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Sympathisch gewachsen: Heimspiel Knyphausen – Ein Indie-Festival als Erfindung der Wein-Win-Situation

Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

Wechselhaftes Wetter konnte einem gut gelaunten, überwiegend bestens ausgerüsteten und robustem Publikum nichts anhaben am Abschluss-Sonntag des über die inzwischen ganz schön vielen Jahre kräftig gewachsenen und immer noch komplett sympathischen und sehr familiären „Heimspiel Knyphausen“-Festivals, das an drei Tagen jeweils bis zu gut 2000 Musikfans aus der Region und auch von weither auf das weitläufige Gelände des Weinguts Baron Knyphausen lockte.

Spätestens, als der letzte Act des Tages und des Festivals, Niels Frevert, bei seinem nachmittäglichen Auftritt den Anwesenden attestierte, von der Bühne aus „so viele schöne Menschen wie schon lange nicht mehr“ zu sehen, war eitel Sonnenschein unabhängig von der Wetterlage garantiert. Und auch der Blackout-Schreck, der dem Hamburger und seiner Band gleich beim ersten Song den Strom klaute, war nach einer fixen Fehlerbehebungspause schnell vergessen. Mit seinem grandiosen Auftritt gab der Hamburger – an diesem Nachmittag zuerst mit, dann ohne Hut gut – zugleich ein „Comeback“ als auch einen Vorgeschmack auf sein im September erscheinendes neues Album „Putzlicht“. Davor hatte die erst vor wenigsten Jahren entstandene Kölner Band Fortuna Ehrenfeld mit ihrem genialen Pyjama-Frontmann Martin Bechler, der auf der Bühne und bei Frevert dann vor der Bühne reichlich dem Wein zusprach, die Herzen all der schönen Menschen erobert.

So schön, weil sie so glücklich sind?

Vielleicht waren und wirkten diese auch einfach so schön, weil sie so glücklich waren. Glücklich, bei einem ganz besonderen – und seit Monaten ausverkauften – Festival dabeigewesen zu sein. Ein Festival mit besonderer Musik, mit besonders hohem Zuhör-Faktor.

Und ein Festival mit besonderer Atmosphäre an einem besonderen Ort in besonderer Kulisse mit einem besonderen Gastgeber: Gisbert zu Knyphausen, vor 40 Jahrein in Wiesbaden geborener Winzer-Spross und selbst republikweit geliebter Songschreiber und Sänger,  hatte einst einfach mal ein Konzert mit in der heimischen Kelterhalle gegeben. Daraus erwuchs im Zusammenspiel mit der Familie Schritt für Schritt veritables Festival mit bestem Ruf hinaus in die ganze Republik. Gisbert zu Knyphausen ist und bleibt ein (zumindest in seinen Liedern) weltschmerzerfüllter Supersympath, der Großes auf die Beine stellt und dabei augenscheinlich doch am liebsten unsichtbar wäre. „Ein großer Redner werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr“, nuschelte er bei der kleinen Abschlussrede des Festivals, bei dem er selbst nicht auftrat, aber jeden Auftritt seiner – im Booking-Gespann mit Benjamin Metz sorgsam und treffsicher ausgewählten – Kollegen aufmerksam vom Bühnenrand aus verfolgte.

Und wieder ein starker Jahrgang

Langweilig wurde ihm dabei gewiss nicht, denn auch der 2019er-Jahrgang war wieder so großartig wie vielfältig. Die Wiesbadener Weltstars Brandt Brauer Frick rissen bei einem spätabendlichen Rave die (imaginäre) Bude ab, das es sich gewaschen hatte. Tocotronic waren der ganz große Name des Festivals, das aber immer ebenso reichlich Acts für Kenner und Entdecker aufbietet. Ilgen Nur, Gurr, Nullmilimeter, Clickclickdecker, Another Sky und Theodor Shitstorm standen diesmal auch auf dem Programm.

Das 2009 entstandene Festival geht nicht nur immer länger- nach anfangs einem Tag ab 2014 zwei Tage und seit 2017 nun drei Tage -, sondern macht sich auch immer breiter auf dem Gelände des vor 900 Jahren entstandenen und seit 200 Jahren in Knyphausen-Familienbesitz befindlichen Draiser Hof in Eltville-Erbach – nah am Rhein und inmitten von Weinbergen mit Autos (aus ganz Deutschland), Bahn plus kleinem Fußmarsch und Fahrrad gleichermaßen gut zu erreichen.

