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So wohnt Wiesbaden – Aus einer anderen Epoche: Rosine Schulte (100 Jahre), Villa Liebenau

Von Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka.

Seit mehr als der Hälfte ihres Lebens wohnt Rosine Schulte in einer Villa, die einst das letzte Wiesbadener Haus auf dem Weg in das damals noch selbstständige Sonnenberg gewesen ist. Das will etwas heißen, denn gerade erst hat Rosine Schulte im Kreis ihrer drei Kinder, vier Enkel und sechs Urenkel ihren 100. Geburtstag in dem Haus gefeiert, das sich seit seinem Bau in Familienbesitz befindet.

Als die Villa Liebenau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, war sie umgeben von Feldern und Wiesen. Nur die Dietenmühle und die Kronen-Brauerei existierten bereits an der damaligen Stadtgrenze. Noch heute ist zu spüren, dass der Park des denkmalgeschützten klassizistischen Baus ein kunstvoll gestaltetes Gegenstück zu der natürlichen Umgebung gewesen ist. So sind noch Teile der Kastanienallee erhalten, die zu einer aus Natursteinen gestalteten Grotte geführt hat, in der Friedrich Wilhelm Schulte und seine Familie einst wohl den Tee genommen haben. Bis zu zweihundert Jahre alt dürften die Platanen sein, die die Villa beim Blick auf die Vorderseite des Gebäudes geradezu einrahmen. Die in der parkähnlichen Anlage noch erhaltenen Statuen sollen von Johann Jacob Höppli (1822-1876) stammen. Er soll außerdem die Ornamente an der Hausfassade geschaffen haben und war auch bei der russischen Kapelle, der Marktkirche oder der Villa Clementine für die Formensprache der Baukeramik verantwortlich.

Alfred Biolek als prominenter Mieter

An der Architektur hat sich in den rund 150 Jahren kaum etwas verändert. Einer der Balkone ist mal vergrößert worden. Die Toiletten, die einst auf der Treppe zu finden waren, dienen schon lange als Abstellkammern, und der Speisenaufzug aus der einst im Keller befindlichen Küche existiert auch nicht mehr. Später habe ein prominenter Mieter das Untergeschoss genutzt, um selbst zu räuchern. „Zehn Jahre lang hat Alfred Biolek in der oberen Wohnung gelebt und nach eigenen Wünschen ausgebaut“, erinnert sich Rosines Tochter Thea Fricker. Auch ein Direktor der Spielbank habe mal im oberen der rund 130 Quadratmeter großen Stockwerke gelebt.

Tagesablauf mit festem Rhythmus

Seit mehr als vierzig Jahren wohnen jetzt nur noch Familienmitglieder in der Villa Liebenau. Gemeinsam mit ihrem Mann André nutzt Thea das obere Geschoss und kann sich daher noch intensiver um ihre Mutter kümmern als ihre ebenfalls in Wiesbaden lebenden Brüder Klaus und Peter. Schließlich ist mit hundert Jahren ein geregelter Rhythmus wichtig: Morgens um sieben Uhr kommt erst Mal ein Pflegedienst und sorgt für den Start in den Tag. Für zwölf Uhr bereitet die Tochter das Mittagessen vor. Da sie aber selbst auch schon 74 Jahre alt ist, wird sie seit sechs Jahren zeitweise von einer Haushaltshilfe unterstützt. Um 15 Uhr steht dann gemeinsames Kaffee trinken an, um 18 Uhr ist es Zeit für das Abendessen. Zum Nachtisch darf es dann gerne noch etwas Volksmusik im Fernsehen sein. Nach wie vor studiert die Hundertjährige täglich die Zeitung, Bücher liest sie dagegen nicht mehr, weil sie ihr zu schwer sind. Dabei sind viele der alten Möbel im Haus mit Büchern gefüllt. „Wir lesen alle gern und seit den Zeiten der Großeltern ist hier nichts weggekommen, nur dazu“, verrät Thea Fricker.

Heimaturlaub zur Hochzeit im Krieg

Durch die Literatur hatte Rosine Joven einst auch ihren späteren Ehemann Friedrich Schulte kennengelernt. Gemeinsam arbeiteten sie in der Frankfurter Buchhandlung Böhle, was keine leichte Zeit gewesen sein dürfte, da Karl Böhle wohl ein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus gewesen ist. „Mein Vater ist schon 1939 eingezogen worden, weil er nicht in die Partei eintreten wollte und hat den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende mitgemacht“, berichtet der jüngste Sohn Klaus Schulte. Für die Hochzeit im Jahr 1943 ist Friedrich Schulte zum Heimaturlaub aus Russland gekommen. Nach Kriegsende hat die junge Familie dann zunächst bei Rosines Eltern in Frankfurt-Oberrad gelebt, bis sie 1961 in Friedrichs Elternhaus umziehen konnte. „Ich hatte gleich Kontakt zu den Sonnenbergern. Das ist mir nicht schwergefallen“, erinnert sich Rosine Schulte.

Aktiv in Vereinen und als Gastgeberin

So lange es ihre Hüfte mitgemacht habe, sei sie im Turnverein aktiv gewesen und auch nach dem Tod ihres Mannes 1967 zum Wandern in die Berge gefahren. Den Heimatverein habe sie unterstützt und 35 Jahre lang habe sie eine Gruppe für Seniorinnen und Senioren geleitet. „Die Leute vom Altenclub sind gerne hergekommen. Zehn bis zwanzig Leute haben hier gesessen. Was habe ich gekocht und gebacken“, blickt die Hundertjährige zurück. In ihrer Küche habe sich seit nunmehr fast sechzig Jahren nichts verändert. Noch zu ihrem 75. Geburtstag habe sie die Speisen für ihre Gäste selbst vorbereitet. Diesmal ist ihr der ganze Trubel fast ein bisschen zu viel gewesen. „Wenn man hundert Jahre zurückblickt, was da alles war und was sich alles geändert hat …“, sinniert Rosine Schulte. In ihrem persönlichen Umfeld, in der Villa Liebenau, scheint die Zeit jedoch ein bisschen langsamer vergangen zu sein, strahlt sie doch an vielen Stellen noch den Glanz einer vergangenen Epoche aus.