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Wie weiter? Wiesbadener Geschäftsleute erzählen – Corona-Protokolle (04): Arlette Kaballo, Modedesignerin

Von Annika Posth und Selma Unglaube. Fotos Till Christmann.

Wiesbadener Pandemie-Geschichten zwischen Sorge, Frustration und Verzweiflung, zwischen Hoffnung, Zuversicht und „Jetzt erst recht“. In unseren „Corona-Protokollen“ berichten Wiesbadener Geschäftsleute und Gastronomen von ihrer Situation, im Blick zurück und im Blick nach vorn. Wir veröffentlichen die gesammelten Protokolle aus der Titelstory unserer Mai-Ausgabe hier nach und nach einzeln.

Arlette Kaballo, Modedesignerin, eigene Läden in Wiesbaden (Mühlgasse), Köln, Neuwied und Bad Hönningen

„Das Familienunternehmen Arlette Kaballo gibt es seit 43 Jahren. Wir haben seit zwölf Jahren eine eigene Kollektion, die wir in Italien produzieren. Wir haben leider ausgerechnet vor dem ersten Lockdown zwei neue Länden eröffnet, Wiesbaden und Köln. Da konnten wir so gut wie keine Stammkunden bilden. Wir kämpfen jetzt seit einem Jahr für unsere Branche. Und was hat es uns gebracht: nichts. Also wir sind keinen Schritt weitergekommen, man will uns nicht hören. Die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, die gefällt uns einfach nicht. Wir sehen ganz einfach, dass da gewaltig was nicht stimmt.

Unsere Branche steht vor dem Aus

Unserer Branche steht vor dem Aus und viele andere Branchen auch: Kultur, Messebauer, Veranstaltungsbranche, Gastronomie, Hotellerie. Ich denke ganz einfach, dass wir das alle nicht mehr lange durchstehen, es stehen alle mit dem Rücken an der Wand. Wir haben bis jetzt nur negative Erlebnisse mit Corona gemacht, wir haben schlimmste Depressionsphasen, auch in der eigenen Familie und im Freundeskreis.

Wir wären kostenlose Berater für die Politik

Von den Politikern her hat man, unverschuldet, total vergessen, wie die einzelnen Branchen funktionieren. Da hätte man sich schon längst mit uns zusammen setzen müssen, wir wären kostenlose Berater gewesen. Bis auf eine Ausnahme haben wir alle Mitarbeiter behalten. Die brauchen wir natürlich auch, wenn es wieder los geht. Aber im Moment ist da auch diese Gelähmtheit, Gemütlichkeit, Depression, keine Zukunftsperspektive. Und das Schlimmste für einen Händler ist, dass wir nicht mehr Handeln können.

Onlineshop? Die Leute brauchen doch nichts

Es ist einfach nur alles furchtbar. Wir haben auch einen Onlineshop, wo wir aber auch merken, dass der in keinster Weise explodiert, weil die Leute halt nichts brauchen. Man geht nicht ins Theater oder ins Kino, man braucht nichts. Das ist einfach für uns tödlich. Wir sind auch zu Kunden nach Hause gefahren, haben Teile hingebracht. Wir tun wirklich alles, was möglich ist. Aber es ist kein Bedarf da. Wir sehen keine positiven Lichter am Himmel, sondern ganz ganz leichte. Ich kenne so gut wie kein Unternehmen, das nicht letztes Jahr im Sommer einen Kredit aufnehmen musste und dafür sind wir alle nicht entschädigt worden.

Wir sind keine Steuernummern, wir sind Menschen

Mein Wunsch, ich spreche hier auch für andere Branchen, ist, dass die Politik die Menschen, die Schicksale und die Existenzen sieht. Wenn mein Lebenswerk kurz vor dem Ruin steht, wird das von der Politik nicht gesehen. Und das ist die Botschaft, die ich auch nach draußen geben möchte, dass die Politik einfach sieht: Hier sind nicht Steuernummern, hier sind Menschen. Menschen, die leiden, Menschen, die alles verlieren, ihre komplette Existenz.“

In der nächsten Folge erzählt: Gabriella Bianchi-Henke, Inhaberin LadyFitness, Langgasse.

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