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Das große 2×5-Interview: Elliott Landy, Offizieller Woodstock-Fotograf, 77 Jahre

Interview: Olaf Neumann. Foto: Linda Landy. 

BERUF

Sie waren 1969 der offizielle Fotograf des Woodstock-Festivals. Es wird in Ihrem Buch „Woodstock Vision“ als „spirituelles Ereignis von biblischem Ausmaß“ beschrieben. Hatten Sie uneingeschränkte Fotografiermöglichkeiten?

Ich hatte vollen Zugang. Den Presseausweis brauchte ich dort gar nicht, ich habe in Woodstock für meinen Auftraggeber Michael Lang fotografiert. Ich kannte Michael schon länger, weil er wie ich in Woodstock lebte. Einmal kam er bei mir vorbei, um mich zu fragen, ob ich ein Festival fotografieren wolle, welches er gerade organisiere. Ich wollte von ihm wissen, wer dort spielen soll. Daraufhin nannte er mir ein paar Namen, und ich sagte ihm zu. Wir brauchten nicht mal einen Handschlag.

Woodstock gilt als der Höhepunkt der 1960er Jahre. Haben Sie sofort gespürt, dass es ein historisches Ereignis war?

Ich wusste von Anfang an, dass es ein wichtiges Musikevent war, weshalb ich Albert Grossman (damals Musikmanager und Impressario, Anm. d. Red.) fragte, ob er mir einen Buchvertrag besorgen könne. Aber niemand konnte wissen, dass Woodstock so monumental und bedeutend werden würde.

Ging es den Woodstock-Machern ums Geld oder ums Gefühl?

Natürlich wollten die Veranstalter Michael Lang und Artie Kronfeld Geld verdienen. Zwei Investoren – John Roberts und Joel Rosenman – versorgten sie mit dem nötigen Kapital Die Vier gründeten die Firma Woodstock Ventures, die im Vorfeld Tickets verkaufte. Aber sie schafften es nicht, die Zäune rechtzeitig hochzuziehen und die Ticketbuden aufzubauen, weshalb die meisten der 500.000 Besucher nichts bezahlten. Auf diese Weise wurde Woodstock zu einem Gratisfestival. John Roberts, der mittlerweile verstorben ist, stand danach kurz vor der Pleite. Aber er verhielt sich wie ein Ehrenmann.

Welche Idee steckt hinter Ihrer Ausstellung „Woodstock Vision: The Spirit of a Generation“?

Ich möchte der Welt mitteilen, wie schön, rein und spirituell Woodstock gewesen ist. Ein einzigartiger Moment in der Geschichte unserer Kultur. So viele Leute hatten dieselbe Idee zur selben Zeit und haben sie auch realisiert. In den 1960ern gab es keine Lehrpläne, wie man etwas zu machen hatte. Man machte einfach sein eigenes Ding, indem man in sich hineinschaute, um herauszufinden, was einen glücklich, ruhig und friedlich stimmt. Diese praktischen Erfahrungen hat man dann im Alltag angewendet. Vielleicht inspiriert das ja Menschen von heute zu ähnlich utopischen Erfahrungen.

Wie war es Ihnen gelungen, bereits als Berufsanfänger Bob Dylan in seinem privaten Refugium fotografieren zu dürfen?

Janis Joplins Manager Albert Grossman mochte meine Fotos von ihr. Er bat mich, auch The Band abzulichten, die unter anderem. Dylans Begleitgruppe war. Dabei haben wir uns angefreundet. Mir war damals überhaupt nicht bewusst, was meine Bilder auslösten. Als ich Mitte der 1970er Jahre von einem langen Europa-Trip mit Frau und Kind zurückkehrte, sagte man mir, ich hätte vielen Künstlern einen Look verpasst, der absolut mit ihrer Musik übereinstimmte. Dank meiner Bilder könne man in ihre Seele blicken.  Es hat damit zu tun, dass ich nicht versuche, die Personen, die ich fotografiere, zu manipulieren. Ich warte einfach nur auf den richtigen Moment, um auf den Auslöser zu drücken. Dylan traf ich einmal auf einer Gartenparty von Albert Grossman. Vier Monate später bekam ich einen Anruf: Bob Dylan brauche ein Foto für ein Cover. Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen. Ich glaube, mit keinem anderen Musiker habe ich mich jemals tiefgehender unterhalten. Der Grund, weshalb ich ihm so nahekam, war wohl, dass ich nichts von ihm persönlich wollte. Ich wollte einfach nur wunderschöne Fotos von ihm machen. Und zwar auf sehr ruhig Weise, ohne ihn damit zu nerven, wie viel ich übers Fotografieren weiß. Und dann hat er sich geöffnet.

