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Tanzfestival Rhein-Main startet in Wiesbaden mit Demokratie-Thema

Foto: Sammi Landweer

Das Tanzfestival Rhein-Main bringt vom 30. Oktober bis 15. November internationalen zeitgenössischen Tanz nach Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt und Offenbach. Unter dem Motto „A Body of Many – Moving Democracy“ geht es um Gemeinschaft, Unterschiede und die Frage, was Körper über demokratisches Zusammenleben erzählen können.

Wenn sich am 30. Oktober im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters die ersten Tänzer*innen bewegen, beginnt ein Festival, das zwar auf einer prominenten Bühne beginnt – aber bewusst verschiedene Orte bespielt. 17 Tage lang sind die Produktionen dezentral in vier Städten zu sehen.

In Wiesbaden gehören das Staatstheater, die Wartburg, das Kunsthaus und die Caligari Filmbühne zu den Austragungsstätten. Internationale Compagnien stehen neben dem Hessischen Staatsballett, große Ensemblearbeiten neben intimen Performances. Filme, Workshops und Gesprächsrunden ergänzen das Programm.

Foto: Christophe Raynaud de Lage
Foto: Christophe Raynaud de Lage

„Tanz nimmt viele Formen an. Er bewegt sich in viele Richtungen und spricht mit unzähligen Stimmen. In diesem Sinne spiegelt er die Komplexität unserer Gesellschaft wider. Vielleicht brauchen wir heute mehr denn je Räume, in denen Unterschiede nebeneinander bestehen, aufeinandertreffen und sich gegenseitig bereichern können“, sagt Bruno Heynderickx, Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts. Er kuratiert das Festival gemeinsam mit Alexandra Hennig, Beata Stankevič und Anna Wagner.

Organisiert ist es als Kooperationsprojekt des Hessischen Staatsballetts und des Künstler*innenhauses Mousonturm, die Finanzierung läuft über mehrere Förder*innen, zum großen Teil über den Kulturfonds Rhein-Main.

2026 – zur elften Ausgabe des Festivals – ist es zugleich Teil der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main. Dazu passt der Titel. Auch hier geht es um den Beitrag, den Design zu einem demokratischen Miteinander leisten kann.

Foto: Sammi Landweer
Foto: Sammi Landweer

Warum das Tanzfestival auf Vielfalt und demokratisches Miteinander setzt

Hinter „A Body of Many – Moving Democracy“ stehen Fragen, die über die Kunstform Tanz hinausgehen: Wie können viele Einzelne gemeinsam etwas bilden, ohne ihre Unterschiede aufzugeben? Wie kann aus einer homogenen Gemeinschaft eine Welt werden, die Widerspruch, Differenz und verschiedene Erfahrungen zulässt?

Das Thema ist hochaktuell: Die gesellschaftliche Polarisierung nimmt zu, politische Ränder werden stärker, Fremdenfeindlichkeit und Abwehr prägen vielerorts den Ton. Die Festivalmacher beschreiben Tanz als eine Art Versuchsanordnung: Körper bewegen sich miteinander, gegeneinander, stützen sich, lösen sich aus der Gruppe oder suchen einen gemeinsamen Rhythmus. Gemeinschaft entsteht hier gerade eben nicht dadurch, dass alle dasselbe tun.

Das Tanzfestival Rhein-Main startet in Wiesbaden

Wie unterschiedlich sich diese Idee auf der Bühne übersetzen lässt, zeigt sich im Programm. Eröffnet wird das Festival am 30. Oktober in Wiesbaden: Die kanadische Choreografin Marie Chouinard verbindet im Großen Haus mit „Magnificat“ (2025) und ihrer legendären Interpretation von „The Rite of Spring“ (1993) zwei musikalische Meilensteine von Johann Sebastian Bach und Igor Strawinsky zu einem Abend über die schöpferische Kraft des Körpers.

Einen ganz anderen Zugang wählt die Künstlerin Grace Schwindt am 31. Oktober und 1. November im Kunsthaus Wiesbaden. „Love Letter to Those Who Did Not Survive“ beschäftigt sich mit Kriegstraumata und mit Menschen, die Kriege nicht überlebt haben. Ausgangspunkt sind Tagebücher von Frauen aus unterschiedlichen Zeiten und Ländern. Beschriebene Handlungen und Gesten wurden mithilfe von Methoden der Tanzpsychotherapie in Bewegung übersetzt. Tänzer*innen des Hessischen Staatsballetts entwickeln daraus eine Performance, in der der Körper zum Träger von Erinnerung wird. Die Arbeit ist zugleich Teil von Schwindts Einzelausstellung im Kunsthaus; am 1. November gibt es vor der Aufführung ein Gespräch mit der Künstlerin.

Foto: The Wheelie Show 63
Foto: The Wheelie Show 63

Tanzfestival Rhein-Main: Zwischen Zusammenhalt, Alarmbereitschaft und Aggression

Am 3. und 4. November folgt im Kleinen Haus „All’arme“ von Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi mit der kroatischen Studio Contemporary Dance Company. Der historische Warnruf „Zu den Waffen!“ wird zum Ausgangspunkt für eine Choreografie über Alarmbereitschaft und Gruppendynamik: Wann wird Verteidigung zur Aggression? Sechs Tänzer*innen greifen militärische Bewegungsmuster auf und untersuchen damit auch die Ambivalenz von Disziplin und Zusammenhalt.

Im Großen Haus führt „Nachtträume“ diese Auseinandersetzung am 6. und 7. November weiter. Marcos Morau nimmt Kurt Jooss‘ Antikriegsstück „Der grüne Tisch“ von 1932 als Ausgangspunkt und verbindet es mit historischen Referenzen und Zitaten der Tanzgeschichte. Das Hessische Staatsballett bewegt sich durch eine Welt, in der Macht, Gefolgschaft, Bedrohung und Verführung eng beieinanderliegen.

Noch einmal wechselt die Perspektive am 8. November im Kunsthaus. „Outrar“ von Calixto Neto und Volmir Cordeiro versammelt zwei choreografische Antworten auf Identität, Fremdheit und Verwandlung. Der Titel leitet sich vom portugiesischen Wort für „jemand anders werden“ ab. Die Arbeiten entstanden auf Initiative der brasilianischen Choreografin Lia Rodrigues.

Das Programm des Tanzfestivals: Tanz für und mit Babys und Kleinkindern

Besonders überraschend ist ein Programmpunkt am 3. November in der Wartburg. Mit „Unseen World“ richtet sich das litauische „Dansema Dance Theater“ mit einer interaktiven Performance an Babys zwischen sechs und 18 Monaten; eine weitere Vorstellung am 4. November wurde eigens für blinde und sehbehinderte Kinder sowie ein neurodiverses junges Publikum entwickelt. Zuschauen aus sicherer Entfernung ist dabei nicht vorgesehen: Die Kinder dürfen sich bewegen, Oberflächen erkunden und selbst Teil des Geschehens werden.

Alle Informationen zum kompletten Programm gibt es unter www.tanzfestivalrheinmain.de.

Text von Julia Bröder

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