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Stadtteil-Report Biebrich: Aufbruch am Rhein – Lange Traditionen und neue Initiativen

Eine der vor Ideen sprudelnden Initiativen zur urbanen Belebung Biebrichs: Die Aktiven von „biebrich 203 gemeinsam machen e.V.“ in der rege und vielfältig bespielten Pop-Up-Freiluft-Location „Freiherrs Garten“.

Von Anja Baumgart-Pietsch. Fotos Kai Pelka.

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In Wiesbadens größtem Stadtteil tut sich was. Zu langen Traditionen gesellen sich ganz neue Initiativen.

Wenn einem am Dienstagvormittag im Schlosspark ein paar Menschen konzentriert und  lächelnd rückwärts laufend entgegenkommen, dann ist das die Yoga-Walk-Gruppe von Christa Zehnder. Die Biebricher Yogalehrerin nutzt den Park das ganze Jahr über für ihre Stunden. „Es ist einfach der schönste und auch ruhigste Platz in Wiesbaden, um draußen Yoga zu machen“. Man trifft hier Bewegungsfreudige aller Art: Tai Chi oder Greenletics-Gruppen, Jogger – oder auch die knallrote Fahrrad-Rikscha des nahe gelegenen Altenheims „Katharinenstift“.

Anpacken statt meckern

Rückwärtsgang also für die Yogagruppe im Schlosspark, ansonsten ist in Wiesbadens größtem Stadtteil aber seit geraumer Zeit ein intensiver Vorwärtsdrang zu verspüren. Verkörpert wird diese durch Biebricher wie Sebastian Sellinat.

„Ich spüre in letzter Zeit, dass Menschen gerne klagen über Politik, die Stadtverwaltung, das Wetter. Das bringt uns nicht weiter, und ich frage gerne: Wer ist denn die Stadt?“ Seine theoretische Antwort: „Sie gehört den Bewohnern. Also sind wir auch verantwortlich für sie, für die Gesellschaft und unsere Mitmenschen.“  Seine praktische Schlussfolgerung: Sellinat packt an, gründete die Initiativgruppe „Ideen für Biebrich“, die auch in der Pandemie aktiv blieb. Neuestes Projekt ist „PopUP Biebrich“. Dazu später mehr.

Der eingangs erwähnte Schlosspark, als englischer Landschaftsgarten um 1820 angelegt, ist nur eins der vielen zeitlosen „Pfunde“, mit denen Biebrich weit über die eigenen Stadtteilgrenzen hinaus wuchern kann. Pferdefreunde finden in Biebrich zu Pfingsten eines der bedeutendsten Reitturniere der Welt – mit Ross und Reitern aus aller Welt im Schlosspark. Mehr Natur tanken lässt es sich am Rhein – gerne am Weinstand des Gewerbevereins, auch wenn hier gerade wieder traditionell „ausgetrunken“ wurde. Die Saison 2021 ist beendet.

Orthodoxer Glauben und Shisha-Diplomatie

Eine griechisch-orthodoxe Gemeinde lädt Gläubige aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet zum Gottesdienst – die griechische Arbeitsmigration der 60er Jahre hat für einen hohen Bevölkerungsanteil aus dem Mittelmeer-Land gesorgt. Gerade hat die Wissenschaftlerin Maike Wöhler darüber ein spannendes Buch vorgelegt. Titel: „Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt.“ Der Titel könnte auch für die „Shisha Bar-Meile“ am Rheinufer passen, die für ein viele begeisternde und mindestens faszinierendes, andere aber auch massiv störendes (Nacht-)Leben sorgt. Legendär bleibt der Shishabar-Kennenlern-Besuch einer Biebricher CDU-Delegation im Februar 2020. „Wir wollten mit ihnen reden und nicht über sie“, brachte damals die seinerzeit 72-jährige Renate Kienast gegenüber sensor die Absicht auf den Punkt. Nach dem Besuch sei man um einige Einsichten reicher gewesen – und um einige Vorurteile ärmer.

„Ort der Vielfalt“ wird täglich gelebt

In Biebrich – Pioniere haben hier Tradition – wird Sekt gekeltert und Zement hergestellt, hier werden Wurstpellen, Mundspülungen und wertvolle Musikinstrumente fabriziert. Von den Villen an der Rheingaustraße und in der Biebricher Allee bis zu den Hochhaussiedlungen Parkfeld und Gräselberg reicht die Bandbreite. Zu Biebrich gehören auch das Gewerbegebiet an der Äppelallee, kleine Siedlungen wie „Rosenfeld“, die Waldstraße mit ihren gewachsenen Strukturen, die „Gibb“ mit ihrem dörflichen Charme. Die Auszeichnung „Ort der Vielfalt“, die es 2008 vom Bundesfamilienministerium gab, passt prima. Täglich wird das mit Leben gefüllt.

