Wem gehört Wiesbaden? Ein Theaterabend sucht Antworten
Wem gehört die Stadt? Allen, die darin wohnen? Wirklich allen? Diese Fragen stellt Regisseur Helge Schmidt im Staatstheater. Und er zeigt mit diesem Abend, dass Kultur untrennbar zur Demokratie gehört.
Hannah Lindner (links), Mitglieder des Chores der Stadt Wiesbaden/ Foto: Laura Nickel
Dieser Theaterabend ist keiner zum bloßen Zuschauen. Schon die Vorbereitung war partizipativ, und auch während der Aufführung bleibt das Publikum nicht außen vor. Verhandelt wird schließlich nicht die Geschichte einer abstrakten „Stadt“, sondern die ganz konkrete Geschichte Wiesbadens.
„Wem gehört die Stadt?“ ist das Leitmotiv der gesamten Spielzeit am Staatstheater. Es wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und ist nun auch zum Titel eines Stücks im Kleinen Haus geworden.
Bereits im Vorfeld fanden im „Werkraum“ Podiumsdiskussionen zu verschiedenen Themen statt, etwa zur Mobilität.
Auch dort wurde eifrig debattiert.
Helge Schmidt sagt über seine Arbeit: „Ich mache Theater mit Haltung und habe deswegen in den vergangenen Jahren vor allem eigene Projekte auf die Bühne gebracht, die Themen wie Ungleichheit, Steuerbetrug, Armut oder Einsamkeit, aber auch das Verschwinden einer Sprache behandelt haben. Ich will was erzählen, ob mit einem Stück oder einem Projekt. Und ich möchte, sorry, dass Theater die Welt besser macht.“
Er wolle außerdem zeigen, „was von den Steuergeldern, die für das Theater verwendet werden, nah am Leben der Menschen ist,
nicht nur Hochkultur“ machen.
Was Wiesbaden bewegt, kommt auf die Bühne
Helge Schmidt, der in Wiesbaden bereits mit „Tax me if you can“ auf sich aufmerksam machte, bringt hier vieles auf die Bühne, was den Menschen in der Stadt unter den Nägeln brennt: Walhalla und Ostfeld, Leerstände in der Fußgängerzone und Wohnungsnot, Baustellen und Klimakrise. All das verhandelt der Abend mit den Mitteln der Kunst: mit visuellen Elementen, Schauspiel und Musik.
Auch zahlreiche Stimmen Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger finden Eingang in das Stück. Helge Schmidt bezeichnet seine Inszenierung als „Rechercheprojekt“. Dafür suchte er im Vorfeld Menschen, die bereit waren, sich interviewen zu lassen.
Echte Meinungen von Wiesbadener Bürgerinnen und Bürgern
Ihre Statements erscheinen auf mehreren, über die Bühne verteilten Bildschirmen. Zu Wort kommen unter anderem Gerhard Schulz vom Schlachthof, Vanessa Remy vom Walhalla-Projekt, Ute Knippenberger, Chefin der Stadtentwicklungsgesellschaft, der Architekt Dieter Brell, die Auszubildende Wafaa Drideb El Khaldi, der Rentner Hans Kolodziej, der früher obdachlos war, außerdem Schülerinnen und Schüler sowie Mitglieder der „Initiative Superblock Rheingauviertel“.
Das ergibt kein vollständiges, aber ein bemerkenswert vielschichtiges Bild der Stadtgesellschaft. Die verbindenden Szenen spielt das fünfköpfige Ensemble mit Hannah Lindner, Martin Plass, Felix Strüven, Ujjol Teichmann und Klara Wördemann.
v. l. n. r. Felix Strüven, Klara Wördemann, Mitglieder des Chores der Stadt Wiesbaden Foto: Laura Nickel
Zwischen Talkshow-Sofa und Discokugel-Betonmischer
Mal tragen die Darstellerinnen und Darsteller Röcke aus Mülltüten oder Hosen aus Baustellenabsperrbändern, mal sind sie ganz unspektakulär in neutralem Beige gekleidet. Sie inszenieren ihre Sicht auf Wiesbaden entweder auf einer Sofalandschaft im Talkshow-Stil vor der Bühne oder auf der oberen Spielfläche.
Dort gibt es einiges zu entdecken: Ein kleiner Kochbrunnenspringer dampft. Im Hintergrund steht eine Ecke des ehemaligen Horten-Kaufhauses mit dem ikonischen Fassadenmuster von Egon Eiermann, inklusive drehbarer Eingangstür. Auf den Bildschirmen erscheinen zwischen den Interviews farblich verfremdete Stadtansichten, gelegentlich auch Tauben oder Nilgänse.
Schließlich gehört die Stadt
v. l. n. r. Martin Plass, Klara Wördemann, Felix Strüven/ Foto: Laura Nickel
auch ihnen.
Nicht zu vergessen ist der zur Discokugel verwandelte Betonmischer. Eine Anspielung auf die vielen Baustellen?
Der Chor singt von Investoren und Stadtwäldern
Immer wieder tritt der große Chor der Stadt Wiesbaden unter der Leitung von Jud Perry auf und singt eigens für die Inszenierung geschaffene Stücke. „Hier spricht der Investor …“ heißt eines, „Häuser wie Bäume, Städte wie Wälder“ ein anderes.
Die Musik schafft künstlerische Distanz. Doch der Abend holt sein Publikum immer wieder ins Geschehen zurück. Schließlich geht es um die Stadt, in der wir alle leben.
Von links: Felix Strüven, Klara Wördemann und Mitglieder des Chores der Stadt Wiesbaden. Foto: Laura Nickel
Ein Kaleidoskop ohne einfache Antworten
Historismus und Ernst May, Nachverdichtung oder Neubaugebiete, Beton oder Entsiegelung: Eindeutig ist hier nichts, vielfältig dagegen fast alles.
Ein wenig fehlt in diesem Kaleidoskop allerdings die positive Stimme. Dass Wiesbaden auch Lebensqualität und kulturelle Vielfalt bietet, kommt seltener vor als die vielen Probleme, die unbestreitbar vorhanden sind, je nach Perspektive aber ganz unterschiedlich bewertet werden.
So wirkt der Abend stellenweise wie eine Wundertüte. Dennoch bietet er zahlreiche Anregungen, Denkanstöße und Ideen. Lösungen werden dabei nicht einfach aus dem Hut gezaubert. Wie sollten sie auch?
Die Diskussion geht nach dem Schlussapplaus weiter
Nach jeder Aufführung ist eine Live-Diskussion mit einer der Personen vorgesehen, die für das Projekt interviewt wurden. Bei der Premiere machte Gerhard Schulz vom Schlachthof den Anfang.
Dem Premierenpublikum gefiel der Abend. Manche nutzten die anschließende Diskussion, um Dinge loszuwerden, die mit der Aufführung nur wenig zu tun hatten. Aus dem Ruder lief das Gespräch dennoch nicht.
„Wem gehört die Stadt?“ ist ein spannender Beitrag zum Spielzeitmotto und er zeigt, dass Theater nicht immer nur große Oper und Theatralik bedeuten muss. Weitere Aufführungen gibt es am 13. und am 21. November 2026 zu sehen.