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Familienbande: Gelebte Inklusion über Generationen – von der Elterninitiative zum weitverzweigten Netzwerk

Von Hendrik Jung. Fotos Samira Schulz.

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die als Familie etwas Besonderes verbindet. Bei den Grohs führte der Weg über mehrere Generationen von der Elterninitiative zum Netzwerk, das Engagement und Unternehmertum verbindet.

Begonnen hat alles mit der Elterninitiative, die Alma und Christian Groh 1959 gründeten, um ihren spastisch gelähmten Sohn Karlheinz und weitere Kinder zu unterrichten. Das Projekt wuchs unter Regie des zweiten Sohnes Wolfang zu einem Netzwerk, das auf ganz unterschiedlichen Feldern und längst weit über Wiesbaden und sogar über Deutschland und Europa hinaus aktiv ist. Und dabei auch als Unternehmen mit 1200 Mitarbeitern an 65 Standorten eine echte Familienangelegenheit bleibt – inzwischen sind auch die Enkelkinder aktiv.

„Meine Frau habe ich 1988 beim Bewerbungsgespräch kennengelernt, als sie sich für die Leitung einer Kindertagesstätte beworben hat“, erinnert sich Wolfgang Groh mit einem Schmunzeln. Zwei Jahre zuvor war er geschäftsführender Vorsitzender der „Stiftung Inklusion durch Förderung und Betreuung (IFB)“ geworden. „Ich konnte arbeiten, weil meine Eltern sich um die Kinder gekümmert haben. In dieser Zeit ist die Stiftung sehr gewachsen“, verdeutlicht der 61-jährige.

Von klein auf mitten drin in der IFB-Welt

Als nach dem Mauerfall die ersten IFB-Projekte in Leipzig aufgebaut wurden, hat ihn bei seinen Aufenthalten oft seine 1994 geborene Tochter begleitet. „Das ist ganz komisch. Ich war jahrelang nicht da, aber habe sofort den Geruch wiedererkannt. Es sieht alles immer noch gleich aus, und ich habe mich wie als Kind gefühlt“, berichtet Melissa Groh von einem Besuch vor Ort. Nach zwei Jahren beim Stadtjugendring Wiesbaden wird sie im kommenden Jahr als Vollzeitkraft für die IFB tätig sein. „Viele Leute, mit denen ich jetzt wieder zusammenarbeite, kenne ich von klein auf“, berichtet die 26-jährige. Schließlich habe sie genau wie ihr jüngerer Bruder eine Kindertagesstätte der IFB besucht, und die Familie habe viele Wochenenden auf Sommerfesten verschiedener Einrichtungen verbracht.

Kinderhospiz in Südafrika

Bruder Leonard hat eine besondere Beziehung zum südafrikanischen Kinderhospiz Löwenmut entwickelt. Die Initiative der IFB-Stiftung in Klipriver nahe der Hauptstadt Johannesburg habe dazu geführt, dass er schon als Kind dort in Urlaub gewesen sei. Als es dann darum gegangen sei, seine Englischkenntnisse zu verbessern, habe er die Gelegenheit genutzt, anderthalb Jahre in einem Internat in Kapstadt zu lernen. Seine Ferien hat er zum Teil in Klipriver verbracht. „Menschen mit Behinderung geht es in Südafrika ziemlich schlecht“, berichtet der 21-jährige. Ein Grund, warum er sich im Vorstand der Initiative engagiere.

Kein falsches Mitleid

„Mir fehlt das falsche Mitleid, das man sonst oft so hat“, beschreibt Wolfgang Groh, was er durch den Umgang mit seinem spastisch gelähmten Bruder gelernt hat.  „Wolfgang hat durch seinen Bruder von klein auf gewusst, wie man mit Behinderten umgeht. Die beiden haben auch mal miteinander gekämpft, aber sie hätten sich nie weh getan“, blickt Alma Groh zurück. Gemeinsam mit Ehemann Christian hat sie 1959 die „Hilfs- und Interessengemeinschaft zur Förderung spastisch gelähmter Kinder“ ins Leben gerufen, um die Schulbildung ihres Erstgeborenen in die eigenen Hände zu nehmen. 1974 ist im Schlangenbader Ortsteil Georgenborn das Christian-Groh-Haus entstanden, in dem Menschen mit Beeinträchtigung leben können. Einer der ersten Mieter ist einst Sohn Karlheinz gewesen. Später hat sein Bruder hier die Leitung des Heims übernommen.