Feste und Festivals

Biebrich feiert: Höfefest, Gibber Kerb, Mosburgfest, die „Abende der Vielfalt“, seit einigen Jahren das zauberhafte, von sensor präsentierte Festival „Poesie im Park“ und manches mehr. Biebrich hat einen eigenen „Kulturclub“ – ein Friseursalon, wo Clemens Würkner in pandemiefreien Zeiten abends die Waschbecken zur Seite schiebt und Platz schafft für Musik, Literatur und Kulinarik. Oder die „Filme im Schloss“, die nicht nur jedes Jahr ein internationales Trickfilmfest auf die Beine stellen, sondern regelmäßig außergewöhnliche Streifen zeigen – immer im Original (mit Untertiteln).

Der Ort profitierte gleich dreimal vom Bundes-Stadtentwicklungs-Programm „Sozialer Zusammenhalt“: Von 2000 bis 2015 im Bezirk Südost, aktuell in Mitte und im Gräselberg.  Biebrich hat eine eigene Partnerstadt, Glarus in der Schweiz.  Und sogar eine eigene monatliche Zeitung, den „Biebricher“: „Biebrich ist ein pulsierender und vielfältiger Wiesbadener Stadtteil, der sich trotz seiner Eingemeindung 1926 bis heute eine ausprägte Eigenständigkeit bewahrt hat“, “, sagt dessen Chefredakteur Frank Hennig: „Die vielen Aktivitäten von weit über 100 Vereinen und Initiativen sorgen dafür, dass immer etwas los ist. Daher lohnt es sich, in diesem Stadtteil – der mit knapp 40.000 Einwohnern andernorts eine selbstständige Stadt wäre – ein eigenes Monatsmagazin herauszubringen.“

Eigenes Selbstbewusstsein

Veranstaltungen und Initiativen, interessante Leute, vielfältige Natur, Kultur und Architektur: Biebrich ist etwas Besonderes. Das finden auch viele, die hier leben und/oder arbeiten: „Vom alten dreckigen Industriestandort aus meinen Kindertagen ist wenig übrig“, sagt Astrid Stephan, Pfarrerin der Evangelischen Jugendkirche Wiesbaden, die in der Oranier-Gedächtniskirche am Rheinufer ihr Domizil hat. „Und als Mitgeschäftsführerin des Kulturclubs liebe ich immer wieder die Atmosphäre, gerade die kleineren Häuser mit ihren Hinterhöfen“. Johann Schmidt vom Nachbarschaftshaus meint: „Biebrich ist von einem ganz eigenen Selbstbewusstsein geprägt“.

Kulturschaffende wie das Ehepaar Detelina und Joachim Kreck fühlen sich in der Filmbewertungsstelle Biebricher Schloss seit Jahren willkommen. Glaskünstler Nabo Gass schätzt sein Atelier in idyllischer Lage am Rheinufer, das ihn bei der Arbeit inspiriert. Poesie-im-Park-Ideengeber Mario Krichbaum meint, das Festival sei im vierten Jahr nun vollständig angekommen – „auch die Biebricher nehmen es jetzt gerne an.“

Impulse durch Stadtteilmanagement

Vielfalt ist ein Wert an sich, doch ganz von selbst funktioniert es nicht. Drei Quartiersmanagements kümmern sich im Rahmen des Programms „Sozialer Zusammenhalt“ darum: „Einen großen Aufbruch gab es bereits in SüdOst von 2000 bis 2015. Hier wurde mit Stadtteilkünstlern und Kulturschaffenden, sozialen Akteuren und vor allem der Wohnungswirtschaft buntes Leben im Stadtteil initiiert und in die Zukunftsfähigkeit von Wohngebäuden und Wohnumfeld investiert“, berichtet Walter Barth, ehemals Stadtteilmanager der Caritas und immer noch im BauHof tätig. Aktuell ist „Sozialer Zusammenhalt“ im Gräselberg aktiv, dort ist das Diakonische Werk der Träger. Quartiersmanagerin Angelika Wust freut sich besonders über das derzeit erarbeitete Grün- und Wegekonzept, das die Lebensqualität im Wohnquartier ankurbelt.

