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Das große 2×5-Interview: Axel Klug, City-Manager, 55 Jahre, 2 Töchter

Interview: Dirk Fellinghauer. Foto: Arne Landwehr.

BERUF

Sind Sie der Retter der Wiesbadener Innenstadt?

Es gab Leute, die mich als Retter der Wiesbadener Innenstadt erwartet haben. Das ist ein hoher Anspruch, den keine Person alleine erfüllen kann. Die funktionierende Innenstadt ist eine Aufgabe, die Fähigkeiten und Kompetenzen einzelner Personen weit übersteigt. Es ist Teamwork, anders funktioniert City-Management nicht. Hier in Wiesbaden ist der City-Manager Teil des Teams im Referat für Wirtschaft und Beschäftigung. Wir entwickeln vieles gemeinsam.

Was genau sind Ihre Aufgaben?

Der City-Manager soll als Ideengeber für neue Innenstadtkonzepte und für die Prosperität der Innenstadt fungieren und dazu, im Team, Konzepte und Strategien ausarbeiten. Er soll Kümmerer sein – also draußen sichtbar sein und ein offenes Ohr haben, was passiert, Ideen aufnehmen und in die Verwaltung hineinspielen – und auch als Anwalt der Innenstadtunternehmer, neben Handel auch Gastronomie und Dienstleister, fungieren. In meinem Bereich, dem historischen Fünfeck, gibt es circa 530 Einzelhändler und ungefähr 200 Gastronomen. Bei der Verknüpfung von Leerständen mit Pop-Up-Konzepten konnte ich schon verschiedene Player auf der Seite der Immobilienanbieter mit Interessenten für solche Räume zusammen bringen.

Die Stimmung vieler Gewerbetreibender und Gastronomen in Wiesbaden war so-wieso schon mies. Und dann kam auch noch Corona. Welche Auswirkungen nehmen Sie wahr? 

Meine Einschätzung ist, dass die Stimmung dort, wo sie vor Corona schon schlecht war, durch die Krise verstärkt wurde. Wiesbaden hat dabei übrigens großes Glück, dass wir sowohl Karstadt wie Kaufhof behalten können und zumindest für die nähere Zukunft diese beiden großen Warenhäuser gesichert sind. Seit die Geschäfte und Gaststätten wieder auf sind, hat mir eine erfreuliche Anzahl von Unternehmern gesagt, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen oder sogar recht zufrieden mit der aktuellen Situation sind. Bisher sehe ich auf jeden Fall nicht mehr Leerstand als vor der Krise.  Was wir haben, ist eine extrem hohe Drehzahl. Zu auf, zu auf …  Jede Krise ist eine Chance. Bestimmt müssen manche Einzelhändler und Gastronomen die Reißleine ziehen. Dafür kommen andere mit neuen Konzepten, oder Betroffene legen eine Reflexionsphase ein und fragen sich, wo hat es gehakt hat. Da hilft es, dass wir in der Gesellschaft auch eine Zunahme der Akzeptanz erleben, was das Scheitern betrifft – das wird im Wiesbadener Innenstadtbereich ähnlich sein.

Was hat die Wiesbadener City, was andere Innenstädte nicht haben?

Es ist eine schöne Stadt, das geht schon mit den Fassaden los. Dass man über das Design der Fußgängerzone streiten kann, gehört dazu. Mein großes Anliegen ist es, ein Bild von Wiesbaden zu vermitteln, das etwas realistischer ist. Und zu versuchen, einem Negativbild, dass viele mit sich herumtragen, die Schärfe zu nehmen. Als jemand, der nicht aus Wiesbaden stammt, aber seit Kindheitszeiten immer wieder hier war, nehme ich die Veränderungen wahr – und zwar positiv. Es ist wichtig, dass die Akteure das auch mehr transportieren und über unsere positiven Veränderungen auch entsprechend reden. Warum sollte sonst jemand aus dem Rheingau, dem Taunus oder aus Rheinhessen nach Wiesbaden fahren?

Corona macht vieles unmöglich, aber auch in Wiesbaden vieles möglich, was bisher undenkbar schien. Wie werden die unverhoffte Flexibilität und Agilität in Verwaltung und Politik zum Dauerzustand?

