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Karger Alltag, tapfere Häftlinge – Wie verändert Corona das Leben im Knast? Ein Gefängnisseelsorger berichtet

In der JVA Wiesbaden in der Holzstraße sitzen etwa 300 Jugendliche und junge Heranwachsende in Untersuchungs-, Straf- oder Abschiebungshaft.

Interview: Andrea Wagenknecht. Fotos: Carsten Stork und Andrea Wagenknecht.

Der evangelische Gefängnisseelsorger Pfarrer Eckhard Jung hat den Lockdown im Jugendgefängnis (JVA) in der Wiesbadener Holzstraße erlebt. Auch nachdem viele Maßnahmen wieder gelockert wurden, verändert die Corona-Pandemie seinen Alltag als Gefängnisseelsorger.

Gefängnisseelsorger Pfarrer Eckhard Jung bietet Einzel- und Gruppengespräche, Begleitung in akuten Krisensituationen und bei der Auseinandersetzung mit der Straftat und den Opfern an.

Wie erleben Sie Ihren Alltag?
Es gelten natürlich in der JVA die üblichen Infektionsschutzmaßnahmen wie Abstands- und Hygieneregeln – unter diesen Umständen feiere ich auch wieder Gottesdienste.  Außerdem gilt für alle Bediensteten strenge Maskenpflicht – ich trage die Maske hier immer, auch in Einzelgesprächen.

Und die Häftlinge?

Es gilt die Regel, dass die Häftlinge keine Masken tragen müssen, dafür aber alle Bediensteten – eben die, bei denen die Gefahr besteht, dass sie das Virus in die JVA hineintragen. Das ist schon eine ungewöhnliche Situation: Normalerweise sind die wachsamen Blicke ja auf die Häftlinge gerichtet. Das Virus stellt manches auf den Kopf. Insgesamt erlebe ich alle als besonnen und vorsichtig. Wir sind froh, dass wir Zustände, wie sie aus den Gefängnissen anderer Länder berichtet werden, nicht haben und nie hatten.

Konnten Sie auch während des Lockdown in der JVA arbeiten?
Ja. Zwar waren die Gottesdienste und gemeinschaftliche Veranstaltungen zunächst ausgesetzt, aber seelsorgerliche Gespräche waren weiterhin möglich. Der Gesprächsbedarf bei den Häftlingen war und ist groß. Verunsicherungen, Ängste und Sorgen um Angehörige und die Frage, wie es weitergeht – das hat auch oder gerade die Menschen im Gefängnis stark belastet. Hinzu kam: Arbeit, Sport, Besuche, Hafturlaub im Rahmen der Entlassungsvorbereitung – das war alles einige Zeit ausgesetzt. Es gab deutlich weniger Ablenkung, die Männer waren oft allein mit ihren Sorgen.

Haben Sie Angst, sich bei der Arbeit anzustecken?

Nein, hatte ich nie. Ich war während meines Dienstes immer vor Ort in der JVA. Ich habe mehr Sorge davor, dass ich mich außerhalb der Anstalt anstecke.

Wie ist die Situation in der JVA jetzt?

Vieles hat sich entspannt. Die meisten Dinge sind wieder möglich: Sport, Schule, Arbeit, Gemeinschaft, therapeutische Angebote – nur der Hafturlaub fällt nach wie vor weg. Kontakt zu Angehörigen ist über Telefon oder zum Teil auch per Video möglich. Wenige sehr enge Angehörige dürfen auch wieder zu Besuch kommen – allerdings nur mit Abstand. Dass man die Freundin etwa nicht mal umarmen oder an der Hand fassen darf, setzt vielen schon sehr zu.

Kommen Häftlinge auch in Quarantäne?

Schon zu Beginn der Einschränkungen wurde eine Quarantäne-Station eingerichtet, in der jeder Häftling, der neu kommt oder außerhalb der JVA war, etwa wegen einer Gerichtsverhandlung, zwei Woche bleiben muss. Da wird beobachtet, ob sich Symptome entwickeln. Auf dieser Station bin ich im Moment sehr häufig und spreche mit vielen Häftlingen. Die Situation dort ist für viele belastend. Hinzu kommt noch die Einsamkeit, denn auf der Quarantäne-Station gibt es kaum Begegnungsmöglichkeiten, der Alltag ist sehr karg.

Beherrscht Corona das Leben im Gefängnis?

Alles in allem geben sich die Bediensteten in der Anstalt viel Mühe, dass der Alltag nicht nur von Corona bestimmt wird, und auch die Gefangenen gehen tapfer mit den Einschränkungen um.

Was hat Sie in den letzten Monaten als Gefängnisseelsorger am meisten belastet?

Dass wir Ostern nicht feiern konnten, hat mich sehr erschüttert. Ostern hier im Gefängnis – das ist normalerweise sehr bewegend und auch wichtig: Es ist das Fest, was Leben und Zukunft verspricht: Gottes „trotzdem“ gegen alles „nein“ der Welt. Immer wieder auch habe ich meine Situation mit der der anderer Menschen verglichen: Ich durfte arbeiten, während andere zu Hause bleiben mussten. Auch habe ich an die Pfarrkolleg*innen in den Gemeinden gedacht, denen es ja kaum möglich war, Menschen zu besuchen; und an die einschneidenden Beschränkungen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Das ist mir oft nachgegangen.

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