Puzzleteil als Hilfe zur Selbsthilfe

In Mitte ist Adriana Shaw (Internationaler Bund) verantwortlich. „Das Städtebauförderprogramm ist natürlich nicht die Lösung für alle Probleme“, sagt Shaw, „wir sind ein zusätzliches Puzzle-Teil. Mit unserer Unterstützung und in Zusammenarbeit mit den vorhandenen Akteuren können Entwicklungen beschleunigt, Ideen angestoßen und realisiert werden.“ Sie erklärt: „Wir verstehen uns als Hilfe zur Selbsthilfe und stärken gerne bestehende Strukturen.“ Mit dem Quartiersmanagement gebe es eine weitere Anlaufstelle, an die man sich mit Ideen wenden, sich an der Entwicklung des eigenen Stadtteils beteiligen, Defizite benennen oder Fragen loswerden könne. Mit Freude blickt sie auf viele neue Initiativen. So wie jene von Sebastian Sellinat.

Am Rand der Stadt – und mittendrin

Der Personalberater kam samt Familie vor 14 Jahren nach Biebrich. „Wir haben uns sofort in den Stadtteil am Wasser verliebt. Vor allem das Rheinufer mit den Wiesen, die Rettbergsaue und auch die Nähe zu Mainz begeistern uns. Wir wollten am Rand der Stadt, nicht mittendrin leben“, sagt er. Er ist bekennender Katholik, sein Vorbild ist der „Arbeiterpriester“ Adolph Kolping. Eine „Kolpingfamilie“ gibt es auch in Biebrich. Unter anderem diese Mitgliedschaft ist ein „Motor“ für Sellinats Ideen für seinen Wohnort. „  „Es fing an mit einer Mail: „Es gibt einen Wettbewerb: „Ab in die Mitte“ zur Belebung der hessischen Innenstädte. Allerdings haben wir nur zwei Wochen Zeit, dann endet die Abgabefrist“.

„Was willst du für Biebrich?“

„Da war mein Ehrgeiz geweckt, mein Gedankenprojekt „Social Space“ zum Leben zu erwecken“, berichtet Sellinat. Er gewann mit seinem Konzept und mietete mit dem Preisgeld einen Laden in der Straße der Republik 39. Der bietet jetzt als Pop-up-Store viel Platz für neue Ideen und hat vorerst immer dienstags von 9 bis 13 Uhr und Donnerstag ab 18 Uhr zum „open House“ geöffnet.

„Die Öffnungszeiten werden sich sicher noch ausweiten, wenn wir weitere Angebote haben“, verspricht Sellinat, „denn wir wollen gemeinsam mit Bewohnern viel ausprobieren.“ Ihr Motto: „Was willst du für Biebrich?“ gehen sie jetzt Schritt für Schritt an: Vom Handwerker, der einen Workshop macht, über Recruiting für Unternehmen, die auf der Suche nach Mitarbeitenden sind, über Kompetenz-Workshops bis hin zu Kultur, Verbänden und Vereinen, die sich bei uns präsentieren. Bis Ende des Jahres ist auch ein Lastenrad des ADFC am Pop-up-Store kostenfrei ausleihbar.

Luft nach oben für die Jugend

Noch Luft nach oben gibt es im Bereich der Jugendarbeit, wie die Sozialarbeiterinnen Gabi Reiter (JuZ Bunsenstraße) und Steffi Filke (JuZ Gräselberg) finden: „Es braucht Spielplätze, Jugendtreffpunkte und Erholungsmöglichkeiten allgemein.“ Spielplätze sollten ruhig, sauber, nicht zu überfüllt und zum Chillen ausgestattet sein. Nach Überzeugung der Sozialarbeiterinnen sollte es Treffplätze nur für Jugendliche geben, die regelmäßig gereinigt werden und mit gemütlichen Sitz- und Liegemöglichkeiten ausgestattet sind. Dazu kommt der Wunsch nach kostenfreier, umweltfreundlicher Mobilität. Angesprochen und abgefragt werde das entsprechende Erfahrungswissen der Jugendlichen leider selten. Doch mit der städtischen Jugendarbeit sei man, auch mit dem „Laden“ im Parkfeld und dem Jugendcontainer im Mühltal, gut aufgestellt.

SEG steuert Stadterneuerung

In punkto Bauen hat die SEG gerade viele Projekte am Laufen, vom „Sportpark Rheinhöhe“ an der Waldstraße über zahlreiche Wohnquartiere und auch die neu angekauften Dyckerhoff-Teilflächen passiert eine Menge „Stadterneuerung“. Ein trauriges Kapitel ist und bleibt das Thema „Zollspeicher“. Kritische Stimmen gibt es auch grundsätzlicher Natur. „Es gibt zwar viele organisierte und unorganisierte engagierte Menschen in Biebrich, sie bleiben aber häufig unter sich, und es mangelt entweder an Offenheit anderen gegenüber oder die bestehenden Angebote sprechen nicht alle Bevölkerungsgruppen an“, meint Adriana Shaw.

