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Neues Falk Fatal-Buch feiert heute Premiere / Livelesung aus dem „Café Klatsch“ – Vorab-Kurzgeschichte bei sensor

Von Falk Fatal. Illustrationen Lucie Langston, Fotos Verlag/privat.

sensor-Kolumnist Falk Fatal hat sein zweites Buch veröffentlicht. „Wir spielen Blinde Kuh auf dem Minenfeld des Lebens“ feiert heute Premiere mit einer Lesung live aus dem Café Klatsch (Beginn 20 Uhr, YouTube-Livestream-Link hier). sensor veröffentlicht exklusiv vorab einen Auszug aus der Erzählung „Marie Kondo“. Thema: Ebay Kleinanzeigen und menschliche Vernunft.

Wer Menschen für intelligente Wesen hält, hat noch nie etwas über Ebay Kleinanzeigen verkauft. Wirklich. Ebay Kleinanzeigen ist die Hölle. Die Idee mag gut sein, aber die Menschen sind nicht bereit dafür. Statt „Kostenlos. Einfach. Lokal.“ sollte der Werbeslogan lauten: „Dumm. Nervig. Die reinste Qual.“ Ich komme mit den Menschen dort einfach nicht klar. Aber nicht, weil ich so schlimm bin, sondern die so dumm. Das sage ich nicht einfach so! Ich bin selbstkritisch. Ich suche den Fehler immer erst einmal bei mir. Doch mittlerweile glaube ich wirklich, dass es nicht an mir liegt. Denn meine Ansprüche sind nicht hoch. Ich erwarte kein Einser-Abitur, keine förmliche Anrede und kein geschliffenes Deutsch, man darf mich auch gerne duzen und „Hey Alter“ nennen, da habe ich überhaupt kein Problem mit. Wirklich nicht.

Meine Erwartungen an die Ebay-Kleinanzeigen-Community sind niedriger als die Erwartungen, die mongolische Fußballfans an ihre Nationalmannschaft stellen. Ich erwarte nur ein Mindestmaß an Textverständnis. Das ist alles. Ein potenzieller Käufer muss schließlich kein Werk wie Kafkas „Verwandlung“ interpretieren, wenn ich annonciere: „Ich verkaufe einen Sharp MD-MT99H Mini-Disc-Player, selten benutzt, voll funktionstüchtig.“ Er muss mich nur fragen, wohin er das Geld überweisen soll.

Für User SchnulliGullie habe ich trotzdem zu viel Interpretationsspielraum gelassen: „Funktioniert der wirklich?“ –  „Ja, steht ja so in der Artikelbeschreibung.“ Mein erster Eindruck: Frage überzeugend beantwortet. Als kurz darauf auf meinem Smartphone die Benachrichtigung aufpoppt, dass SchnulliGullie eine neue Nachricht gesendet hat, hoffe ich natürlich auf die Frage nach meiner PayPal-Adresse und überlege kurz, was ich mit den 40 Euro anfangen werde. Einfach nur vertrinken? Oder dabei auch was essen?

„Funktioniert der wirklich?“

Stattdessen lese ich: „Also funktioniert er?“ – Kurz, aber wirklich nur sehr kurz, bin ich über die Frage verwundert. Aber ich bin ja selbstkritisch und schaue mir noch einmal meine Artikelbeschreibung und unseren Chat-Verlauf an: „Ich verkaufe einen Sharp MD-MT99H Mini-Disc-Player, selten benutzt, voll funktionstüchtig.“ So weit, so klar. „Funktioniert der wirklich?“

„Ja, steht ja so in der Artikelbeschreibung.“

Ich hoffe, du stimmst darin mit mir überein, wenn ich behaupte: Ich habe mehrmals klar und deutlich und vor allem verständlich mitgeteilt, dass der Mini-Disc-Player funktioniert. Aber das ist nur meine Sicht der Dinge, und da ich nicht ausschließen möchte, dass das eine oder andere Wort bei SchnulliGullie vielleicht doch anders angekommen ist, als von mir intendiert, antworte ich: „Ja, sonst hätte ich in der Artikelbeschreibung geschrieben, dass der Mini-Disc-Player defekt ist. Aber weil der Mini-Disc-Player einwandfrei funktioniert, habe ich geschrieben, dass er voll funktionstüchtig ist.“

