Eine schwimmende Stahlkonstruktion soll zukünftig am Biebricher Rheinufer anlegen und entlangströmende Abfallobjekte in Gitternetzen auffangen. Dr. Sibylle Bimmermann von der Initative erklärt was künstliche Intelligenz und gesetzliche Lücken damit zu tun haben. Und wo die Grenzen des Projekts liegen.

Ein Krake für den Rhein
Im Rhein soll bald ein Krake gesichtet werden können. Allerdings besteht dieser nicht aus Fleisch und Tentakeln, sondern aus Metall und Gitterstreben. Die sogenannte RheinKrake soll künftig als passive Müllfalle Plastikabfall aus dem Fluss sammeln. Sie kommt ohne Motor aus, über die Strömung treiben Makroplastikteile in die Auffangbehälter. Diese werden regelmäßig von freiwilligen Helfer*innen aufgesammelt und sortiert. Hinter dem Projekt steht die Initiative „Ideen für Biebrich“ e.V. Seit zwei Jahren arbeitet sie an der Verwirklichung der Krake, die damit dem Kölner Vorbild folgen möchte.
Die technische Planung der schwimmenden Stahl-Insel ist fertiggestellt, nun befindet sie sich in der behördlichen Prüfphase. Zukünftig soll sie auf Höhe des Rhein-Kilometer 503,33 direkt gegenüber der Rettbergsaue einen Beitrag gegen die Plastikverschmutzung in dem hiesigen Gewässer leisten.
Inklusive Bau, Aufklärungskampagnen und Finanzierung des Ingenieurbüros beläuft sich das Projekt auf etwa eine viertel Million Euro. Finanziert wird das Vorhaben ausschließlich durch Spenden.
Dr. Bimmermann von der Initiative berichtet von den geplanten Untersuchungen: in Zusammenarbeit mit der Hochschule Rhein Main wird der angespülte Abfall sortiert und die Informationen in eine Datenbank überführt. Eine KI-generierte Klassifikation des Mülls soll dabei aushelfen, die Daten der installierten Webkamera auszuwerten. „Besonders spannend wäre natürlich eine Harmonisierung mit der Kölner Datenbank“ meint das Vorstandsmitglied. Dadurch könnten lokale Änderungen der Müllverschmutzung im Rhein analysiert werden.
Das Kölner Vorbild: Ein Krake allein kann das Problem nicht lösen
In Köln ist eine solche Müllsammelstation bereits seit 2022 im Einsatz, als erste passive und langfristige Müllsammelstation bundesweit.
Mehrmals im Monat sortieren Unterstützer*innen die gesammelten Objekte nach ihrem ehemaligen Verwendungszweck. Anschließend werden die Daten unter der Leitung der Universität Bonn wissenschaftlich ausgewertet.

Die statistischen Hochrechnungen zeigen, welche Bedeutung lokale Gewässer für die Umweltverschmutzung haben: Der Rhein transportiert jährlich rund 27 bis 42 Millionen Makroabfallteile. Als Makroabfallteile gelten größere Müllteile, etwa Plastikverpackungen oder Feuerwerkskörper. Im Fluss verharrt der Müll nicht, die Strömung bringt ihn Richtung Nordsee. Von dort aus verteilt er sich in die Weltmeere.
Die Kölner RheinKrake sammelt um die 20.000 Objekte im Jahr ein. Das entspricht lediglich einem Anteil von 0,059 Prozent des gesamten Makromülls im Rhein. Selbst eine Müllfalle, die mehrere Tausend Objekte pro Jahr sammelt, erreicht nur einen winzigen Teil der gesamten Müllmenge. Die Müllfalle kann also nicht allein das Problem lösen.
RheinKrake Wiesbaden: Aufklärung in Aktion
Die Initiative „Ideen für Biebrich“ e.V. möchte deshalb nicht nur Müll aus dem Fluss sammeln, sondern über die Folgen von Plastik in Gewässern aufmerksam machen. Bereits in der Vergangenheit wurden Bildungs- und Präventionsaktionen organisiert.
Im Mai fand beispielsweise eine CleanUp-Aktion mit den Schüler*innen der Umwelt-AG an dem Martin-Niemöller-Gymnasium statt. Die dabei gesammelten Objekte wurden dann für einige Wochen im Rahmen der Sonderausstellung „RheinKrake Wiesbaden“ im Museum Biebrich gezeigt.

Auch das sogenannte „Müllseum“ gibt einen Einblick in das Ausmaß der Verschmutzung. Die Ausstellung präsentiert Objekte, die am Ufer des Rheins bei CleanUp-Aktionen gefunden worden sind. Besonders in Erinnerung geblieben ist Bimmermann der Fund einer Plastiktube. „Sie sieht so aus, als hätte sie erst gestern in den Rhein kommen können.“ Die Recherche zeigte, dass die Tube bereits in den 1960er Jahren in Berlin-Tempelhof produziert wurde.
Kunst trifft Umweltschutz
Aktuell findet die Veranstaltungsreihe „Klar zum Wandel – Wiesbaden für sauberes Wasser“ der Initiative statt. Bis Ende des Monats können die Bürger*innen der Stadt unter anderem das maßstabgetreue Modell der Rheinkrake begutachten und sich über die Entwicklung und technischen Daten des Projekts informieren.

Der Wissenschaftsjournalist und Moderator des Hessischen Rundfunks Thomas Ranft unterstützt als Schirmherr das Projekt RheinKrake. Von ihm hat Sibylle Bimmermann gelernt: „Resignation ist keine Option.“
Die Veranstaltungsreihe wird durch die Kunstinstallation „Vater Rhein“ begleitet. Schöpferin der multisensorischen Installation ist Anna Schimkat. Die gebürtige Darmstädterin verwandelt die Räumlichkeiten der Orangerie im Biebricher Schlosspark, die eigentlich der Überwinterung der Pflanzen dienen, in eine interaktive Kulisse. Läuft man den Steg hinab, kann man den Ton-Aufnahmen, die an verschiedenen Orten am Rhein entlang aufgenommen wurden, lauschen.
„Es könnte ganz einfach sein“
Die Bürger*innen der Initiative „Ideen für Biebrich“ e.V. hoffen, mit ihrem Projekt die Politik auf fehlende gesetzliche Schutzmaßnahmen für die Gewässer aufmerksam zu machen.
2012 wurde das Kreislaufwirtschaftsgesetz beschlossen, mit dem Ziel durch Recycling und umweltgerechte Entsorgung von Abfall natürliche Ressourcen zu schonen. Jedoch gilt das Gesetz nur an Land, nicht für die Lebensgrundlage Wasser.
„Niemand fühlt sich für den Müll am Rheinufer verantwortlich.“ Bimmermann möchte mit der Kampagne einerseits politische Maßnahmen für industrielle Wasserverschmutzung einfordern, andererseits richtet sie den Appell an die Bürger*innen: „Bitte nutzt die Abfalleimer, die kostenlos überall stehen. Es könnte ganz einfach sein“.
„Jede*r ist eingeladen, mitzumachen“
Wer motiviert ist, selbst mit anzupacken, kann das Team der RheinKrake am Samstag, den 12.09. am „Biebricher RhineCleanUp“ und am 19. September 2026 am „WorldCleanUp“ unterstützen und dazu beitragen, den Rhein sauber zu halten. Genauere Informationen zu den CleanUp-Aktionen und das weitere Programm der Veranstaltungsreihe kann auf der Website der RheinKrake Wiesbaden eingesehen werden.
Ein Beitrag von: Lisa Rosana Sommer
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