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Geschlossene Kulturorte, offene Briefe: Schauspieler, Künstler, Kinos schildern Nöte und fordern Öffnungen

Es müssen nicht immer Querdenker und Coronaleugner sein, die Maßnahmen, Regelungen und Einschränkungen im Zusammenhang mit der Pandemie hinterfragen, diskutieren und auch kritisieren. Beim derzeitigen „Lockdown light“ melden sich verstärkt Betroffene aus unterschiedlichsten Bereichen zu Wort, um auf ihre spezifische Situation aufmerksam zu machen – mit bundesweiter Aufmerksamkeit etwa der Trompeter Till Brönner und sein millionenfach aufgerufenes Video-Statement oder die „Alarmstufe Rot“-Aktionen der Veranstaltungsbranche, in Wiesbaden und Hessen nun zum Beispiel Schauspieler, Künstler und Kinobetreiber. Die Lektüre könnte sich lohnen für die Bundeskanzlerin und die Länderchefs, die an diesem Montag wieder zum „Corona-Gipfel“ zusammenkommen, um über die Lage und mögliche Maßnahmen zu beraten.

23 Mitglieder des Schauspielensembles des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden haben sich „angesichts der neuen Beschlüsse zur Eindämmung der Corona-Pandemie“ mit einem Offenen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier, Kunstministerin Angela Dorn sowie Wiesbadens OB Gert-Uwe Mende und Kulturdezernent Axel Imholz gewandt – verbunden mit der Bitte, „uns, den Schauspieler*innen, die wir Ihnen ein sehr genaues Bild unserer Situation am Theater zeichnen können, zuzuhören und mit uns ins Gespräch zu kommen.“ Sie nähmen die aktuelle Lage der Pandemie sehr ernst und könnten drastische Maßnahmen nachvollziehen.

Schließung der Theater unverhältnismäßig und ineffektiv

So sah es schon lange nicht mehr aus, und so wird es auch lange nicht mehr aussehen im Staatstheater Wiesbaden. Das Große Haus ist ein leeres Haus. Foto: Karl Forster

Ihre zentralen Botschaften und Forderungen: „Die bundesweite Schließung aller Theater jedoch halten wir für unverhältnismäßig und ineffektiv. Wir bitten Sie inständig, diesen wichtigen öffentlichen Raum nicht aufzugeben!“ und: „Wir appellieren an Sie, die Theater und alle anderen öffentlichen Kultureinrichtungen ab dem 1. Dezember wieder zu öffnen!“. Die Unterzeichner verweisen auf Hygienekonzepte und beschreiben die Bedeutung von Theater: „Wir sind nicht einfach „nur“ Freizeitgestaltung, sondern ein Ort des demokratischen Austauschs, der Einübung von Empathie und des Diskurses – mit konkretem Bildungsauftrag. Zudem haben Musik und Literatur sogar – anders als die aktuellen Beschlüsse nahelegen – gesundheitsfördernde Effekte!“

Gesamte Veranstaltungsbranche löst sich auf

„Wie wird unsere weltweit einzigartige staatlich subventionierte Theaterlandschaft langfristig aus dieser Krise hervorgehen?“, fragen die Briefschreiber und befürchten: „Die Konsequenzen dieser Theaterschließungen werden sich in den kommenden Monaten und Jahren deutlich bemerkbar machen.“ Der enorme wirtschaftliche Schaden durch  Einnahmeausfälle lasse sie und eine gesamte Branche in eine ungewisse Zukunft blicken. „Mit großer Sorge blicken wir auch auf die Situation unserer freischaffenden Kolleg*innen, die freien Bühnen und Privattheater – denn die Bedrohung ist real“, zeigen sie, dass sie – als Angestellte eines hochsubventionierten Hauses – nicht nur an sich selbst denken: „Die gesamte Veranstaltungsbranche, die die kulturelle Vielfalt ausmacht und unser gesellschaftliches Zusammenleben wesentlich prägt, beginnt sich aufzulösen.“ Man müsse sich das vorstellen wie in Michael Endes „Die unendliche Geschichte“: „Das Nichts kommt und verschluckt alles Gute und Schöne auf der Welt. Und am Ende ist es dunkel.´“ Dagegen könne und müsse man etwas tun: „Ein sich öffnender Vorhang ist ein probates Mittel, um Licht in die Herzen der Menschen zu bringen.“

Lichtblicke in düsterem Pandemie-Winter

Die Schauspieler*innen beschreiben ihre „unbeschreibliche Freude“, als sie ihr Publikum nach dem ersten Lockdown wieder begrüßen konnten und berichten von „besonders intensiver Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit“ aus dem Zuschauerraum entgegen. Auf einen „düsteren Pandemie-Winter zusteuernd“, sehen die Künstler sowohl ein großes Potential als auch einen Auftrag: In all der Verunsicherung und Vereinsamung könnten Kunst und Kultur „Lichtblicke und Hoffnung, Ablenkung und Unterhaltung, Austausch und Auseinandersetzung, sowie das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit schaffen“.

