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„Krieg ist nicht die einzige Alternative“: Daniel Hope glaubt an die Kraft der Musik / „Dance“-Meisterkonzert

Von Olaf Neumann. Foto Inge Prader.

Kann Musik die Welt friedlicher machen? Der Violinist und Ideensprudler Daniel Hope glaubt auch in beunruhigenden Zeiten an den Dialog. Der 50-jährige Wahlberliner gehört zu den aufregendsten Violinisten unserer Zeit, wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet und mehrfach für den Grammy nominiert. „Dance!“ ist jetzt das Motto eines Albums, bei der er die Geschichte der Tanzmusik präsentiert. Am 22. Februar bringt er es mit seinem Zürcher Kammerorchester beim „Meisterkonzert“ auf die Bühne des Wiesbadener Kurhauses.

Daniel Hope –Musiker, Autor, Moderator und Initiator unterschiedlichster Projekte – ist ein Mensch, dessen Ideen unerschöpflich sprudeln und dessen Tag mehr als 24 Stunden zu haben scheint. Ein Gespräch über musikalische Entdeckungen und seine südafrikanischen und jüdischen Wurzeln – und über Krieg und Dialog.

In Ihrem Album „Dance!“ präsentieren Sie Tanzmusik aus 700 Jahren. Welcher klassische Tanz steht repräsentativ für Ihr Leben?

Ich bin ein sehr schlechter, aber leidenschaftlicher Tänzer. Ich tanze am liebsten, wenn niemand zuschaut… Zuhören und sich bewegen sind zwei Aspekte unseres Körpers, die enorm wichtig sind. Dazu kommt der „medizinische“ Einsatz von Tanz, der „Danse Macabre“. Die Idee, dass man tanzt, um die bösen Geister zu verscheuchen oder Krankheiten zu heilen.

Darf bei Ihren Konzerten getanzt werden?

Absolut. Ich hoffe sehr, dass die Besucher sich das trauen. Natürlich ist man in einem klassischen Konzertsaal eher darauf erpicht, zu sitzen. Aber diese Musik reißt einen förmlich vom Stuhl. Hoffentlich nicht zum Ärger der Sitznachbarn.

Müssen Sie immer an Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ denken, wenn Sie Schostakovichs „Jazz Suite No. 2“ hören?

Ja, unter anderem. Ich kenne dieses Stück viel länger als den Film, wobei ich ein großer Kubrick-Bewunderer bin. Brillant, wie er diese Musik eingesetzt hat.

Von der 1887 geborenen Florence Price haben Sie „3 Little Negro Dances“ eingespielt. War diese Afroamerikanerin eine Pionierin?

Ja, das war sie. Es gibt gerade eine regelrechte Price-Renaissance. Eigentlich viel zu spät, denn sie war eine der ersten Frauen überhaupt, deren Sinfonien von einem großen Orchester in Amerika aufgeführt wurden – und dann auch noch von einer Afroamerikanerin! Das war zu der Zeit absolut unerhört. Von daher ist es berechtigt, dass man sie feiert.

Und das alles ist Florence Price während der Rassentrennung gelungen.

Das muss man sich mal vorstellen! Es war eine grauenvolle Zeit. Als Komponistin damals ernst genommen zu werden, war eine Seltenheit. Aber Florence Price schaffte es, an einem hervorragenden Konservatorium in Amerika zu studieren. Und ihre Musik wurde sogar von großen weißen Sinfonieorchestern für ein weißes Publikum gespielt. Auch das ist eine Rarität gewesen.

Sie drehen einmal im Jahr eine Dokumentation über Musik für den Sender Arte. 2024 wird es um Südafrika gehen, wo Sie die ersten sechs Monate Ihres Lebens verbrachten. Welche Beziehung haben Sie heute zu Ihrem Geburtsland?

Ich ertappe mich in letzter Zeit dabei, dass ich neugierig bin, mehr von dem Land zu erfahren, in dem ich geboren bin. Ich will verstehen, wo meine Eltern herkommen. Mein Vater ist in Südafrika politisch und vor allem literarisch aktiv. Er wird jetzt 80 und hat die ganze politische Veränderung miterlebt. Vielleicht ist es ja die Musik, die mich näher zu meiner Identität bringt.

Gibt es in Südafrika noch spannende Komponistinnen und Komponisten zu entdecken?

