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„Winzerstübchen“ schließt: „Aus“ für Traditions-Lokal im Dichterviertel / Nach Hausverkauf „nicht mehr erwünscht“

Noch öffnet Beate Arthen gerne die Türen für ihre vielen Stammgäste im „Winzerstübchen“. Aber Ende des Jahres schließt sie das einzigartige Lokal, das dort 1988 eröffnet wurde.

Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

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Gerade als das Schlimmste der Corona-Krise überstanden war und sie optimistisch und motiviert wieder richtig durchstarten wollte mit ihrem Traditionslokal im Dichterviertel, kam für „Winzerstübchen“-Wirtin Beate Arthen der nächste Schlag. Das Haus, in dem seit 1964 Gastronomie ansässig war und seit 1988 das „Winzerstübchen“, wurde verkauft. Gespräche über einen Weiterbetrieb mit den neuen Eigentümern, Investoren aus Frankfurt, scheiterten schnell. Nun ist das „Aus“ besiegelt. „Am 3. Dezember wird unser letzter Tag hier sein“, sagt uns die Wirtin, die das Lokal im Januar 2017 nach einem Schlaganfall der legendären, im November 2017 verstorbenen Chefin Ursel Schittler nahezu unverändert in ihrem Stil und Sinne weiterführt.

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Sie sagt es traurig. Aber auch wütend. Traurig, weil hier ein weiterer besonderer Ort – mit Bedeutung weit über das gastronomische Angebot hinaus, auch mit über Jahrzehnte gewachsener sozialer Funktion für unzählige Stammgäste – aus dem Stadt(teil)bild verschwinden wird. Wütend, weil hier Investoren aus einer anderen Stadt „kein Verantwortungsgefühl haben und etwas einfach platt machen, weil sie das Geld haben, es zu tun.“ Wütend, weil sie sich – und Verantwortliche, auch in der Stadt(teil)politik – fragt: „Was passiert mit unserer Stadt?“.

Sie hätte das „Winzerstübchen“ gerne weitergeführt, sie hätte – und hat – auch über künftige Konditionen verhandelt. Die neuen Eigentümer hätten aber schnell deutlich gemacht, dass ein Lokal wie das „Winzerstübchen“ einfach nicht mehr erwünscht sei. Nicht erwünscht in dem klassischen Wiesbadener Altbau, in einem Haus, das die Investoren dem Vernehmen nach umfassend sanieren wollen – mit „marktüblichen“ Folgen auch für die Mieter, die hier teilweise seit Jahrzehnten wohnen und von denen die ersten schon auf der Suche nach neuen Bleiben sein sollen. Es klingt, mal wieder, nach Gentrifizierung.

Herrlich aus der Zeit gefallen, Heimat für viele

Beate Arthen ist traurig, wütend – und entschlossen: „Das Winzerstübchen soll weiterbestehen, wenn auch an einem anderen Ort.“ Am bisherigen Ort hat sie es geschafft, das „Winzerstübchen“ nach dem Tod der so unverwechselbaren wie unersetzlichen Chefin zu erhalten und ziemlich genau so weiter zu betreiben, wie „die Ursel“ es über Jahrzehnte tat. Ein wenig aus der Zeit gefallen, und das im besten, und selten gewordenen, Sinne: Einfach, günstig, herzlich, offen für alle, Heimat für viele. „Sogar ihr Schlappmaul habe ich mir ein wenig angewöhnt“, sagt Beate, die 17 Jahre lang als Bedienung im „Winzerstübchen“ gearbeitet hatte, lachend.

Und freut sich, dass Ursels Mann Edgar immer noch täglich aus dem Westend zum Mittagstisch kommt, hier seinen Wiesbadener Kurier liest und mit Stammgästen über alte Zeiten spricht – wenn nicht gerade Lockdown ist: „Da kam er mit seinem E-Bike, und wir haben ihm das Mittagessen zum Mitnehmen gepackt.“

Letztes Winzerstübchen-Fest am 3. September

Die leidenschaftliche Wirtin wird nicht sang- und klanglos das Feld räumen. „Am 3. September gibt es nochmal ein letztes Winzerstübchen-Fest“, kündigt Beate an. Ab 17 Uhr wird auf der Herderstraße gefeiert, was das Zeug hält (und was die pandemische Lage zulässt), Livemusik gibt es von der „Hausband“ The Fabs.

