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Von Erinnerungen, dem Freiraum und der Zärtlichkeit des Erbguts – wie die freie Szene die Maifestspiele aufmischt

Die Maifestspiele laufen auch Hochtouren, aufwändige Produktionen und Gastspiele aus aller Welt sorgen noch den ganzen Monat über für hochkarätige Bühnenereignisse. Kräftig aufgemischt wird das traditionsreiche Theaterfestival in diesem Jahr durch die Wiesbadener Freie Szene, die ein paar besonders aufregende und außergewöhnliche Aufführungen beisteuert.

Die Stadt Wiesbaden hatte erneut im Rahmen des „Projektstipendiums Maifestspiele“ sechs Stipendien an freischaffende Künstler:innen vergeben. Um die Sichtbarkeit und Kooperation der freien Künstler:innen mit dem Hessischen Staatstheater zu stärken wurde unter dem Motto „Ans Licht“ zur Bewerbung aufgerufen. Entstanden sind sechs Werke, die nun im Mai in Wiesbaden zu erleben sind.

Durchweinen bei Performance aus Kiew

Das erste Ereignis, beziehungsweise gleich drei, sind am vergangenen Wochenende bereits über die Bühne gegangen. „Kyiv is Calling“ hieß es in den letzten Tagen auf Schloss Freudenberg. Die Leben von Olegsandra Indik, Sofiya Baskakova, Diana Baydum, Anna Okhrimchuk, Serhiy Okhrimchuk, Mira Zhuchkova (und vielen anderen) haben sich seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar schlagartig verändert – und damit auch ihre Leben als Künstlerinnen. Ihre männlichen Freunde und Kollegen dürfen die Ukraine aktuell nicht verlassen, viele kämpfen im Krieg – teilweise haben sie noch nie zuvor eine Waffe in der Hand gehalten.

Dennoch haben sich die Frauen des Ensembles dazu entschieden, gerade jetzt weiter Kunst machen zu wollen und nach Wiesbaden zu reisen – wenn auch augenblicklich als rein weibliches Künstlerinnen-Kollektiv. Im Mittelpunkt stehen ihre Erlebnisse der letzten Monate. Die schlaflosen Nächte, die Hoffnung auf ein Ende des Krieges und eine friedliche Zukunft. All das spiegelte sich in ihren drei ganz unterschiedlichen Performances wider, mit denen sie am Wochenende das Publikum rund um das Schloss Freudenberg begeisterten – und berührten: „Ich habe von der ersten bis zur letzten Minute durchgeweint“, schrieb anschließend eine Besucherin. Die eindringliche Botschaft war ein künstlerisches Zeichen für Freiheit und Demokratie, den Austausch der Kulturen und ein friedliches Miteinander.

Und so geht es weiter:

„Ludwigs DNA“ – Hybrid aus bürgerlicher Tradition und elektronischer Avantgarde

Das besondere Konzert, von Jan-Filip Ťupa und Coco Schwarz, ist heute um 19.30 Uhr im Foyer des Großen Hauses zu hören. Die imaginäre Figur Ludwig besucht die 125 + 1. Maifestspiele und unterhält sich über das Verhältnis von Establishment und Revolution. Die Aufnahmen sind der Ausgangspunkt, als musikhistorisches Material dienen Beethovens Sonaten für Violoncello und Klavier von 1796-1815, die mit technischen und künstlerischen Werkzeugen des 21. Jahrhunderts transformiert werden. Es entsteht ein unglaubliches Konzert für Violoncello, Klavier, Synthesizer und Elektronische Musik, ein Hybrid zwischen bürgerlicher Tradition und elektronischer Avantgarde.

„ZeitRAFFER 1822-2022! – Joachim Raffs Wiesbadener Werke“

Ruth Baaten, mit der sinfonia di vetro und ihrem Projekt sind am 14. Mai um 11 Uhr im Foyer des Großen Hauses zu Gast. Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten Joachim Raff werden Kompositionen dreier wenig beachteter Musiker, Komponisten und Instrumentenbesitzer miteinander verbunden.

Makroskopische Chromosomen & ungleiche Gleichheit

Am 21. Mai erforschen Laura Yurtöven und Georg Schmitt um 17 Uhr in der Nerobergmulde die „Zärtlichkeit des Erbguts- La Gaia Scienza“. Umgeben von makroskopischen Chromosomen nähern sich zwei ungleiche gleiche Menschen und erforschen ihre Umgebung, ihr Gegenüber und sich selbst. – begleitet von elektronischer Musik.

„Freiraum“ für Gedanken

Mit der installativen Performance „Freiraum“ ging ein weiteres Stipendium an Christoph Kohlbacher und Marje Hirvonen. Sie interviewten Wiesbadener Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und formten daraus die öffentlich zugängliche Installation in der Wiesbadener Innenstadt. Passant:innen bekommen so die Chance, am 28. Mai ab 10 Uhr,den Gedanken Freiraum zu geben.

Einblicke in neue Projekte

In ihrem „werk.statt.stück“, gewähren Paul Schletter und Sebastian Faber, gemeinsam mit dem Ensemble des Jungen Staatsmusical, Werkstatteinblicke und zeigen Ausschnitte aus ihrem neuen Projekt. Nach dem Debüt der Wiesbadener im Staatstheater letztes Jahr weckt der Einblick am 29. Mai um 20 Uhr auf der Probebühne Wartburg neue Spannung.

Von der „Wiederkehr“ der Erinnerungen

Nicht zuletzt lockt Anton Rudakov mit dem Kollektiv Totalitarian Body und „Wiederkehr“ am 31. Mai um 19.30 Uhr in die Wartburg. Immer wieder kommen sie ans Licht, blitzen auf und überwältigen in Pracht und Schönheit – besondere Erinnerungen. Ausgehend vom Schwelgen in Erinnerungen entsteht eine atemberaubende Tanzperformance.

Alle Termine, Infos und Karten hier.

(sas/Foto: Ilona Istomina)

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