Eine ganze Reihe von südafrikanischen Musikerinnen und Musikern hat sehr viel zu sagen. Das alles unterzubringen, ist die Herausforderung bei diesem Film. Ich will versuchen, einen nachvollziehbaren Klang Südafrikas darzustellen. Südafrika ist ein gespaltenes Land mit vielen Problemen, aber es ist auch wunderschön. Mein Vater ist Südafrikaner und in seiner Heimat sehr aktiv. Während des Apartheidregimes waren wir dort nicht willkommen, aber jetzt sind wir es.

Sie sind südafrikanisch-irisch-deutscher Katholik mit protestantischer Verschmelzung und starken jüdischen Wurzeln. Fühlen Sie sich als Kosmopolit?

Ja, absolut. Ich fühle mich aber auch als Europäer. Europa ist da, wo ich zuhause bin. Ich lebe zwar in Deutschland, was ich liebe, aber ich fühle mich in ganz Europa wohl.

Die jüdischen Eltern Ihrer Mutter Eleanor Hope hatten in Berlin gelebt. Zur Familie gehörte im 18. Jahrhundert auch der erste Rabbiner von Potsdam. Während des Dritten Reichs ist Ihre Familie vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Südafrika geflohen. Was bedeuten Ihnen Ihre jüdischen Wurzeln?

Auf sie bin ich sehr stolz, obwohl meine Familie mütterlicherseits schon Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts konvertiert ist. Sie waren sehr patriotisch und fühlten sich zu Deutschland und dem Christentum hingezogen. Laut den Nürnberger Gesetzen waren sie aber rein jüdisch. Diese Verbindung geht zurück bis zum ersten Rabbiner von Potsdam, Michael Hirsch. Sein Grab in Potsdam wurde 2015 gefunden. Und nicht mal zehn Minuten von meinem heutigen Wohnort steht noch das Haus meiner Urgroßeltern in Berlin. Diese Verbindung ist ein schönes Gefühl trotz der furchtbaren Ereignisse der Shoah und der brutalen Nazi-Herrschaft. Dass ich jetzt zurück bin in dem Land, in dem sie einmal lebten, erdet mich.

Welche Gefühle löst der aktuelle Krieg in Nahost in Ihnen aus?

Es ist eine entsetzliche Zeit! Jeder Krieg ist entsetzlich, sei es, was gerade im Nahen Osten passiert, in der Ukraine oder sonstwo auf der Welt. Das Töten von unschuldigen Menschen, insbesondere Kindern, bricht mir das Herz. Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Kindern irgendwann sagen muss, dass nicht mal zwölf Autostunden von uns entfernt Krieg herrscht. Wir leben in sehr beunruhigenden Zeiten.

Wie erklärt man einem Kind, was Krieg ist?

Das kann man eigentlich nicht erklären. Man kann nur versuchen, die Umstände zu schildern. Hinzu kommt, dass der Informationsfluss so schnell geworden ist, dass man jede Nachricht erst auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen muss. Wir sind darauf programmiert, sofort zu kontern. Das macht die Situation in der Welt nicht einfacher.

Verstehen Sie Ihre Kunst auch als Arbeit für den Frieden?

Als Mensch wünsche ich mir, mehr als alles andere, dass wir miteinander in Frieden leben. Dass man die Menschen sein lässt, wie sie sind. In mancher Hinsicht ist das viel verlangt, gerade wenn sie brutal oder mörderisch agieren. Aber ich würde immer versuchen, den Dialog zu suchen. Denn ohne Dialog haben wir nur Krieg, Verwüstung und Tod. Ich liebe das Leben und die Menschheit zu sehr, um zu glauben, dass das unser einziger Ausweg ist. Es wird immer Gut und Böse in der Welt geben, aber Krieg ist nicht die einzige Alternative. Dazu kann Musik enorm viel beitragen. Sie wird die Menschen niemals davon abbringen, sich gegenseitig umzubringen, aber sie kann die Welt für eine Person verändern. Und wenn das bei einem funktioniert, dann vielleicht auch bei zweien oder dreien. Und an diesen Anfang glaube ich.

Daniel Hope kommt im Rahmen der Meisterkonzerte Wiesbaden am 22. Februar zum „Dance“-Konzert ins Kurhaus. Auf dem Programm stehen Werke u.a. von Werke von Claudio Monteverdi, Marc-Antoine Charpentier, Antonio Vivaldi, Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Camille Saint-Saens, Astor Piazzolla, Leonard Bernstein.

Das neue Daniel Hope-Album „Dance!“ ist Anfang Februar bei Deutsche Grammophon erschienen. Wir verlosen 3 Exemplare der Doppel-CD: Mail mit Postanschrift bis 17. Februar an losi@sensor-wiesbaden.de.

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