„Es gab neben sehr netten und aufmunternden Antworten von Zuschauer*innen schon Gesprächsangebote von Christoph Degen von der Landtags-SPD und von Ministerin Dorn, die Gespräche werden voraussichtlich in den nächsten Tagen stattfinden. Auch OB Mende schrieb, dass er zeitnah Stellung zu unserem Brief nehmen werde“, berichtet Lena Hilsdorf auf sensor-Nachfrage über bisherige Reaktionen auf das Schreiben des Staatstheater-Ensembles.

„Bizarre Widersinnigkeit“ der Landesverordnungen

Auch der Wiesbadener Künstler Titus Grab hat – verbunden mit dem Hinweis: „bin weder Coronaleugner noch sog. „Querdenker“, – garantiert nicht“ –  einen offenen Brief zum Thema „Lock Down Kultur“ verfasst, er adressiert sein Anliegen an OB Gert-Uwe Mende, Kulturdezernent Axel Imholz, Kulturamtsleiter Jörg Uwe Funk und die städische Kunstreferentin Monique Behr.

„Sie haben alle viel zu tun – ich fasse mich kurz“, eröffnet er das Schreiben und bittet: „Unterstützen Sie uns Kulturschaffende t a t k r ä f t i g   in der derzeitigen desaströsen Lage. Bitte beziehen Sie Position  g e g e n die Landesverordnungen in ihrer bizarren Widersinnigkeit. Reichen Sie dies nicht nur durch.“  In den meisten Wiesbadener Kulturorten ließen sich die AHA-Regeln viel leichter einhalten als in jeder Supermarktfiliale, argumentiert Grab: „Galerien zählen zu Ladengeschäften und haben geöffnet, weiträumige Häuser, die keine Galerien sind, müssen schließen“. Sein Vorschlag: aus „Kunsthaus“ wird ad hoc „Galerie Kunsthaus“ usw., sein Appell an die Verantwortlichen: „Hebeln Sie diesen nicht durchdachten und schlampig formulierten Wust an Beliebigkeit aus mit gesundem Menschenverstand, Bauernschläue und guten Jurist*innen!!! Bitte!!! – Wenn das Kulturleben nicht zur Deko für sog. gute Zeiten verkümmern soll, handeln Sie bitte mutig   j e t z t !“ Kultur sei kein  Luxus , „sondern insofern systemrelevant, als sie zur DNA dieser Gesellschaft gehört“.

„Lasst uns hier rein“-Miniposter

Titus Grab hat auch „Lasst uns hier rein!“-Miniposter gestaltet zum Anbringen an Lieblings-Kulturstätten als Protest „gegen die pauschale Schließung des #Kultur-Bereichs“ und „für eine differenzierte Umsetzung der  Corona-Schutz-Maßnahmen“, für jedermann zum Mitnehmen zu finden am Zaun in der Goebenstraße 9 und zum freien Scannen, Kopieren, Verbreiten.

In großer Sorge um den Fortbestand der hessischen Kinolandschaft

Das Film- und Kinobüro Hessen e.V. mit ihrem Geschäftsführer Erwin Heberling hat „im Namen der hessischen Kinos“ einen offenen Brief an Ministerpräsident Bouffier geschickt – mit der Mitteilung: „Wir sind in großer Sorge um den Fortbestand der hessischen Kinolandschaft“. Am Wochenende vor der erneuten Schließung seien die Kinos  gut besucht gewesen. Die große Nachfrage habe gezeigt, dass den Menschen dieses Kulturangebot in den kommenden Wochen fehlen werde. „Große Sorgen haben sowohl Betreiber wie Besucher, dass es auch im Dezember und darüber hinaus so bleiben und so manches Kino seine Türen gar nicht mehr öffnen wird“, heißt es in dem Brief: „Damit dies nicht eintritt, richtet sich unser Blick auf das kommende Jahr 2021, das sicher ebenfalls noch von Corona beherrscht sein wird.“ Es komme jetzt darauf an, die richtigen Weichen zu stellen, damit die Kinos und weite Teile der Kulturbranche nicht auf der Strecke bleiben.