Als kurz darauf auf meinem Smartphone die Benachrichtigung aufpoppt, dass SchnulliGullie eine neue Nachricht gesendet hat, bin ich wirklich zuversichtlich. Ich habe die Frage schließlich umfassend beantwortet.  „Er spielt also Discs ab?“ – Mit dieser Wendung habe ich nicht gerechnet. Ich bin sprachlos. Immer und immer wieder scrolle ich durch unseren Chatverlauf, suche nach missverständlichen Äußerungen meinerseits, finde nichts und entschließe mich schließlich zu einem einfachen, aber bestimmten: „Ja!“  Als kurz danach auf meinem Smartphone die Benachrichtigung aufpoppt, dass SchnulliGullie eine neue Nachricht gesendet hat, bin ich mir trotzdem nicht mehr so sicher, dass er jetzt wirklich nach meiner PayPal-Adresse fragt. Kurzer Spoiler-Alert: Ich lag richtig mit meiner Annahme.

Die Antwort in GROSSBUCHSTABEN kapiert SchnulliGullie endlich

„Also hat er nicht diesen No-Disc-Fehler, selbst wenn eine Disc eingelegt ist?“ Meine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Ich hoffe, ich habe sie wenigstens dieses Mal klar und deutlich formuliert: „SAG MAL, DU DÜNNPFIFFGURGELNDER STECKDOSENBEFRUCHTER. WAS STIMMT NICHT MIT DIR? SPRECHE ICH SPANISCH ODER WAS? WAS IST AN ‚DER MINI-DISC-PLAYER FUNKTIONIERT EINWANDFREI‘ NICHT ZU VERSTEHEN? HAST DU EINE INTELLIGENZALLERGIE? ODER STANDEST DU HEUTE FRÜH NUR ZU LANGE MIT PETER LUSTIG UNTER DER DUSCHE UND HAST DANN EINEN CLOWN GEFRÜHSTÜCKT? LASS MICH RATEN, ICH WEISS, WAS NICHT MIT DIR STIMMT: DEINE MUTTER HAT DIR FRÜHER KOTELETTS UM DEN HALS GEHÄNGT UND DICH DANN NACH DRAUSSEN GESCHICKT, DAMIT WENIGSTENS DIE HUNDE MIT DIR SPIELEN. UND NACHDEM DIE HUNDE MIT DIR FERTIG WAREN, MUSSTEN SIE DEINEN KOPF MIT HELIUM FÜLLEN, DAMIT DU ZUMINDEST WIEDER AUFRECHT GEHEN KANNST. ICH HABE VOGELKACKE GESEHEN, DIE WAR INTELLIGENTER ALS DU! UND JETZT HALT EINFACH DIE FRESSE, DU AMÖBENHIRN, UND STELLE MIR NIE WIEDER EINE FRAGE, ICH HABE BESSERES ZU TUN, ALS MEINE KOSTBARE ZEIT AN DICH ZU VERSCHWENDEN, DU SCHEISSDUMME KACKBRATZE!“

Immerhin. Diese Antwort hat SchnulliGullie korrekt interpretiert: Er hat sich nicht mehr gemeldet.

Diese kurze Anekdote soll verdeutlichen: Dass ich bei Ebay Kleinanzeigen nichts verkaufe, liegt nicht am mangelnden Interesse an den angebotenen Waren, sondern an meiner Unfähigkeit, solch ein Verkaufsgespräch zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

Das kann auch User ErkanohneStefan bestätigen: „Ich gebe dir 20.“ – „Ich verkaufe das Audio Technica AT2020 Kondensatormikrofon für 30.“ – „Ey Alter, 20 sind ok.“ – „Nee Alter, 20 sind nicht okay. 30 sind okay.“ – „Für 30 kriege ich ja ein neues Mikro.“ – „Aber kein so gutes.“ – „Ich weiß. Deshalb sind 20 ja auch okay.“ – … – „Ey Alter, was issen jetzt? Sind 20 okay?“ – … – „Ey Alter, ignorierst du mich?“ – „Ja.“ – „Das ist aber nicht okay.“ – „Das sind 20 auch nicht.“