Zuallererst ist es mal toll, dass es so funktioniert hat. Diese neuen Möglichkeiten öffentlichen Raum zu nutzen, die man sich vor der Pandemie nicht hätte vorstellen können, müssen nun gespielt und damit auch getestet werden. Wir müssen schauen, wie die Stadtgesellschaft damit umgehen kann und man alle Interessen unter einen Hut bekommt. Wir brauchen für die Gastronomie, und auch für die Schausteller, die Möglichkeiten, sich im öffentlichen Raum ein Stück breit zu machen und ihre Geschäftstätigkeit auszuüben. Dabei darf man aber nicht das Ruhebedürfnis von Bürgern oder das Schutzbedürfnis bei großen Menschenansammlungen außer Acht lassen. Dies alles natürlich immer vor dem Hintergrund der immer noch andauernden Corona-Krise.

MENSCH

Sie wurden – und werden – kritisch beäugt, Ihre Position war nicht unumstritten. Macht Sie das nervös?

Am Anfang war es nicht so ganz klar, welche Ansprüche an mich gestellt werden. Das macht einen als Neueinsteiger in einer anderen Stadt schon ein bisschen unsicher, weil man nicht ganz genau weiß, ob man die Erwartungen erfüllen kann oder nicht. Aber mit zunehmender Beschäftigungsdauer kristallisierte sich immer deutlicher heraus, wohin die Reise gehen soll. Wenn man dann klarer weiß, was gefordert ist, fühlt man sich entsprechend wohler. Auf jeden Fall macht mir der Job nach wie vor großen Spaß. Es ist anspruchsvoll und vielseitig in so viele Richtungen. Ich bin so motiviert wie am ersten Tag, komme jeden Morgen mit Freude hierher und fahre am Abend mit Freude nach Hause.

Sie kommen von der anderen Rheinseite. Was kann Wiesbaden in Sachen Innenstadt-Belebung bzw. Verhinderung von Innenstadt-Verödung von Mainz lernen?

Gar nichts. Beide Städte haben die gleichen Probleme und die gleichen Möglichkeiten. Wir können einfach mal hin und her schauen über den Rhein – wie macht es unser Nachbar? Schön fände ich, wenn die interkommunale Zusammenarbeit bei dem Thema stärker wird. Als Doppelstadt sind wir 500000 Einwohner stark – und stellen damit im Westen des Rhein-Main-Gebiets einen beachtlichen Gegenpol zur Centermetropole Frankfurt dar. Wenn wir beide gemeinsam auf der Klaviatur spielen, können wir ziemlich stark sein.

Schließen Sie die Augen, schauen Sie in die Glaskugel: Welche Wiesbadener Innen-stadt 2030 sehen Sie?

Ich sehe eine Innenstadt, die möglicherweise einen anderen Nutzungsmix hat, die ihre Stärken auslebt, in dem sie auf sich ändernde wirtschaftliche Rahmenbedingungen flexibel reagiert: Wenn mehr Wohnen im Stadtgebiet das Zeichen der Zeit ist, lässt man es zu. Und wenn Einzelhandel oder Dienstleistungen wieder stärker gefragt sind, reagiert man darauf flexibel. Ich sehe als eine der Nachwirkungen von Corona, dass inhabergeführter Einzelhandel neue Chancen erhält, die er zuvor nicht gesehen hatte. Und ich würde mir wünschen, dass 2030 das Thema Verkehr und Mobilität für alle Beteiligten gut und ideologiefrei gelöst ist. Überlebenswichtig für eine Großstadt wie Wiesbaden sind die Bürger*innen, aber auch Besucher*innen – die aus einem 100-Kilometer-Radius für einen Tag herkommen – und Touristen. Nur wenn man diese drei Gruppen zusammen sieht und ihrem Bedarf gerecht wird, funktioniert eine Großstadt.

Wo und wie shoppen Sie persönlich?

Inzwischen mehr in Wiesbaden als in Mainz, auch privat und meine Frau übrigens auch. Auch die Frau Klug hat die Freuden der Einkaufsstadt Wiesbaden entdeckt (lacht). Ich shoppe aber auch gerne, wenn ich irgendwo in Deutschland oder in der Welt unter-wegs bin.

Ihr Job klingt nicht nach „9 to 5“. Vermischt sich auch Privat- und Berufsleben? 

Ich gehe ab und zu nach Feierabend in die eine oder andere Weinbar. Das ist dann nie komplett außerberuflich. Ich bin auch immer ansprechbar, wenn mich jemand trifft, sage ich nicht, ich habe jetzt Feierabend. Das ist ganz entspannt. Im Dienst trage ich immer meinen Hut, den ich extra als Erkennungszeichen in einem Wiesbadener Fachgeschäft gekauft habe.

Wer ein Anliegen hat und mit dem City-Manager Kontakt aufnehmen will, findet hier seine Kontaktdaten.

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