Mehrere Generationen unter einem Dach

1977 ist der Rest der Familie ebenfalls nach Georgenborn gezogen, wo seine Eltern und seine eigene junge Familie schließlich im selben Haus zwei Wohnungen bewohnt haben. „Da hatten wir viel Spaß. Wir sind uns nie auf die Nerven gegangen. Mein Schlüssel ist draußen stecken geblieben, aber ich wäre nie zu meinen Kindern in die Wohnung gegangen, ohne zu klingeln“, erinnert sich Alma Groh, die vor kurzem ihren 100. Geburtstag feiern durfte. Sehr schön sei es für sie gewesen, dass sie ihre Enkelkinder habe mit großziehen können. „Wir haben viel Zeit bei den Großeltern verbracht. Ich habe mit dem Opa oft Schach gespielt“, ergänzt Enkel Leonard. Das Schachbrett und die Figuren seines verstorbenen Großvaters habe er übernommen.

„Was ich heute weiß: Man macht den Fehler, dass man das kranke Kind bevorzugt“, blickt Alma Groh selbstkritisch zurück. Ein familiärer Lerneffekt, der auch in die Arbeit des IFB-Fachbereichs Känguru eingeflossen ist. „Wir haben einen Familien-entlastenden Dienst aufgebaut, damit die Eltern sich um die Geschwisterkinder kümmern können“, verdeutlicht Wolfgang Groh.

So wie der 61-jährige bereits als Zivildienstleistender und während des Studiums für den Vorgänger des Vereins tätig gewesen ist, dessen Vorstandsvorsitzender er heute ist, so ist auch seine Tochter Melissa nach und nach in ihre Aufgaben im Netzwerk hineingewachsen. „Mit 15, 16 Jahren habe ich angefangen, ehrenamtlich für die IFB zu arbeiten“, blickt die 26-jährige zurück. Zunächst habe sie im Fachbereich Känguru Ferienfreizeiten mitgestaltet, dann betreute Urlaubsangebote begleitet. Während ihres Studiums der Erziehungswissenschaften habe sie im Rahmen von 450-Euro-Jobs in eigentlich alle Fachbereiche mal hineingeschnuppert, von der Frühförderung bis zum Hospiz.

Netzwerk in jüngere Hände geben

„Das zahlt sich aus. Ich habe die Philosophie und die Leitidee der IFB in mir“, verdeutlicht Melissa Groh, die in Zukunft im Bereich Freiwilligenarbeit tätig sein wird, den ihre Mutter leitet. Ganz im Sinne ihres Vaters, dessen Ziel es ist, das IFB-Netzwerk in jüngere Hände zu geben. In der Vergangenheit sei er in jedem Einzelvorstand des weitverzweigten IFB-Netzwerks vertreten gewesen, mittlerweile nur noch in dreien.

„Ich glaube, dass familiäre Zusammenarbeit Vorteile gegenüber anderen Betrieben hat. Es braucht Aufsichtsgremien, aber ich glaube, dass man mit mehr Herz dabei ist“, findet Wolfgang Groh. Wichtig sei, dass man sich nicht in den Vordergrund stelle. „Leo hat in der Kita schon mal zu seinen Erzieherinnen gesagt: Mein Vater ist hier der oberste Chef. Aber das hat nie ein Problem gegeben“, berichtet der IFB-Boss lachend. Schließlich ist Zusammenhalt ein entscheidender Faktor für die Familienangelegenheit. „Es ist ein Glück, dass deine Frau das auch so gewollt hat“, betont Alma Groh. Ein Aspekt, der in der Familie nicht neu ist. „Klar, wenn die Ehefrau nicht mitmacht, kann man so eine Organisation nicht aufbauen. Das hätte Vater auch nicht gekonnt, wenn du nicht mitgemacht hättest“, betont Wolfgang Groh den Anteil, den die nun Hundertjährige an der Entstehung des Netzwerks hat.

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