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Familienbande: Die Kulturstifter-Geschwister – Kathrin Schwedler und Holger Schwedler

Von Gesine Bonnet. Fotos Samira Schulz.

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die als Familie etwas Besonderes verbindet. Die Geschwister Kathrin und Holger Schwedler legen zwar großen Wert darauf, dass sie ziemlich verschieden sind. Am Ende verbindet sie aber nicht nur das Faible für die Kultur.
Schon der Papa hatte in Wiesbaden einige starke Auftritte: Albert Schwedler, bekannt als der „rote Albert“, fiel allein deswegen aus dem Rahmen, weil er als BKA-Beamter zugleich SPD-Mitglied und Gewerkschafter war. Zudem machte er als erfolgreicher Tennisspieler von sich reden. Auf ihren Vater kommen Kathrin und Holger Schwedler sofort zu sprechen, wenn sie an ihre Kindheit in Wiesbaden zurückdenken. Aus Norddeutschland kam die Familie in den Sechzigerjahren die hessische Hauptstadt, als Kathrin, die ältere, bereits die Grundschule besuchte. Der Vater war in der neuen Heimat bald auch politisch aktiv – etwa im Ortsbeirat Nordost. Die Mutter ist in den Erinnerungen der beiden weniger präsent – dabei war sie es, die sich in der Familie für Kunst- und Kultur interessierte, das Theater mochte und Akkordeon spielte.

Heute wäre die Wiesbadener Kulturszene um einiges ärmer, wenn es die Geschwister Schwedler nicht gäbe. Sie hat als freie „Kulturmacherin“, wie sie sich selbst nennt, vielerorts ihre Spuren hinterlassen: als Kulturjournalistin, künstlerische Leiterin der Brentano-Scheune in Oestrich-Winkel, als Festivalmanagerin der Kulturtage Rheingauviertel/Hollerborn und seit kurzem als Betreiberin der Kulturstätte Monta, einer versteckten neogotischen Kapelle auf dem Schulberg, die jahrelang niemand im Blick hatte. Dank Kathrin Schwedler steht das sakrale Kleinod nun Kulturtreibenden und Kreativen offen, die sonst schwer eine Bühne finden.

Ein Geschwisterpaar, zwei Meinungen

Er, Holger Schwedler, hat mal BWL studiert, aber schon währenddessen als AStA-Kulturreferent für kreative Dynamik an der Uni gesorgt. Nach Stationen als Pressestellenleiter des Bertelsmann-Buchclubs und Inhaber einer PR-Agentur brachte das Ende des Börsenbooms für ihn den Umschwung: Seitdem ist er Weinhändler, zunächst in Geisenheim, 2013 wechselte er nach Wiesbaden und betreibt seitdem die Wingert Vinothek in der Oberen Webergasse. Kenner wissen: Das ist viel mehr als ein Weinladen, denn Schwedler hat nicht nur alle Sorten des Rheingaus von ausgewählten Winzern – und seine eigene Marke „Urban“ – im Angebot. In der kleinen Weinbar wird auch bis tief in die Nacht getrunken und debattiert, zudem gibt es hier Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Unter den zahlreichen Stammgästen sind viele Theaterleute, aber auch Politikprominenz lässt sich gerne blicken.

Dass die Geschwister heute im Bergkirchviertel fast Nachbarn sind, ist mehr Zufall als Absicht. Unisono betonen sie, dass sie jeweils ihren eigenen Weg gegangen seien und wenig gemeinsam hätten: „Bei uns werden Sie zu einer Sache immer zwei unterschiedliche Meinungen erhalten“, hält Holger fest, während Kathrin weiß: „Wir sind Solisten, das funktioniert nicht, wenn wir etwas zusammen machen.“ Trotzdem gehen sie entspannt miteinander um. „Wir machen uns gegenseitig nicht die Hölle heiß“, so die große Schwester, die in der Kindheit daheim das Zepter schwang, wovon sich ihr Bruder heute zweifelsfrei emanzipiert hat.

Selbstverwirklichung ist ihre Sache nicht

Will man erfahren, was die beiden gemeinsam haben, muss man mehr bohren. „Macherqualitäten“, wirft Holger ein. „Und eine große Neugierde, Routine mögen wir nicht.“ Kathrin nickt. Sie ist dabei die idealistischere, die die Unterfinanzierung des Kulturbereichs mit ehrenamtlichem Einsatz wett macht und froh ist, dass sie mit Bernd Ripken – einem der ältestgedienten Schauspieler des Staatstheaters – einen Ehemann an ihrer Seite hat, der das Geld reinbringt.

Beide aber betreiben ihren Job mit Passion, und die Kultur darf dabei nicht fehlen. Dass es ihnen dabei um „Selbstverwirklichung“ geht, lehnen sie vehement ab. „Wir stellen an das, was wir tun, einen reflektierten Anspruch“, betont Kathrin. Nicht für sich selbst, für andere wollten sie Räume und Angebote schaffen, mit Gespür für die Wünsche der Kunden, des Publikums und nicht zuletzt für das, was der Stadt Wiesbaden an urbanem Geist bislang fehlt. Steckt also auch ein politischer Anspruch dahinter?

Die Vinothek als politischer Raum

Bei Kathrin ist das offensichtlich, sie will, auch mit der Kulturstätte Monta, weg von der Fixierung auf die Hochkultur, stattdessen niedrigschwellige, weniger budgetabhängige Angebote schaffen, die auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Holger ist da zurückhaltender, aber er versteht seine Vinothek als politischen Raum, in dem unterschiedliche Fraktionen aufeinandertreffen und bei einem Glas Wein oft zu überraschenden Einigungen kommen.

Am Ende, so scheint es, sind es beide Elternteile, die den Geschwistern etwas mit auf den Weg gegeben haben, was sich verbindet: Sinn für Kultur und politischer Geist. Das Ergebnis ist „nicht reibungsfrei, aber auch nie langweilig“, wie Holger sagt. Wiesbaden profitiert davon.

Das aktuelle Programm – der Kulturstätte Monta: www.kulturstaette-montabaur.de, der Wingert Vinothek: www.wingert-vinothek.de

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