Auf der Suche nach neuen Räumen 

Und nach dem 3. Dezember? Wird das „Winzerstübchen“ hoffentlich irgendwo anderes wieder aufleben – „am liebsten hier im Dichterviertel, vielleicht mit einem etwas anderen Konzept, aber der Mittagstisch als Markenzeichen muss bleiben“, so Arthen. Erste Kontakte für mögliche neue Standorte hat sie geknüpft, erste Hinweise schon erhalten. Weitere Tipps nimmt sie dankbar entgegen – auch im Sinne ihrer Stammkunden, denen nun ihr „Winzerstübchen“ und damit vielen ein Stück Heimat genommen wird.

7 Kommentare “„Winzerstübchen“ schließt: „Aus“ für Traditions-Lokal im Dichterviertel / Nach Hausverkauf „nicht mehr erwünscht“

  1. #Wiesbaden: „Was wird aus unserer Stadt?“ wird im Artikel gefragt. Leider liegt die Antwort auf der Hand: Wiesbaden verliert weiter an Charakter, an außergewöhnlichen Treffpunkten, an Menschlichkeit um die Ecke. An Tradition in gutem Sinne. Sie verliert das #Winzerstübchen. Das Ganze womöglich leichtfertig. Ich bin Romantiker, nicht hoffnungslos. Aber: Wenn eine Stadt solche Orte nicht mehr schützen, zumindest unterstützen kann, hat sie kapituliert. Wovor auch immer. „Marktübliche Folgen?“ Grässlich. – Noch was: Im Winzerstübchen gehen mitnichten nur Stammkund/innen ein und aus: Ich (und sicher viele andere) schleppe immer wieder meinen Besuch aus nah und fern in die gute Stube, die Laube … die allesamt begeistert sind vom Winzerstübchen – und dadurch von Wiesbaden. Ich sage: „Winzerstübchen erwünscht – mehr denke!“

  2. Was kann sich die Stadt alles
    Bieten lassen? Ein neuer Investor ?

    Sollten sie nicht versuchen, Bewährtes zu erhalten?

  3. In den 80er und 90er Jahren haben wir im Winzerstübchen-Hinterzimmer bei Ursel, mit ihrem Wissen, fast alle Hausbesetzungen in Wiesbaden geplant. Schon damals ging es gegen Gentrifizierung, Wohnraumspekulation und die Vertreibung ärmerer Bevölkerungsschichten. Die Wiesbadener Politik (CDU/SPD/FDP und mittlerweile auch Grüne) hat immer gleich und teils mit brutaler Polizeirepression reagiert. Wenn jetzt Krokodilstränen vergossen werden weil Spekulanten das Winzerstübchen schließen, kommt mir das ziemlich verlogen vor. Geerntet werden nicht erst jetzt die Ergebnisse dieser verheerenden Politik, der doch die meisten noch nie etwas entgegensetzen wollten. Das Winzerstübchen ist nicht das erste Opfer (siehe Rheingauviertel) und wird auch nicht das letzte bleiben. Vielleicht sollten endlich wieder mehr Menschen über Hausbesetzung nachdenken!
    Ralf Dreis

  4. eine eckkneipe mit gut bürgerlicher küche
    nicht mehr erwünscht ? von mir schon !
    wieder geht ein stück HEIMAT verloren

  5. Das Winzerstübchen kenne ich wohl seit mindestens 25 Jahren, war so oft dort, viele Male
    mit Besuch von auswärts, auch aus USA – alle waren begeistert. Ich kann es nicht fassen –
    die Herderstrasse/das ganze Viertel verliert den eigentlich wichtigsten Anziehungspunkt,
    wie vor etlichen Jahren schon den Bilderrahmer (und die Buchbinder)!
    Hoffentlich ist die Suche nach neuen Räumen bald erfolgreich!! Wer kann mit-suchen??

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