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Die ganz(e) verrückte krea-Story: So kaperte Wiesbadener Kulturzentrum die markante Supermarkt-Leuchtreklame

Von Samira Schwarz.

Die Kreativfabrik feiert an diesem Wochenende als Wiesbadener „Brutstätte der Subkultur“ ihr 20-jährigen Bestehen mit einem großen Festival. Groß – und großartig – sind auch die Leuchtreklame-Buchstaben auf dem Krea-Gebäude. So großartig, dass wir die unglaubliche Geschichte dahinter nochmal ganz in Ruhe erzählen.

Alles nur ein April-Scherz? Bereits im Jahr 2020 erlaubte sich der beliebte Wiesbadener Kulturverein – die Kreativfabrik, oder kurz Krea –  einen Scherz und peppte das „real“ Schild auf der Mainzer Straße auf. Aus „real“ wurde kurzerhand „Kreal“. Die kreativen Köpfe der Aktion nahmen sich das Unwissen über den Weiterbestand des Supermarktes zur Hilfe und erklärten kurzerhand, die Kreativfabrik würde das Geschäft samt Belegschaft übernehmen und in eine Veranstaltungshalle umwandeln. Haben sich die Organisator:innen nun selbst übertroffen?

Seit einigen Monaten erstrahlt nun die Krea in neuem Glanz: Mit einem großen – und nachts auch beleuchteten – Schild, das verdächtig an die „Real“-Leuchtreklame erinnert. Auch viele Fußgänger:innen und Besucher:innen des Schlachthof-Geländes sind begeistert über die riesigen Leuchtbuchstaben und halten dieses außergewöhnliche Bild mit Selfies fest. „Immer wieder fliegen Gesprächsfetzen hoch ins Büro, an der Skatehalle oder am Späti vorbei wie cool und abgefahren das doch sei“, erzählen die Verantwortlichen. Aber wie kam es dazu?

Nach „real“-Aus – krea neuer Supermarktlieferdienst?

Am 1. April 2022 gaben die Krea-Leute auf Instagram bekannt, dass die Kreativfabrik pandemiebedingt leider schlecht aufgestellt wäre und sich an den gutlaufenden Lieferdiensten ein Vorbild genommen und – da es aktuell ja keinen Supermarkt in nächster Nähe gebe – beschlossen habe, aus ihrem Veranstaltungskeller heraus Lebensmittel zu verkaufen und zu liefern. „Künstler, die in Vergangenheit auf unserer Bühne standen und für euch performt haben, packen zukünftig euren Einkauf“, erklärten sie in ihrem Post. Die ersten Anfragen ließen nicht lange auf sich warten.

Der 1 Euro Startpreis – ein unschlagbares Angebot

Nur was ist nun eigentlich wirklich geschehen? Alles fing mit Sascha Caldori, dem Kassenwart der Kreativfabrik, an. Auf Facebook entdeckte er Werbung zur Auflösung und Versteigerung des real-Inventars. Kurz darauf schaffte es die Information schon ins „Krea Kaffeekränzchen“, eine Chat-Gruppe für allen Quatsch der über Vorstands- und Teamsitzungen hinausgeht. „Was könnten wir gebrauchen?“, war die Frage. Vom Kassenband für den Späti, die Vogeltränke, bis hin zu Kühltruhen waren einige Vorschläge dabei. Darunter auch ein ganz besonders außergewöhnlicher: Das „real“ Schild!

615 Euro per Chatgruppe eingesammelt

Was anfänglich nur ein Spaß sein sollte, wurde ernst, nachdem Sascha Caldori den unglaublichen Ersteigerungsstartpreis von einem Euro und ein Entwurfsbild in die Gruppe schickte. Was folgte, war eine Kommentarlawine und eine Aktion, bei der in wenigen Tagen von etwa 20 Menschen über 615 Euro gesammelt wurden.

Die Leuchtreklame ersteigert – und jetzt?

Der Plan stand fest. Als nächstes folgte nun die Ersteigerung, und als ob die Geschichte jetzt nicht schon verrückt genug wäre: Die Krea hat das Riesenleuchtschild, inklusive Aufschlägen, für unfassbare 11,23 Euro ersteigert.

Gib´ mir ein „e“

Für den Auf- und Abbau hieß es Teamwork: in 3 Tagen stemmten die Beteiligten den Abbau, den Transport über die Mainzer Straße zur Kreativfabrik und den dortigen Aufbau. Der gesamte Prozess wurde in einem YouTube Video festgehalten. Hier wurde das ungewöhnliche Bild verewigt, wie ein „e“ sich auf den Weg über die Mainzer Straße macht.

Mehr Sichtbarkeit dank „Upcycling-Werbung“ – und Raum für verrückte Ideen

Mit dieser Aktion hat sich die Kreativfabrik mal wieder selbst übertroffen. „Das ist etwas wofür die Krea steht und lebt und liebt“, sagen die Menschen hinter der buchstäblich Aufsehen erregenden Aktion: „Wir sind kein soziokultureller Verein, der nur nach Schema F handelt, sondern schaffen Raum für verrückte Ideen für die sich noch verrücktere und kreative Köpfe in die Hände spucken und mit Herz und Schweiß umsetzen.“ Der so bedeutsame Kulturort in und für Wiesbaden hat nun eine eigene Upcycling Werbung, die schon von den Gleisen zu sehen ist. Die Krea übersieht so schnell keiner mehr.

Vereinsporträt, Festival, Frühschoppen

Man darf gespannt sein, was sich diese Kreativen als nächstes einfallen lassen. Fest steht: An diesem ersten September-Wochenende wird erstmal gefeiert, was das Zeug hält. Das volle Programm des F.U.C. Krea-Festivals findet ihr hier. Unser großes Vereinsporträt zum Krea-Jubiläum ist hier zu finden. Im Rahmen des Festival sind sensor und Walhalla im EXIL am Sonntag, 4.9., um 12 Uhr mit dem „Visionären Frühschoppen“ zum Thema Subkultur in Wiesbaden auf der Festival-Außenbühne zu Gast.

Abbau, Teamwork, Transport & Aufbau – wie die „real“ Buchstaben ein neues Zuhause gefunden haben – 3 Tage Arbeit in einem Video:

(sas/Fotos: Kreativfabrik Wiesbaden)

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