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Da baut sich was zusammen! Wie neue und erneuerte Kreativorte Wiesbaden beflügeln (1): Die Walkmühle

Von Anja Baumgart-Pietsch und Dirk Fellinghauer. Fotos Kai Pelka.

Neu oder erneuert. Orte der Kultur und Kreativität befinden sich im Baustellen-Modus. Wir waren unterwegs, haben uns umgeschaut und umgehört in Sachen Walkmühle, Altes Gericht, Nassauischer Kunstverein, Museum Reinhard Ernst und Walhalla. Was wo wie entsteht und wie diese Orte Wiesbaden beflügeln werden, stellen wir in Einzelbeiträgen vor. Zum Auftakt: die an diesem Wochenende eingeweihte Walkmühle.

Nie wieder kalte Füße! Die Walkmühle, das war jahre-, nein sogar jahrzehntelang der Ort, wo man sich warm anziehen musste. Da Atelierraum in der Landeshauptstadt stets knapp war, nahmen die hier arbeitenden Künstler:innen diese Bedingungen in Kauf. Sie veranstalteten die legendären Weihnachtsmärkte  „Die Kunst zu schenken“, große thematische Ausstellungen, Musik- und Salonabende und mehr. Immer stand auf den Einladungen, man möge sich doch vorsorglich gegen die Kälte wappnen. Und das aus gutem Grund.

Und jetzt: „Wir haben Fußbodenheizung!“, sagt Wulf Winckelmann, der durch das sanierte Gebäude führt. Seit 2003 sind die Kunstschaffenden im Wiesbadener Industriedenkmal zugange, arbeiteten im bröckelnden Charme des rund 270 Jahre alten Gebäudes, das einst als Waisenhaus, Bierbrauerei, Gaststätte, Chemische Reinigung diente.

Die Stadt kaufte das aus insgesamt zwölf miteinander verbundenen Gebäudeteilen bestehende Areal 1966, wollte es später aber wegen der hohen Instandhaltungskosten wieder loswerden. Wulf Winckelmann, Vorstandsmitglied des 2005 gegründeten „Künstlervereins Walkmühle“ hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich fast zwanzig Jahre dauern würde, bis die Sanierung abgeschlossen wird. Nun ist es so weit. Entsprechend euphorisch wurde nun die (Fast-)Fertigstellung gefeiert.

Es werde Licht

An diesem letzten Aprilwochenende respektive 1. Mai-Wochenende eröffnet die neue Walkmühle mit einem großen Fest, und sie ist wirklich zu einem wunderbaren Ort für Kunst, für Gemeinschaft und für Wiesbaden geworden. Die Sanierung, sagt Winckelmann, sei denkmalschutzgerecht und dennoch nach modernsten Erfordernissen abgelaufen. „Ich habe in den Jahren so viel dazu gelernt, zum Beispiel Elektroplanung“ – auch die Vereinsmitglieder haben sich richtig reingehängt. Licht ist für bildende Künstler:innen wichtig, es ist nun sowohl aus natürlicher wie aus künstlicher Quelle optimal. Die Räume sind großzügig geschnitten, aber auch kleinere Ateliers haben Platz gefunden. In einem eigenen Gebäudetrakt residiert der Verein „Artist/Kooperative New Jazz“, die „Musiksparte“ der Walkmühle, deren neues Domizil noch nicht fertiggestellt ist und im September gesondert eingeweiht werden soll.

Ein Dutzend Ateliers, ganz unterschiedlich genutzt

Die Atelierflächen werden in der Walkmühle von Pionieren und Neulingen, von Künstler:innen und Kreativen ganz unterschiedlicher Hintergründe und Disziplinen genutzt und bespielt: Edgar Diehl (Foto oben), Manocheher Seyed Mortazavi (links), Verena Schmidt (links), Christiane Erdmann, Andrea Esswein, Nicole Fehling, Katja Grandpierre, Axel Schweppe, Karim Teufel, Thomas Vogel, Wulf Walter und Wulf Winckelmann.

Kunst trifft auf Kreativgewerbe

Dazu gibt es auf dem weitläufigen Gelände zahlreiche Gewerbeflächen wie zum Beispiel die faszinierende Werkstatt des Harfenbauers Rainer Thurau – einer von deutschlandweit nur noch dreien seiner Zunft.

Oder auch mehrere Kreativagenturen wie Q (Geschäftsführer Thilo von Debschitz rechts) oder die Basis, eine Wein- und Sektmanufaktur und einen Weinhandel, diverse Co-Working-Spaces.

„Und auch der Architekt, der den Umbau leitete, hat hier ein eigenes Büro eröffnet. Das ist doch ein sehr gutes Zeichen“, meint Winckelmann schmunzelnd. Er kann gar nicht genug davon bekommen, dem Besuch die „neue“ Walkmühle zu zeigen.

