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Zurück in die Kita, aber eingeschränkt: Kleine Schritte zur Normalität – Politiker-Streit und Eltern-Vernetzung

Weit entfernt von Normalität, aber erste kleine Schritte zurück dorthin. Nach Pfingsten dürfen auch Wiesbadener Kinder wieder zurück in die Kita, die meisten aber nur ein bisschen. Viele Eltern sind mit der Situation überfordert und verunsichert und am Ende ihrer Kräfte und Kapazitäten angelangt. Nun wird die Zweite Verordnung des Landes Hessen zur Bekämpfung des Corona-Virus angepasst und in Richtung „eingeschränkter Regelbetrieb“ der Kindertagesstätten erweitert. Nach wie vor gilt ein allgemeines Betretungsverbot für Kindertagesstätten.

Ab dem 2. Juni dürfen neben den priorisierten Kindern mit Notbetreuung zunächst alle Vorschulkinder und deren Geschwister wieder tageweise die Kita betreten . Ab dem 8. Juni sollen dann die Vier- und Fünfjährigen Kinder und deren Geschwister tageweise dazu stoßen können, und spätestens ab dem 22. Juni sollen alle Kinder wieder die Kita besuchen – an mindestens zwei Tage pro Woche die Kindertagesstätte. Je nach Betreuungskapazitäten in den einzelnen Kitas kann dies laut Mitteilung der Stadt auch schneller umgesetzt werden.

Für die Kinder bestimmter Berufsgruppen und besonders benannte Kindergruppen gibt es eine Notbetreuung. Neu ist, dass die Träger im Rahmen der Betreuungskapazitäten der Kindertageseinrichtung zusätzliche Kinder aufnehmen können.

Unterschiedliche Betreuungskapazitäten 

„Letztlich ist das Betreuungsangebot wesentlich davon abhängig, wie die personelle und räumliche Situation in jeder einzelnen Kita ist. Den Trägern der Kinderbetreuung stehen nicht alle Fachkräfte zur Verfügung, da bestimmte Risikogruppen nicht in der Arbeit mit Kindern eingesetzt werden können. Und auch die Raumsituation ist in jeder Kita unterschiedlich und kann die Anzahl der zu betreuenden Kinder einschränken“, so Sozialdezernent Christoph Manjura. Zum weiteren Vorgehen hätten sich die Kindertagesstätten in städtischer und freier Trägerschaft auf ein möglichst einheitliches Vorgehen und eine Orientierungshilfe verständigt.

Der Umfang der Betreuungszeit wird in den Einrichtungen unterschiedlich sein. Die Reduzierung des Leistungsangebotes könne mit verschiedenen Maßnahmen erreicht werden, zum Beispiel Halbtags-, Dreiviertel-, Ganztagsangebote. Die Bereitstellung eines Betreuungsangebotes im Rahmen des „eingeschränkten Regelbetriebes“ sei ein komplexes Unterfangen und erfordert für die Kita und die Eltern eine vorausschauende Planung, erklärt die Stadt. „Um größtmögliche Planungssicherheit für Eltern und auch das Personal zu erhalten, werden die Eltern in der Regel am Ende einer Woche von ihrer Kita darüber informiert, an welchen Tagen der kommenden Woche ihr Kind betreut werden kann“, so Manjura in der offiziellen Pressemitteilung.

Sozialdezernent entschuldigt sich für Wortwahl: „`Planungssicherheit´ nach elf Wochen Pandemie unpassend“

Auf Facebook nahm der Sozialdezernent im Nachhinein den Begriff der „Planungssicherheit“ zurück: „Sicher hätte ich meinen Satz zur Planungssicherheit nochmal konkretisieren müssen“, schrieb er selbstkritisch: „Uns geht es primär darum, dass Kita-Leitung, Eltern und Kinder nicht beim abholen erfahren, ob morgen Kita ist, sondern dies (mindestens) wochenweise festgelegt wird. Natürlich ist das zum Beispiel für berufstätige Eltern weit weg von befriedigend. Das Wort Planungssicherheit ist nach elf Wochen Pandemie unpassend gewesen.“

