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Editorial Mai-sensor: Reden und reden lassen …

Reden und reden lassen,

liebe sensor-Leser:innen, das ist immer eine gute Idee. Genau das kommt aber, so kommt es mir vor, gerade in diesen Zeiten, wo es wichtiger denn je wäre, deutlich zu kurz. Die Pandemie versetzt Verantwortliche in Situationen, in denen sie (folgen-)schwere Entscheidungen treffen müssen. Einfach ist da gar nichts.

Einfach mal mehr mit Betroffenen zu reden – bestenfalls auf dem Weg zu Entscheidungen, spätestens aber über die Folgen von Entscheidungen – das würde sicher Verständnis und Akzeptanz von nicht nur folgenschweren, sondern auch zunehmend befolgensschweren Entscheidungen erhöhen.

Stattdessen fühlen sich viele alleingelassen, nicht ernst genommen, nicht mal wahrgenommen.

Wir haben für diese Ausgabe Wiesbadener Geschäftsleute – Gastronomen, Einzelhändler, Dienstleister – reden lassen. Die „Corona-Protokolle“ sprengen den üblichen Rahmen unserer Titelgeschichten und zeigen, wie groß der Bedarf ist zu reden.

Reden hilft. Stößt aber auch an Grenzen. Dann nämlich, wenn Sorgen, Nöte und selbstverständlich berechtigte Fragen, Kritik und Proteste schamlos instrumentalisiert werden. So wie bei den „Querdenker“-Veranstaltungen, die auch unsere Stadt, die Landeshauptstadt Wiesbaden, heimsuchen.  Allein durch das bloße Versammeln in riesiger Anzahl, gerne ohne Masken und ohne Abstand, verhöhnen Teilnehmende die Opfer der Pandemie, und alle, die sich aufopferungsvoll um diese kümmern.

Und wenn man, ich habe es beim letzten großen Auflauf im April an den Reisinger Anlagen versucht, ins Gespräch kommt, merkt man schnell: Da hilft Reden nicht mehr. Da offenbart Reden nur, wie weit sich viele – natürlich nicht alle – der „Querdenken“-Demonstranten und -Sympathisanten von jeder Miteinander-Reden-Basis verabschiedet haben. Immer unverhohlener dabei: Rechtsextreme und Nazis. Die NPD Hessen etwa postete stolz Fotos und Videos von ihrer Präsenz in Wiesbaden. Und nicht von ungefähr hat nun auch der Verfassungsschutz die „Querdenker“-Szene im Visier.

„Und sage auch bitte niemand der Teilnehmer mehr, er sei ja nur aus Sorge um seine Grundrechte mitgelaufen und habe mit den – verbalen und körperlichen – Gewalttätern nichts zu tun. So leicht darf sich niemand mehr herausreden“, schrieb Christian Matz in einem Kommentar im Wiesbadener Kurier. Und schrieb damit nicht nur mir aus dem Herzen. Kurz zuvor hatte uns die Betreiberin eines beliebten Cafés geschrieben, sie wünsche keine sensor-Auslage mehr. Und auf Nachfrage erklärt, der Grund sei die aktuelle sensor-Kolumne von Falk Fatal, in der dieser auch „Querdenker“-Demonstranten kritisierte. Viele ihrer Gäste würden friedlich auf solche Demos gehen. All ihren Gästen verwehrt sie nun, aufgrund einer aus ihrer Sicht ärgerlichen Meinungs(!)kolumne, die sensor-Lektüre. Soviel auch zum Thema Meinungsfreiheit, die „Querdenker“ so gerne einfordern.

Miteinander reden müssen auch die Stadtverordneten, die am heutigen 29. April ihre Arbeit aufnehmen. Wiesbaden hat gewählt. Die Parteien und Fraktionen haben aber untereinander noch nicht auserwählt, mit wem sie jeweils in Verhandlungen über mögliche Koalitions-Konstellationen treten würden. Das muss fürs erste gar nicht mal so schlimm sein. Man kann auch ohne feste Bündnisse eine Stadt gestalten, im sogenannten „offenen Parlament“. Man muss dann nur, um zu vernünftigen Lösungen zu kommen, noch mehr miteinander reden.

Mit uns, mit „dem sensor“, auch mit mir persönlich, können Sie immer reden. Sie haben Anliegen, Vorschläge, Kritik, Lob für das, was der sensor tut – oder vielleicht auch lässt? Ich freue mich, mit Ihnen zu reden – und Sie reden zu lassen: dirk.fellinghauer@vrm.de

Dirk Fellinghauer, sensOhr

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