Kommode im Flur statt beim Käufer

Und dass die alte Küchenkommode aus massiver Kiefer mit intakter Granitplatte mittlerweile im Flur ein trauriges Dasein fristet und als Jackenablage dient, statt feinstes Küchenporzellan zu beherbergen, haben Harald73 und die kosmischen Gesetze zu verantworten. „Die Küchenkommode kann dienstags oder donnerstags von 19 bis 22 Uhr abgeholt werden.“ –

„Gib mal Adresse. Ich komme am Montag vorbei.“ – „Ich bin Montag nicht zu Hause.“ –

„Wann ginge es denn?“ – „Dienstags oder donnerstags zwischen 19 und 22 Uhr.“ – „Ok, Freitag 14 Uhr bin ich da.“ – „Ich aber nicht.“ – „Wo bist du denn da?“ – „Weg.“ – „Und wann kann ich die Kommode abholen?“ – „Wenn Uranus und Neptun ihre Umlaufbahn kreuzen.“

Ich habe Menschen nie für wirklich intelligent gehalten. Aber die verzweifelten Versuche, meinen überflüssigen Hausrat bei Ebay Kleinanzeigen zu verkaufen, haben mir den Rest gegeben. Klar, wir Menschen können Dinge, die andere Lebewesen nicht können. Feuer machen zum Beispiel. Getreide anbauen, Kleidung nähen, Auto fahren, zum Mond fliegen. Und vieles mehr. Ich wundere mich manchmal trotzdem, wie der Mensch es schaffen konnte, die oberste Sprosse der Evolutionsleiter zu erklimmen. Denn auf jedes Atomkraftwerk kommen 1.000.000 Menschen, die etwas richtig Unvernünftiges getan haben. Wenn nicht noch mehr.

Oder habt ihr schon einmal einen Orang-Utan gesehen, der sich einen Ziegelstein gegen die Stirn schlägt und dabei „Tschakka“ brüllt? Einen Maulwurf erlebt, der sich seinen Bau mit alten Autoreifen zumüllt, bis er sich nicht mehr darin bewegen kann? Oder eine Kuh gesehen, die sich auf ein Surfbrett stellt und damit das Dach eines zweistöckigen Hauses herunterrutscht, in der irrigen Annahme, gleich in einem Planschbecken zu landen und nicht mit der Fresse auf dem Beton der Garageneinfahrt? Und auch Hunde oder Katzen, die ja oft für einen Lacher gut sind, erlebt man selten, wie sie besoffen mit einer geladenen Knarre herumfuchteln und dabei dem besten Freund aus Versehen in den Fuß schießen. Bei Menschen habe ich all das beobachten können. Einfach mal bei YouTube nach „Human Fails“ suchen und genießen. Und wenn man sich nur lange genug die menschliche Unvernunft anschaut, spült einem der Algorithmus Impfgegner, Reichsbürger und Flat-Earther in die Watchlist – was auch nicht gerade für die Intelligenz unserer Spezies spricht.

„Wir spielen Blinde Kuh auf dem Minenfeld des Lebens“ (176 Seiten, 12,50 EUR, Cover-Illustration Julian Weber) mit elf neuen Falk Fatal-Stories „über Freundschaft, Liebe, Musik, den deutschen Analfetischismus und den schier ewigen Kampf zwischen Wut und Böse“ ist bei Edition Subkultur erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich. Apropos – wir empfehlen beim Bücherkauf: Gehe nicht über Amazon & Co., gehe über die Wiesbadener Buchhandlungen, die seit neuestem hier einen starken gemeinsamen Auftritt haben, inklusive Bestell- und bei Bedarf auch Lieferservice:  www.wiesbaden-liest.com .

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