Bürgerengagement trotzt Politikfrust

„Das momentan hohe bürgerliche Engagement in Biebrich ist auch ein Zeichen dafür, dass sich die Leute von den politischen Institutionen nur unzureichend vertreten sehen“, findet Markus Kohlstock von „biebrich 203 gemeinsam machen e.V.“. Mit „Freiherrs Garten“ im auf dem alten Schulgelände der Freiherr-vom-Stein-Schule, das dem Neubau eines Bürgerzentrums weicht, hat der Verein eine weitere Initiative zur urbanen Belebung des traditionsreichen Stadtteils ergriffen.

Erklärtes Ziel der Vereinsmitglieder ist es, „einen Ort für Begegnung, Kultur und Miteinander im Quartier zu schaffen“ – als „offener Schrebergarten“ in gemütlicher Atmosphäre mit Sitzgelegenheiten, großer Bar und Hochbeeten. Konzerte, Lesungen, Theater, Flohmärkte, Kino oder sonstige Ideen: „Alle Biebricher Vereine, Organisation und Privatpersonen sind eingeladen, die neue entstandene, temporäre Fläche für sich zu nutzen und eigene Veranstaltungen und Aktionen durchzuführen“, betonen die Macher der Pop-up-Freifläche mit eigenem Instagram-Auftritt (freiherrs_garten). Nichts werden wird es mit der angedachten Touristenattraktion Riesenrad am Rheinufer. Dieser Idee der Schausteller-Familie Barth („Taunus Wunderland“) wurde nach Bedenken diverser Ämter eine Absage erteilt.

Klage über „Parallelgesellschaft“

Ein Bürger, der ungenannt bleiben will, beschreibt Unwohlsein im Stadtteil: „Es gibt eine Gruppe, fast schon eine Parallelgesellschaft, die sich um die Gemeinschaft herzlich wenig kümmert.“ Er beklagt: „Da werden Einfahrten, Sperrflächen und Rad- und Gehwege zugeparkt, Müll wird achtlos weggeworfen, Spielplätze verwüstet, sinnlos Krach mit Pkw gemacht und vieles mehr. Diese Menschen sind auch vollkommen uneinsichtig, wenn man sie darauf hinweist, oft sogar aggressiv.“ Der Biebricher wünscht sich für Biebrich eine höhere Präsenz von Polizei und Ordnungsbehörden. Solches nimmt sicher auch Sebastian Sellinat wahr, doch er und seine vielen Mitstreiter:innen wollen es auf ihre Weise angehen: „Biebrich im Aufbruch heißt für mich, dass wir es schaffen müssen, Bewohner miteinander ins Gespräch zu bringen, in den Austausch, damit wir uns kennenlernen. Nur wenn Menschen sich kennen, übernehmen sie füreinander Verantwortung.“

Stadtteil-Steckbrief

Erste schriftliche Erwähnung: 874 als „villa biburc“. Im 10. Jahrhundert erste Erwähnungen als Biebrich, zusammen mit Mosburg. 1893 namentliche Zusammenlegung zu Biebrich. 28.10.1926 Eingemeindung in die Stadt Wiesbaden. Einwohner:nnen: 38.758 (Stand 31.12.2020).  PLZ: 65183, 65203, 65187. Ortsvorsteher: Horst Klee (CDU). Anteil Bevölkerung mit Migrationshintergrund 44,8% (39,4% Gesamt-Wiesbaden), Ausländer:innen 26,6% (21,9%), davon größte Gruppen Türkei (18,7% (14,2%), Griechenland 12,9% (4,6%).   Arbeitslosenquote 9,5% (8,0%), Anzahl Gewerbebetriebe: 2880. Biebricher Gewerbeverein: B.I.G. Eindrücke von Biebrich auf der privaten Internetseite: www.sehenswertes-biebrich.de.

Biebricher Persönlichkeiten

Der frühere Wiesbadener OB Sven Gerich, dessen Stiefvater Gustav Gerich bis heute eine 1882 gegründete Druckerei und Verlag in dem Stadtteil betreibt, sah sich ebenso als „Biebricher Bub“ wie der amtierende Sozialdezernent Christoph Manjura. Fußball-Weltmeister und Eintracht Frankfurt-Legende Jürgen Grabowski trat als Achtjähriger in den SV Biebrich 1919 ein und wechselte 16 zum FV Biebrich 1902. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff (Foto: Arne Landwehr) wuchs in Biebrich auf und drehte seinen ersten Kurzfilm am Rheinufer. Der Deutscher Buchpreis-Träger Frank Witzel wuchs in Biebrich auf und machte seinen Heimat-Stadtteil auch zum literarischen Schauplatz.

Weiterlese-Tipp: Stadtteil-Report Klarenthal – Trabant mit grüner Lunge.