Die Verfasser nennen auf das kommende Jahr gerichtete Maßnahmen, die sie für erforderlich halten: 1.) staatliche Unterstützung in Form von Betriebskostenzuschüssen. Von bisherigen Hilfsprogrammen müsse  dringend „ein Richtungswechsel stattfinden in Richtung Existenzsicherung, damit das Überleben der Kinos und ihrer Betreiber gesichert werden kann“. Empfohlen wird eine Orientierung an der Kulturförderung in Bayern. Ohne eine an den Fixkosten angelehnte staatliche Unterstützung würden die Kinos in Hessen nicht überleben, ebenso wenig wie andere Kulturstätten und nicht zuletzt einzelne Akteure, allen voran die Soloselbständigen. 2.) Wiedereröffnung mit verbesserten Abstandsregeln. Alle diesbezüglichen Untersuchungen würden belegen: „Kinos sind sichere Orte, von denen keine Ansteckungsgefahr ausgeht“. Eine Abstandsregelung auf 1 Meter (oder einen Sitzplatz) helfe Kinos, ihre Kapazitäten auf 50 % auszuweiten und damit wirtschaftlich wieder stärker auf eigene Füße zu kommen.

Kultur ist mehr als Zerstreuung

Auch und gerade in einer Pandemie müsse die Politik das Heft des Handelns in der eigenen Hand haben und tragfähige Konzepte zur Aufrechterhaltung des sozialen und kulturellen Lebens erarbeiten. Eine wiederum mehrere Monate anhaltende Schließungsphase wäre kultur-, gesellschafts- und auch arbeitsmarktpolitisch ein fatales Signal: „Wir dürfen uns nicht mit einer Situation abfinden, in der es – wie es in Ihrer Regierungserklärung heißt – „…nicht mehr darauf ankommen, ob dieser oder jener ein gutes oder kein gutes Hygienekonzept hat“. Wenn die mit großem Aufwand unternommenen, durch Hilfsprogramme geförderten Hygienemaßnahen zum (leider schon wieder überholten) kulturellen Neustart nicht umsonst gewesen sein sollten, bedürfe es einer längerfristigen Strategie mit einem klaren Bekenntnis zur Kultur als eines das gesellschaftliche Leben prägenden Sektors. Die Freiheit von Kunst und Kultur dürfe nicht mit Unterhaltung und Zerstreuung gleichgesetzt werden.

Kulturbeirat mahnt differenzierte Hilfe an

„Der Kulturbeirat wird an der Seite der Kulturschaffenden stehen“, versichert der Vorsitzende des Gremiums, Ernst Szebedits. Foto: Till Christmann

„Niemand darf auf der Strecke bleiben!“ ist eine Pressemitteilung des Kulturbeirats Wiesbaden überschrieben. „Natürlich treibt auch uns die Frage nach der Verhältnismäßigkeit dieses Schritts um. In erster Linie müssen wir gemeinsam schauen, dass die Weiterarbeit nach dem Lockdown gesichert ist und wir alle gerecht unterstützen“, so die stellvertretende Vorsitzende des Kulturbeirats, Dorothea Angor. Im Kulturbeirat wurde in den letzten Monaten wiederholt darüber diskutiert, an welcher Stelle Kulturschaffende lokal über finanzielle Entschädigung hinaus logistisch und beratend unterstützt werden können. „Der Kulturbeirat wird an der Seite der Kulturschaffenden stehen und appelliert an die Politik, mit Fürsorge und Wertschätzung zu reagieren“, versichert Szebedits. „Ich erwarte, dass die Herausforderungen auf kommunaler Ebene wie bisher mit großem Zusammenhalt und Unterstützung gemeistert werden.“ Der Kulturbeirat werde „die Entwicklungen kritisch begleiten“.

(Text und Fotos: Dirk Fellinghauer)

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SIND DIE VON DEN KULTURSCHAFFENDEN FORMULIERTEN STATEMENTS UND FORDERUNGEN BERECHTIGT? ODER WÄRE DAS DIE „EXTRAWURST FÜR DIE KULTURBRANCHE“, VOR DER NRW-KULTURMINISTERIN ISABELL PFEIFFER-POENSGEN JÜNGST WARNTE?

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