Ein paar Wermutstropfen gibt es –„wir sind barrierearm, aber nicht barrierefrei“, auch ist das eigentlich prima dafür geeignete Dach nicht im Rahmen der Sanierung, die laut WIM Liegenschaftsfonds-Angaben im 2013 kalkulierten Kostenrahmen von 13 Millionen Euro geblieben ist, mit Solartechnik ausgerüstet worden. Vielleicht kommt das irgendwann, mutmaßt der Künstler. Dafür gibt es ein Bienenvolk in einer der Außenmauern, das schon jahrelang dort residiert: „Während der Bauarbeiten wurde extra eine Einflugröhre gebaut, damit die Bienen nicht gestört werden.“ 4 Millionen Euro städtischer Zuschuss und die Erlöse aus dem Teilverkauf haben laut Aussage von WIM-Geschäftsführer Torsten Tollebeek dazu beigetragen, den Finanzierungsbedarf, der über Kredite gedeckt werden musste, auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Etliche Herausforderungen

Weitere Kreativwirtschaft-Mieter willkommen

Die dauerhaft kulturelle Nutzung der Walkmühle ist gesichert. Annähernd 60 Prozent der insgesamt rund 3450 Quadratmeter vermietbarer Fläche werden durch den Künstlerverein Walkmühle und die Kooperative New Jazz genutzt. Auch die gewerblichen Flächen atmen kreativen und kulturellen Geist. Zu den noch nicht vollendeten Baustellen gehört das Haus Metzler, in dem nach Stand der Überlegungen das „Queere Zentrum Wiesbaden“ entstehen soll. Zwei weitere Gewerbeetagen mit jeweils etwa 200 Quadratmetern Fläche will der WIM-Generalbevollmächtigte Erik Schaab vorzugsweise ebenfalls an Akteure aus der Kreativwirtschaft vermieten, wie er sensor am Rande der Einweihungsfeier berichtete. Sie würden sich ansiedeln in einem Umfeld, das vor Kreativität und Inspiration nur so sprüht – wechselseitiges Befruchten inklusive.

Historisch, modern, grün

Beeindruckt zeigten sich viele der Eröffnungsgäste am Einweihungswochenende, dass die besondere Anmutung der Walkmühle-Räume nicht „wegsaniert“ worden sind. Es gibt historische Balken und Ziegel, harmonisch mit neuen Materialien kombiniert, eine wunderbar grüne Umgebung – „wir haben hier auch einen Garten angemietet“, so Winckelmann – Balkons, Innenhöfe und Terrassen, auf denen heute schon Kunstwerke wie die markanten Holzskulpturen von Christiane Erdmann Atmosphäre verströmen: Ein Ambiente, das Kreativität aufs Beste unterstützt. Winckelmann kann sich noch vieles vorstellen, zum Beispiel „Kochen als Kunst“ – die Walkmühle wird ein Anziehungspunkt werden, das ist für ihn bereits völlig klar.

Erste Ausstellungen haben Walkmühle selbst als Thema

Als Ausstellungen sind zunächst einmal zwei Schauen zur Dokumentation der Bauphase geplant: „Von der Industriebrache zum Kulturort“ und eine Fotoschau von Christiane Erdmann, sie hat die am Bau beteiligten Handwerker:innen in den vergangenen acht Jahren porträtiert.

Was übrigens nicht geht: Auf dem Gelände parken. Hier setzt Winckelmann auf die Vernunft des Publikums, das mit dem Bus oder Fahrrad kommen sollte – oder Parkplätze außerhalb des Geländes suchen muss, was nicht ganz so einfach im Wohngebiet ist.

Werben mit Kultur für Wohnhäuser

Nebenan entstehen auf dem weitläufigen Mühlengelände weiter Wohnhäuser. „Es wurde bei der Vermarktung auch damit geworben, dass man hier in der Nähe kultureller Attraktionen wohnt“, sagt Winckelmann, „die berühmten weichen Standortfaktoren.“ Er hofft auf gute Nachbarschaft mit den Bewohnern der Häuser, deren Fertigstellung sichtlich noch dauert. Winkelmann vergleicht das Areal mit einer Pflanze, deren Wurzeln den Topf schon zu sprengen drohten. „Die wurde jetzt endlich umgetopft und kann sich ausbreiten.“ Der WIM-Geschäftsführer Torsten Tollebeek drückt es so aus: „Wir haben für das kulturelle Leben in Wiesbaden einen Kristallisationspunkt geschaffen, der das Potenzial hat, über die Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft zu entfalten.“ Und der Oberbürgermeister von Wiesbaden, Gert-Uwe Mende, nannte beim Festakt unter kräftigem Applaus ein weitere Wiesbadener Baustelle, bei deren Fortkommen man sich in Sachen Mut und Zusammenwirken einiges bei der Walkmühle abschauen könne: das Walhalla.

Der zweite Tag der offenen Tür zur Einweihung der Walkmühle läuft noch heute bis 19 Uhr. Impressionen von der Eröffnungsfeier im sensor-Fotoalbum hier, Infos und Programm hier.

Alle Infos zur Walkmühle und das künftige Programm des Künstlervereins hier.