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„Wiesbaden feiert“ am Pogromnacht-Gedenktag 9. November – Geht das? Diskussion und Kommentar

Von Dirk Fellinghauer. 

„Wiesbaden feiert“ heißt es am kommenden Samstag zum elften Mal. Die beliebte halbjährliche Bar- und Clubnacht unter dem Motto „1 Nacht, alle Locations, 1 Eintritt“ findet, wie seit der Erstausgabe 2014 auch zum Fünfjährigen präsentiert von sensor, in diesem Jahr am 9. November statt. Am 9. November … Da läuten bei manchen die Alarmglocken.

9. November – das ist, neben anderen spezifisch „deutschen“ historischen Jahrestagen wie etwa dem freudigen Ereignis des Mauerfalls – der Jahrestag der Reichspogromnacht. Jener Nacht also, in der 1938 in ganz Deutschland Synagogen und jüdische Geschäfte brannten und Tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet worden sind. Da darf man doch nicht feiern, da darf „Wiesbaden“ doch nicht feiern, heißt es nun bei Diskussionen in den Sozialen Netzwerken. Wirklich nicht?

„Wiesbaden feiert“, dies sei vorneweg geschickt, an diesem 9. November bei weitem nicht nur in den siebzehn Locations, die sich diesmal an der Bar- und Clubnacht unter eben dieser Devise beteiligen. Wiesbaden feiert auch an diversen anderen Orten. Ein Blick in den Veranstaltungskalender genügt und führt am 9. November zum Beispiel zum Schlachthof, wo ein ausverkauftes Airbourne-Konzert und eine „Get low“-Party steigen, in den Club Troja auf der Taunustraße, wo die neue Gays & Friends-Party „Famora“ Premiere feiert, in die Alte Schmelze, wo ein „Psycho Sexy“-Konzert stattfindet. Oder ins Heaven zur Kopfhörerdisco oder in die Krea zum Bummeltechno oder in das Hotel Nassauer Hof zum Lions Club-Ball unter dem Motto „Saturday Night Fever“.  Oder nach Hochheim zum Hochheimer Markt. Oder oder oder. Oder auch ins Kino, ins Theater, ins Kabarett. Und nicht nur Wiesbaden feiert am 9. November 2019, sondern das „ganze Land“, wie an jedem Samstagabend, wie in jeder Samstagnacht.

Sicher gibt es Menschen, denen an einem solchen Tag nicht zum Feiern zumute ist. Es ist ihr gutes Recht. Es ist sogar ihr Recht, es befremdlich zu finden, wenn andere an diesem Tag feiern. Und erst recht ist es ihr Recht, von der buchstäblich plakativen Wirkung der im Stadtbild als Werbung präsenten Aussage: „9. November 2019: Wiesbaden feiert“ irritiert oder beschämt zu sein und sie geschmacklos zu finden.

Zur Absage dieser spezifischen Veranstaltung, zum generellen Verbot von Vergnügen, besteht dennoch kein Anlass.

Wiesbaden feiert am 9. November. Und Wiesbaden gedenkt am 9. November, „offiziell“ und gemeinsam um 19 Uhr am Michelsberg, außerdem gewiss auch vielfach individuell und persönlich. Beides steht allen offen, sich daran zu beteiligen. Oder eben nicht. Die Entscheidung darüber hat kein Staat, keine Stadt, kein Amt zu treffen. Sondern einzig und allein jede*r für sich selbst. So wie für „Wiesbaden“ könnte auch für jeden einzelnen beides möglich sein: Gedenken und feiern.

Beste Beispiele, wie das eine geht, ohne das andere zu ignorieren, geben aus dem Kreis der diesmal beteiligten „Wiesbaden feiert“-Locations zum Beispiel der Kulturpalast mit seiner Entscheidung, Teile der an diesem 9. November eingenommenen Gelder an das Stolpersteine-Projekt zu spenden und grundsätzlich mit der Devise „Kein Bier für Nazis“ zu feiern (siehe Statement unten). Oder die Badhaus Bar, die für den 9. November die „dem Datum verpflichtete“ Losung ausgibt: „Keine Ausgrenzung. Kein Rassismus. Miteinander feiern!“ (siehe Foto oben).

Eines allerdings hat das aktuelle „Meinungsbild einholen“ bei dieser Diskussion eindrücklich gezeigt: Wie wichtig – unabhängig von der Feierei, die in diesem Jahr zufällig auf das gleiche Datum fällt, das Gedenken ist – und bleibt. Es gibt nämlich, so zeigte sich, tatsächlich viele, die mit dem 9. November als historisches Datum „gar nichts anfangen“ können. Wahrscheinlich sogar zu viele. „War da was!?“ Ja, da war was! Und zwar etwas, was nie vergessen werden darf, auf dass es nie wieder geschehe. Allein deshalb darf das öffentliche Gedenken an das Grauen und an die Opfer des Grauens nicht aufhören. Grundsätzlich nicht. Und schon gar nicht in Zeiten wie diesen, wo Verharmloser und Verächtlichmacher eben jenes Grauens, das am 9. November 1938 seinen Lauf nahm, lauter und lauter werden und nicht nur auf Straßen grölen, sondern längst auch in Parlamenten sitzen, auch in unserer Stadt. Allein deshalb lautet der unbedingte „Veranstaltungstipp“, an diesem Samstag, 9. November, um 19 Uhr zum Mahnmal des namentlichen Gedenkens, dem Standort der früheren Synagoge am Michelsberg, zu kommen. Und nach dem Gedenken eben dies zu tun oder auch zu lassen, wonach es einem ganz persönlich ist.

PS: Im offiziellen Veranstaltungskalender der Landeshauptstadt Wiesbaden ist die Gedenkveranstaltung am Michelsberg übrigens nicht aufgeführt. Es könnte eine gute Idee sein, dies in Zukunft zu tun. Vielleicht „stolpern“ dann auch Menschen über das Gedenken, die es gar nicht im Sinn hatten. Oder es werden jene erinnert, die es doch vielleicht sonst glatt vergessen hätten.

Statement Vorstand Kulturpalast:

„Der Kulturpalast positioniert sich seit seiner Gründung gegen jegliche Form des Faschismus und somit auch klar gegen Antisemitismus.

Die Erinnerung an die Verfolgung von Juden und Jüdinnen ist in unseren Köpfen allgegenwärtig, jedoch an kein festes Datum gebunden. Wann immer sich uns die Möglichkeit bietet, unterstützen wir verschiedene Vereine und Initiativen, die unsere Wertvorstellungen teilen. Aus diesem Grund spenden wir Teile der an diesem Abend eingenommenen Gelder an das „Stolperstein-Projekt“, da dieses tagtäglich als Teil des Wiesbadener Stadtbilds an diesen dunklen Punkt der deutschen Geschichte erinnert.

Außerdem machen wir uns auch weiterhin stark gegen aktuell wieder vermehrt in Deutschland aufkommende rechte Tendenzen.

Dennoch finden wir, dass man an diesem Tag feiern kann und darf. Es wird bei uns eben – wie immer – kein Bier für Nazis geben.“

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