Die Musik kommt zum Wein – und umgekehrt

Und das Festival schafft Wein-win-Situationen, von denen in dieser Dimension wohl niemand aus dem Hause und der Familie anfangs zu träumen gewagt hätte: Das altehrwürdige Weingut öffnet sich für Indiemusik von heute und morgen, das Musikfestival wird zum Türöffner für Weingenuss bei einer ganz neuen Klientel, die sonst gewiss nicht auf die Idee gekommen wäre, Rheingauer Riesling vom Weingut Baron Knyphausen zu probieren. Und zu kaufen. Schnell gab es eigene „Knypi“-Abfüllungen, längst gibt es Festival-Weinpakete und auch ein immer größeres Rahmenprogramm mit Sektyoga, Geschmacksseminaren und vielem mehr.

Wer für Letztere kein Ticket ergattert hat, kann sich im schicken Weinguts-Verkaufsraum mit Besucherzentrum-Anmutung am – kein Scherz – automatischen Weinprobe-Assitenten durchprobieren. Sachen gibt´s! Auch am Merchandise-Stand, an dem nicht nur Schallplatten, CDs und Musikdevotionalien feilgeboten werden, sondern auch Festivalkappen, Mobilaschenbecher, Babystrampler. Was gut passt, denn von Babys und Kindern (bis 12 Jahre bei freiem Eintritt willkommen und entsprechend stark vertreten) bis zu (vereinzelt) Senioren bevölkern wirklich alle Generationen das Festivalgelände.

So wird es auch im Sommer 2020 sein, das steht schon mal wieder fest. Der weinselige Fortuna Ehrenfeld-Sänger zog am Ende auch den Termin des Festivals 2020 aus dem Topf von Gastgeber Gisbert zu Knyphausen: 24. bis 26. Juli 2020.  Wer spielen wird? Das weiß noch niemand. Aber jeder Heimspiel-Fan ist sich sicher: Es werden wieder sehr sehr gute und sehr besondere Bands und Acts sein. Save the date! And save your tickets: Der Vorverkauf beginnt im Herbst 2019.

Hier geht es zum sensor-Fotoalbum vom Festivalabschluss mit Fortuna Ehrenfeld und Niels Frevert.

Mit besten Empfehlungen: sensor präsentiert Golden Leaves Festival

Übrigens: Wer das Heimspiel Knyphausen mag, wird auch das von sensor präsentierte Golden Leaves Festival lieben – ebenfalls über die Jahre gewachsen, ebenfalls nach wie vor besonders liebevoll, familiär und sympathisch. Am 31. August und 1. September in Kranichstein bei Darmstadt – ebenfalls Richtung ausverkauft, aber Wochenendtickets gibt es – noch – hier.

 

2 Kommentare “Sympathisch gewachsen: Heimspiel Knyphausen – Ein Indie-Festival als Erfindung der Wein-Win-Situation

  1. Ich hatte das Vergnügen Gisbert zu Knyphausen auf der Parkbuehne Geyserhaus am 29.6.19 in Leipzig zu erleben. Sein ehrgeiziges Ziel,eine Million Euro gegen Rechts,für soziale Zentren und Jugendhäuser zu sammeln,macht ihn zu einem Ausnahmekuenstler . Es ist absolut nachzuvollziehen ,dass er mit seinen Liedertexten und sozialem Engagement,Glücksgefühle auslöst

  2. Traditionell unterstützt die Familie zu Knyphausen ein soziales Projekt mit den Erlösen der diversen Spendenaktionen im Rahmen des Musikfestivals Heimspiel Knyphausen.
    In diesem Jahr wurde der Jugendpark der Kulturen, das interkulturelle, demokratische Jugendprojekt der Eltviller Philipp-Kraft-Stiftung, unterstützt.
    Durch die Pfandflaschen-Spendenaktion und Henrike Mehler‘s Charity-Sekt-Yoga-Event konnten der Stiftung € 3.156,50 € übergeben werden. Zusätzlich unterstützen Frederik und Gisbert zu Knyphausen den Jugendpark mit einer privaten Spende in Höhe von € 1000 aus den Erlösen des Festivals.
    „Menschen in Kontakt zu bringen, Begegnung zu ermöglichen, das ist das Thema der Philipp-Kraft-Stiftung. Im Jugendpark der Kulturen gelingt das hervorragend. Es war uns eine Herzensangelegenheit, dieses Projekt zu fördern.“ sagt Frederik zu Knyphausen.

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