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Nichts erwacht! City Passage-Pläne erneut gescheitert, Walhalla-Vertrauen erschüttert / Wo ist Raum für wen?

„Zu neuem Leben erwacht“. Das viel versprechende Riesentransparent hängt seit fast zehn Jahren an der Fassade zur City-Passage. Nach dieser langen Zeit lässt sich konstatieren: Viel versprochen, so gut wie nichts gehalten. Das Areal erscheint „unlebendiger“ denn je. Ganz ähnlich die Lage direkt nebenan, rund um den Gebäude- und Themenkomplex Walhalla.

Wieder ist ein vorgesehener Investor für die City Passage abhandengekommen. Development Partner hatte ein – auf gute Resonanz gestoßenes – „Fünf Gassen“-Konzept für einen Abriss und eine völlige Neugestaltung des Areals entwickelt. Und nun: Außer Reden nix gewesen. Wie es weitergeht: ungewiss. Gewissheit herrscht dafür „plötzlich“, dass der der städtischen WVV Holding gehörende und von der Stadtentwicklungsgesellschaft SEG gemanagte Gebäudekomplex nun baufällig ist – durch langen Leerstand.

Direkt nebenan steht – der WVV Holding gehörend, von der SEG maßgeblich gemanagt – das Walhalla. Kürzlich wurde kolportiert, der Zustand des 4500-Quadratmeter-Gebäudes sei noch schlechter als es bisher kolportiert wurde. Begründung: langer Leerstand. Offenbar geworden seien die Schäden bei einer – durch den Kulturbeirat angestoßenen – Prüfung, ob eine Pop-Up-Nutzung möglich sei. Dabei wurde seit der Walhalla-Komplettschließung vor über vier Jahren behauptet, man kümmere sich um die Instandhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes. Und nun wurden vom WVV-Aufsichtsrat 1,2 Millionen Euro bewilligt – um sich fortan um die Instandhaltung zu kümmern.

Neues Vergabeverfahren für City Passage startet heute

Dass ein neues EU-Vergabeverfahren zur Reaktivierung des Bereichs „City Passage“ gestartet wird, verkündete die Stadt an diesem Sonntag per Pressemitteilung. „Die zeitnahe Umsetzung eines Nachfolgeprojektes für die City Passage ist eines der zentralen Kernelemente zur Erhöhung der Attraktivität und Belebung der Wiesbadener Fußgängerzone“, so WVV-Aufsichtsratsvorsitzender Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende: „Um an dieser wichtigen Stelle im Stadtgefüge Einfluss nehmen zu können und auch die Anforderungen an das inhaltliche beziehungsweise architektonische Konzept des Bieters gewährleisten zu können“, habe der WVV-Aufsichtsrat in seiner Sitzung  30. April die Initiierung eines (neuen) EU-Vergabeverfahrens – ‚wettbewerblicher Dialog‘ – beschlossen. Dieses sei notwendig geworden, „weil das aktuelle Verfahren mit den Bietern aus wirtschaftlichen und vergaberechtlichen Gründen zu keinem Abschluss gebracht werden konnte.“

Veränderte Marktlage

„Die Erfahrungen aus dem bisherigen Vergabeverfahren zeigen, dass vor dem Hintergrund der (gerade auch Corona bedingten) veränderten Marktlage eine Konzentrierung der vertraglichen Eckpunkte auf die Kernelemente der städtischen Anforderungen notwendig wird“, wird „die Geschäftsführung der WVV Wiesbaden Holding GmbH“ zitiert. Eckpunkte des neuen Vergabeverfahrens sollen sein: Kein geschlossenes Einkaufscenter, Sicherstellung von durchgängigen Wegeverbindungen mit dem Ziel der Quartiersbelebung, Verpflichtung, die Erdgeschosszone dauerhaft an belebende Nutzungen (zum Beispiel Einzelhandel, Gastronomie) zu vermieten und die „Bebauungsverpflichtung“, die „City-Passage“ gemäß angebotenem/ bezuschlagtem Planungskonzept des Bieters unter Einhaltung der Vorgaben des Entwurfs zu errichten bzw. die zu erhaltenden Bauteile zu sanieren und herzurichten. Zur Sicherung der Umsetzung der (zeitnahen) Bauverpflichtung werden gestaffelt Vertragsstrafen und Rücktrittsrechte bei Vertragsstörungen und Fristversäumnissen vorgesehen.