MENSCH

 Wie haben Sie sich auf Woodstock vorbereitet?

Jedenfalls nicht mit einem Joint! Wenn ich arbeite, rauche ich nichts. Auf dem Festival zu fotografieren, war in technischer Hinsicht eine Herausforderung. Man musste alles von Hand machen, und pro Film konnte man nur 36 Aufnahmen machen. Ich musste mir also genau überlegen, wen oder was ich aufnehmen wollte. Am Ende hatte ich 76 Filmrollen in der Tasche. Nur wenige davon sind über die Jahre verloren gegangen.

Wie viel Schlaf haben Sie an den drei Tagen im August 1969 bekommen?

Zuerst einmal war ich gar nicht die ganze Zeit auf dem Festival. Aber ich brauchte nicht viel Schlaf. In der ersten Nacht stellten sie mir ein Motelzimmer zur Verfügung, in der zweiten schlief ich in meinem Kombi. In der dritten Nacht ist der Laden meiner Freundin abgebrannt. Das hatten mir ein paar Festivalbesucher erzählt. Ich bin dann zu ihr gefahren und nicht mehr zurückgekehrt. Deshalb habe ich Jimi Hendrix‘ Auftritt verpasst.

Welche Band oder welcher Solokünstler hat Sie am meisten beeindruckt?

Janis Joplin. Ich kannte sie bereits vor Woodstock aus meiner Zeit in New York, und wir pflegten eine lockere Freundschaft. Einmal bin ich mit ihr und ihrer Band nach Detroit gefahren. Ihr Woodstock-Auftritt war fantastisch, so auch die von Joe Cocker und Richie Havens.

Janis Joplin gehörte neben Jimi Hendrix und Jim Morrison zu den bedeutendsten Vertretern der Hippiekultur. Wie war sie privat?

Als ich sie 1968 kennenlernte, war sie ein sehr netter, ganz normaler Mensch, der sehr gern las. Es gab keine Distanz zwischen ihr und ihren Fans. Je berühmter sie aber wurde, desto schlechter wurde ihr Zustand. Sie nahm immer mehr Drogen. In Woodstock schien sie mir wieder ganz die alte zu sein, aber wir haben uns dort nicht viel unterhalten. Da waren Tausende Fans, die sie gern treffen wollten, weil sie zu dem Zeitpunkt extrem berühmt war. Heutzutage werden die Stars von ihren Fans abgeschirmt, das war damals noch nicht der Fall.

Hat Woodstock Amerika verändert? Und: Lässt sich der Geist von Woodstock wiederholen?

Ja, sicher. Ich glaube, Woodstock und der „Summer of Love“ haben sich auf das Denken der Amerikaner ausgewirkt. Die Leute fingen an, mehr und mehr in sich hineinzuhören und Momente der Achtsamkeit zu erleben. Sie begannen auch, sich mehr Gedanken über ihre Ernährung zu machen. Wenn man schöne Gedanken hat, wird das Geist klarer und das Leben glücklicher. Woodstock war Nahrung für die Seele.  Der Geist von Woodstock ist in mir, in Ihnen … Der Spirit von Woodstock ist unschuldig und rein wie ein Baby. Alle lieben Babys und wollen sie berühren. Beim Erwachsenwerden müssen wir aufpassen, dass wir uns die Offenheit eines Kindes bewahren.

Bildband und Ausstellung

Mit »Woodstock Vision« legte Elliott Landy eine einzigartige Hommage an das berühmteste Festival der Geschichte vor, ergänzt um persönliche Erinnerungen von Veranstaltern und Besuchern, die von Herausforderungen, Höhepunkten und der besonderen Stimmung vor Ort berichten. 2019 – anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Festivals – erscheint der Band bei Zweitausendeins erstmals in deutscher Sprache.  Außerdem ist in diesem Sommer die „Woodstock Exhibition: Elliott Landy´s Woodstock Vision“ in mehreren deutschen Städten zu sehen, unter anderem ab 8. August in Karlsruhe, wo Elliott Landy persönlich erwartet wird.

Wir verlosen 2 Exemplare des Bildbands „Woodstock Vision“ – Mail an losi@sensor-wiesbaden.de

Eine Auswahl von Elliott Landys Woodstock-Fotografien:

 

 

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