Die Entschuldigung Manjuras für die unpassende Wortwahl erfolgte im Rahmen seiner sehr ausführlichen Replik auf seiner Facebookseite auf ein Interview in der Samstagsausgabe des Wiesbadener Kurier, in dem die Wiesbadener CDU-Politikerin und frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder den SPD-Sozialdezernenten scharf angreift, unter anderem mit den Worten: „Ich bin enttäuscht von dem Minimalprogramm, das Sozialdezernent Christoph Manjura vorgelegt hat.“ Manjura, der das „behutsame Vorgehen“ in der Landeshauptstadt verteidigt, sah sich zu einem „Faktencheck“ genötigt, den er im Blick auf Schröders Ausführungen mit „Alles heiße Luft“ überschreibt und seinerseits die hessische Landesregierung und CDU-Kultusminister Alexander Lorz kritisiert. Wie im – passend zum Thema – Kindergarten, könnte man einigermaßen amüsiert mit Blick auf die parteipolitisch getriebenen Politiker-Streitigkeiten meinen – wenn die Lage und Situation für viele verzweifelte Eltern nicht so ernst wäre.

Eltern vernetzen sich über „#FamlieininderKrise

Diese vernetzen sich und verschaffen sich Gehör zum Beispiel über „Familien in der Krise“, eine bundesweite Bewegung, die unter dem Hashtag #ElterninderKrise entstanden ist und die nun – mit dem erweiterten Hashtag #FamilieninderKrise – auch in Hessen und Wiesbaden zunehmend aktiv ist – zum Beispiel über die Facebook-Gruppe oder auch bei Instagram. In ihren Grundsätzen erklärt sich die Bewegung als unabhängig und parteiübergreifend: „Wir grenzen uns klar ab von verschwörungstheoretischen, rechten und anderen Gruppierungen, die die Existenz oder die Bedrohung durch Corona leugnen.“ Man verstehe, dass es Maßnahmen brauche, die zur Eindämmung des Virus führen und dass auch Familien mit Kindern ihren Beitrag dazu leisten müssen und verstehe auch die Situation von Schulen und Kitas, von denen sich viele – genauso wie viele Eltern – von der Politik alleingelassen fühlen in dieser Krise.

„Familien in der Krise“ geht es naturgemäß nicht nur um das Thema Kitas. Heute hat die Landesgruppe Hessen eine ausführliche (ablehnende) Stellungnahme zu den geplanten Änderungen des Hessischen Schulgesetzes über das laufende Schuljahr hinaus veröffentlicht. Die Änderung des Schulgesetzes stelle einen hessischen Alleingang dar, dem eine fundierte Begründung fehle: „Die Stimmen, dass Kinder nicht die Treiber der Pandemie sind, mehren sich; immer mehr Studien belegen, dass Kinder deutlich seltener infiziert werden und selbst weniger Menschen infizieren, Soziologen und Pädagogen warnen vor den Schäden, die dieser Lockdown für die Kinder mit sich bringt und sprechen bereits von Langzeitfolgen, die höher zu sein scheinen als bislang vermutet.“ eine Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen sei nicht gegeben – „im Gegenteil, Schülerinnen und
Schülern sowie ihren Eltern werden Maßnahmen aufgebürdet, die in keinem anderen Bereich derartig drastisch und weitreichend sind“.

Voraussichtlich such im Juni keine Kitagebühren 

Eine gute Nachricht aus Wiesbaden: Der Magistrat hat beschlossen, dass für Juni – wie auch im April und Mai – keine Abbuchung erfolgt, die Beiträge also ausgesetzt bleiben. Ausnahme: Für die Tagespflege gibt es seit 25. Mai keine Beschränkungen mehr. Wer seine Tagesmutter im Juni also wieder in Anspruch nimmt, zahlt Beiträge. Die finale Entscheidung trifft die Stadtverordnetenversammlung.

Für Fragen steht eine extra eingerichtete Kita-Corona-Servicestelle unter den Telefonnummern (0611) 314378, 315487 oder 315479 zur Verfügung.

(Alia Bouhaha/Dirk Fellinghauer /Archivfoto Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach) 

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