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Verborgene Welten: Casino Players Palace

Ich sitze an einem Novoline Spielautomaten. Gebaut hat ihn die österreichische Novomatic AG. Dieser global aufgestellte Konzern, das will ich mal vorwegschicken, hat 2010 einen Umsatz von 2,7 Mrd. Euro gemacht. Facebook schaffte mit 3,7 Mrd. Dollar (2,9 Mrd. Euro) 2011 kaum mehr. Das habe ich bei Wikipedia gelesen. Und es leuchtet mir jetzt auch ein.

Kein Geschäft verhunzt eine Fassade mehr als eine Spielhalle. Trotz neuer Konkurrenz (Wettbüros und Glückspiele im Internet) vermehren sich Spielhallen immer noch wie Wespen im Hochsommer. Sie müssen horrende Mieten zahlen können. Damit erkaufen sie sich den Segen der Hauseigentümer. Das hat selbst in der Bahnhofstraße geklappt, da war früher mal ein guter Italiener. Ist das „negative Gentrifizierung“?

Mein Novoline-Automat kann gleich mehrere Spiele spielen. Er hat sogar einen Touchscreen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das passt nicht zu dem Bild, das ich von Spielautomaten habe. Die Zeit steht selbst in Spielhallen nicht still, das sieht von außen nur manchmal so aus.

Immerhin darf man noch Münzen einwerfen. Beim Hereingehen bin ich auf einen Empfang getroffen, dort werden durch eine Glasscheibe hindurch Scheine in Münzen umgetauscht. Das hat den Charme einer Western Union-Filiale. Man könnte auch sagen: Es ist Jetons holen für Arme. Ich wollte mir einen fünf-Euro-Schein wechseln lassen; ich dachte, das macht man hier so nach dem Hereinkommen. Bloß nicht lächeln dabei, sagte ich mir, dann fliegst du auf. „I am one of you people“ muss in meinem Gesicht stehen. Mit meinen fünf Euro in der Hand habe ich den Geldwechsler angeschaut, als wäre eben mein Opa gestorben. Vielleicht habe ich mir das eingebildet, aber ich glaubte, im Gesicht des Mannes ein flüchtiges Zögern bemerkt zu haben. Eine versteckte Nachricht, mit der er mir vielleicht sagen wollte: „Lass es sein, mein Bub, du bist noch zu jung und unverbraucht.“

Per Touchscreen wähle ich jetzt den „Fruitinator“, das klingt so niedlich. Das Logo sieht auch süß aus, es erinnert an eines dieser Games aus dem App Store. Der „Fruitinator“ entpuppt sich als virtueller einarmiger Bandit. In drei Minuten verspiele ich vier Euro.

Ich beschließe, mich lieber erst mal umzuschauen. Dabei merke ich, dass man genau das hier gerade nicht macht: sich umschauen. In einer Spielhalle zu sein ist harte Arbeit. Man hat keine Zeit zu verlieren. So richtig freiwillig ist man auch nicht hier, das lese ich in den sturen Gesichtern. Schon die Geräuschkulisse auszuhalten, eine neurotische Symphonie aus sich mantraartig wiederholendem Gepiepse, ist eine Nervenleistung. Dolce Vita sieht anders aus. Charme hat es trotzdem, ich fühle mich wie ein Cowboy, ein lonesome rider. Ein unverstanden gebliebener Außenseiter. Mit einem Score von Tom Waits im Ohr würde sich das Loserimage wahrscheinlich fast sexy anfühlen. Prof. Reichertz von der Uni Duisburg-Dresden nennt diesen Vorgang „Heroisierung von Frusterlebnissen“.

Ich klicke auf „Honey Bee“, ein anderes Spiel. Nach zwei Minuten ist mein Geld weg. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, ich springe auf und schmeiße dem Geldwechsler einen weiteren Fünf-Euro-Schein entgegen. Kein Zögern mehr in seinen Augen. Ich wechsle auf „Risiko“, denn das muss ich jetzt eingehen. Dieses Spiel ist gefährlich, denn es kommt im Gewand eines Reaktionstests daher. In Sekundenbruchteilen springt es zwischen Gewinn (100 Punkte) und Verlust (0 Punkte) hin und her. Man muss im richtigen Moment den Knopf drücken. Gewinnt man, steigt man auf, und es geht bei 100 Punkten weiter. Wie bei „Wer wird Millionär“. Aber das Spiel macht mir etwas vor. Ich bin mir sicher, mehrmals – ganz eindeutig – die 100 Punkte erwischt zu haben. Novoline war da anderer Meinung, und die sitzen am längeren Hebel.

Plötzlich treten zwei Männer ein. Sie teilen sich sofort auf, jeder an einen Automaten. Einer stellt sich neben mich. Routinemäßig bedient er den Automaten und flucht dabei auf Türkisch. Nach vier Minuten gibt er seinem Kompagnon ein Zeichen und sie verschwinden wieder. Vielleicht ins nächste Casino. Ich habe jetzt elf Euro fünfzig verspielt. Zeit, zu gehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Casino Players Palace / Wellritzstraße 16 / 65183 Wiesbaden  

Martin Mengden, 26, Musiker, Flaneur und bekennender Jungjurist, öffnet in der Rubrik „Verborgene Welten“ Türen zu Wiesbadener Sub-Welten, durch die nicht jeder auf Anhieb gehen würde.

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