ich mich, meinem Status als Anfänger gemäß, an der gelben Route. Zu meinem eigentlichen Ziel weiter oben fehlt es mir an Reichweite oder Technik oder Erfahrung oder Kraft oder allem zusammen. Wie ich kletternd meinen Weg zurück finden soll, dazu fehlt mir jede Fantasie. Noch dazu habe ich Höhenangst. Da macht es keinen Unterschied, dass ich gerade mal drei Meter über dem Boden hänge. Zum Glück kann man sich hier jedoch mit einem Sprung in die weichen Matten aus der Affäre ziehen. Schließlich ist man im Boulderbereich nur auf den wenigsten Routen mit Seil unterwegs. Nach einer kurzen Verschnaufpause bin ich heiß auf die nächste Herausforderung und finde schließlich eine Route, die ich bis zum Schluss-Stein bewältige. Auch, weil ich den Rat von Klaus Michelis beherzige und mehr aus den Beinen heraus arbeite.

„Wenn man Tipps bekommt, geht es schneller, als wenn man alleine trainiert. Kletterer sind sehr kommunikativ“, betont der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft. Nicht zuletzt deshalb sei Bouldern ein Spaß für die ganze Familie, der auch von Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ausgeübt werden könne. Wichtig sei, sich vorher gut aufzuwärmen, damit es möglichst nicht zu Zerrungen oder gar Verrenkungen kommt. Für jede Menge Abwechslung ist gesorgt, denn in zehn verschiedenen Schwierigkeitsstufen stehen insgesamt rund 250 Routen zur Verfügung. Auch ich bin eigentlich heiß darauf, noch mehr auszuprobieren, aber nach einer Stunde fühlen sich meine Arme wie Pudding an.

INFO: Bouldern ist in Wiesbaden nur in der Wiesbadener Nordwand möglich. Eine Stunde kostet je nach Uhrzeit zwischen 6 und 9 Euro. Wer keine eigenen Kletterschuhe hat, kann sich die für 3 Euro ausleihen. Am 31. Oktober findet hier der Halloween Fun Cup im Schwarzlicht statt.

Elektrische Muskelstimulation (EMS)
Es kribbelt. Erst in den Oberschenkeln, dann im Gesäß, dann im Bauch, am Ende dann überall. Wie stark es kribbelt, darf ich zum Glück jedoch selbst bestimmen. Mein Trainer nimmt die Einstellungen vor, die auf einer Karte gespeichert werden. Wenn ich mir das nächste Mal dann die Spezialwäsche und die Weste mit den Elektroden anziehe, kann auf die gewählten Einstellungen zurück gegriffen werden. Schließlich ist Zeit ein wesentlicher Faktor, warum immer mehr Menschen ihr Fitness-Training von elektrischen Impulsen unterstützen lassen. Nur zwanzig Minuten dauert eine Trainingseinheit. „Das wird zum Beispiel von vielen Triathleten genutzt. Sie nutzen die Zeit, die sie beim Krafttraining sparen, dann für das Training in ihren Disziplinen“, erläutert Patryk Gawron.

Es ist keineswegs so, dass man dabei untätig wäre und die ganze Arbeit dem niederfrequenten Strom überlassen würde. Die elektrischen Impulse intensivieren lediglich die Arbeit, die man selbst bei den angeleiteten Übungen durchführt, weil die Muskulatur gezwungen wird, gegen den Impuls zu arbeiten. Jeweils vier Sekunden lang werden daher Kniebeugen gemacht, Pilates-Reifen zwischen den Knien zusammen gedrückt oder der Bizeps trainiert. Dann ist vier Sekunden Pause, in der natürlich kein Strom fließt. Die Ausführung der Übungen wird dabei permanent vom Trainer überwacht und korrigiert. Die körperliche Wirkung fühlt sich hinterher auf jeden Fall so intensiv an, als hätte man mindestens die doppelte Zeit trainiert. Nicht alle Fitness-Willigen können die elektrische Unterstützung nutzen. Junge Menschen sollten mindestens 16 Jahre alt und ausgewachsen sein. Wer einen grippalen Infekt hat, muss den erst auskurieren. Menschen mit einem Herzschrittmacher oder nicht ausgeheilten Operationswunden sowie schwangere Frauen sind grundsätzlich ausgeschlossen.

Bei Körper Formen in der Aarstraße kostet das Training je nach Art der Mitgliedschaft ab 19,90 Euro pro Woche. Probetrainings bieten auch diverse weitere Anbieter im Stadtgebiet an. Darunter auch Anbieter, die mit mittelfrequentem Strom arbeiten.

Muscle Fire
Ob meine Muskeln denn auch gebrannt haben, werde ich nach dem Training bei David Fitness gefragt. Eine Frage, die ich nur bejahen kann. Im letzten Block des Kurses muss ich die eine oder andere Übung kurz auslassen. Immerhin ist es die letzte Station meiner Testreihe und die Oberschenkel-Muskulatur will einfach nicht mehr. Bis dahin hat mir mein Frühsport aber viel Freude bereitet. Treibende Rhythmen motivieren mich dazu, die von Kursleiterin Ulrike Nauke vorgegebenen Bewegungen mit Elan durchzuziehen. Egal, ob ich dabei die zwei Kilogramm schweren Kurzhanteln oder die Langhantel in den Händen halte, die für mich als Anfänger mit zweieinhalb Kilogramm schweren Scheiben behangen ist. „Eigentlich führen wir vor dem ersten Training eine einstündige Anamnese durch, um heraus zu finden, ob jemand an dem Kurs teil nehmen kann oder erst mit Training darauf vorbereitet werden muss“, betont Geschäftsführerin Petra Dittmann.

Da ich meine Testreihe bis dahin ohne körperliche Beschwerden absolviert habe und verspreche, keinen übertriebenen Ehrgeiz an den Tag zu legen, darf ich ausnahmsweise gleich zu den neun Frauen und fünf Männern stoßen, die an diesem Morgen den Kurs belegen. Ohnehin geht es hier um Kraft und Ausdauer gleichermaßen, wechseln sich weit ausholende und kurze Bewegungen ab, gehört auch die Anweisung „Lächeln“ immer wieder zum Repertoire. Das funktioniert bei Bein-, Bizeps- und Schultertraining auch wunderbar, nur als es zum Schluss an die Bauch-Übungen geht, sagt meine Oberschenkel-Muskulatur irgendwann: Feierabend, morgen wieder.

INFO: Muscle Fire ist ein eigenes Kraft-Ausdauer-Konzept aus dem Hause David Fitness. Dementsprechend ist es in dieser Form in Wiesbaden nur hier zu finden. Je nach Form des Vertrags kostet eine Mitgliedschaft, die nur zur Teilnahme an Kursen berechtigt, zwischen 6,99 Euro und 9,99 Euro pro Woche. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, nur an den Geräten zu trainieren oder beide Angebote zu nutzen. (Tag der offenen Tür am Sonntag, 8. November, 10 bis 18 Uhr)

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