„Keine Zeit verlieren“

„Wir wollen keine Zeit verlieren. Da wir in dem ersten Vergabeverfahren bereits die wesentlichen Grundlagen für das neue Vergabeverfahren erarbeitet haben, kann ein Start des (neuen) Verfahrens bereits zum Montag, 3. Mai, erfolgen“, so der Aufsichtsratsvorsitzende Mende. Mit einem Abschluss der ersten Stufe des Vergabeverfahrens (Interessensbekundungs-verfahren) rechnet die Geschäftsführung bis Ende Juni. Je nach Angebotslage könne dann im Sommer diesen Jahres mit der zweiten Stufe (Aufforderung zur Angebotsabgabe) gestartet werden: „Auf dieser Grundlage wäre dann die Chance gegeben, bereits ab September diesen Jahres die konkreten Verhandlungen zu starten.“

Kulturbeirat fordert Walhalla-Reset

„Reset Walhalla“ und ein komplettes Um- und Neudenken in Sachen Walhalla-Zukunft fordert derweil der Kulturbeirat. Zuletzt wurde bekannt, dass eine Interimsnutzung von Seiten der Eigentümerin WVV ausgeschlossen wird und sich der Gebäudezustand dramatisch verschlechtere.

Das von der Politik – auch unter Empfehlung des Beirats – beschlossene Interessenbekundungsverfahren ruht zurzeit, da eine Ausschreibung für den kulturellen Betrieb unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie als wenig aussichtsreich empfunden wird. Der Kulturbeirat empfiehlt nun, das Ausschreibungsverfahren nicht zu starten und stattdessen zunächst einen Kreativworkshop mit erfahrenen Akteuren aus Wiesbaden und auch mit Blick von außen auszurichten.

„Wir brauchen jetzt den Raum und das Vertrauen für freies, kreatives Denken, um das Walhalla völlig neu zu denken“, so die stellvertretende Kulturbeirats-Vorsitzende Dorothea Angor. Die Empfehlung des Beirats an den in dieser Woche am 6. Mai tagenden Ausschuss für Schule, Kultur und Städtepartnerschaften ist mit der Kritik am Verfahren verbunden, dass alle zuletzt erdachten Wege immer wieder in Sackgassen führen.

Vertrauen erschüttert

Was Kulturdezernent Axel Imholz in der öffentlichen Zoom-Sitzung als „kleine Sticheleien“ des Kulturbeirats abzutun versuchte, hat es durchaus in sich. „Der Kulturbeirat sieht das Vertrauen in die beteiligten Gesellschaften grundsätzlich erschüttert, unabhängig von den Entwicklungen in der Pandemiesituation“, heißt es in dem Beschlussvorschlag mit Blick auf das Agieren bzw. vor allem das Nicht-Agieren der für das Projekt verantwortlichen städtischen Gesellschaften in den letzten Jahren. Der Magistrat soll deshalb  gebeten werden, „zu überprüfen, ob die Begleitung des Prozesses zur Findung einer kulturellen Nutzungsidee und die Projektentwicklung in neue Hände gegeben werden kann“ und „darzustellen, welche verschiedenen Optionen es gibt, Projektentwicklung, Ideenfindung und Prozessmoderationen bis hin zu einem neuen Kulturort im Walhalla, professionell begleiten zu lassen“.

„Atmosphäre der gemeinsamen Gestaltung“ schaffen und nutzen

„Der Beirat ist an dieser Stelle bereit, Verantwortung zu übernehmen“, fügt Ernst Szebedits, Vorsitzender des Beirats an. „Wir wollen den Auftakt für einen Kreativprozess gestalten, bei dem sich Kulturakteure der Stadt ermutigt fühlen, ihre Ideen einzubringen. Wir wollen eine Atmosphäre der gemeinsamen Gestaltung.“ Es gehe schließlich um die Erfindung eines neuen emblematischen Kulturortes für Wiesbaden auf historischem Fundament: „Der mehrfach betonte, hohe finanzielle Aufwand darf dabei keine Hürde sein, sondern sollte als Anreiz für eine wirklich gute Idee dienen. Am Ende ist es eine politische Entscheidung, ob das Geld dafür ausgegeben wird.“

Sondersitzung zu Leerstand und Kultur

Über das Thema Walhalla hinaus plant der Kulturbeirat am 25. Mai (17 bis 20 Uhr eine Sondersitzung mit dem Schwerpunkt „Leerstand und Kultur“ mit Impulsstunde und Bürgerbeteiligung. Akteur:innen städtischer Institutionen, sowie Ideengeber:innen für kulturelle Leerstandsnutzung sollen gehört werden. Thema sollen auch Pop-Up-Nutzungen von Leerständen sein. Infos und Updates zeitnah auf www.kulturbeirat-wiesbaden.de  (dif)

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