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Vom Lost Place zum Place to be? Studierende sprudeln vor Ideen für eine aufregende Walhalla-Zukunft / Ausstellung

„Um Zukunft nachhaltig zu gestalten, müssen wir immer wieder die ausgetretenen Pfade verlassen und neues Denken zulassen. Das gilt (…) wohl auch für die Weiterführung des legendären Walhalla.“ (IHK-Präsident Christian Gastl bei der Eröffnung der Ausstellung „Walhalla neu denken“.

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Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

Was wird denn jetzt aus dem Walhalla? Das weiß noch immer niemand. Was aber aus dem Walhalla werden könnte, wenn man ganz offen, unvoreingenommen – frei von gedanklichen und auch finanziellen Zwängen und Einschränkungen, wohl aber auf intensiv recherchierter, reeller und realistischer Basis – an das Thema herangeht, das zeigen Architektur-Studierende jetzt eindrucksvoll, fantasiegeladen und visionär in einer öffentlichen Ausstellung. In die faszinierenden „Walhalla neu denken“-Welten können – und sollten –  alle, die sich für das Thema interessieren und/oder involviert und verantwortlich sind, noch bis zum 25. Mai eintauchen.

Bei der Eröffnung der sehr kurzfristig auf die Beine gestellten Schau war das Staunen groß und die meisten Anwesenden äußerst beeindruckt von dem, was den Studierenden des Masterstudiengangs „Architektur | Bauen mit Bestand“ an der Hochschule RheinMain (HSRM) so alles eingefallen ist zu der gestellten Aufgabe – nicht etwa aus heiterem Himmel, sondern nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Gebäudekomplex, der Historie, den Umständen, den Potenzialen und Zukunftsperspektiven.

Die Studierenden sollten sich der Entwurfsaufgabe „Das Walhalla, ein kultureller Ort im Herzen Wiesbadens“ auf strukturelle und atmosphärische Weise annähern.  Ziel sollte sein, „ein Flächen- und Nutzungskonzept zu erarbeiten, das die vorhandenen Qualitäten des Ortes stärkt und inhaltlich, räumlich sowie atmosphärisch die Historie des Walhalla fortsetzt und in die Zukunft führt“, so die Aufgabenstellung von Prof. Isabella Leber (hier im Gespräch mit SEG-Geschäftsführer Andreas Guntrum), die bei der Eröffnung mit einem Horizonte weitenden Impuls Grundlegendes und gelungene Transformations-Beispiele historisch-zeitgemäßer-kontrastreicher Kulturstätten aus anderen Städten, vorneweg aus Barcelona, präsentierte.

Rooftop auf dem Walhalla? Geprüft und für machbar befunden!

Architekturstudent Thilo Zettler präsentierte und diskutierte den ausgereiften Entwurf für ein Walhalla-Fest.Spiel.Haus, hier mit dem Kulturbeirat-Vorsitzenden Ernst Szebedits.

Und die Studierenden präsentierten „live“ ihre Arbeiten und erläuterten ihre Überlegungen. Besonders dicht umringt war dabei Thilo Zettler, der nicht nur besonders begeistert und begeisternd erzählen konnte, sondern der im Team mit seinen Kommilitoninnen Sarah Heiss und Cansu Ova unter dem Titel „Fest.Spiel.Haus.“ auch einen der weitreichendsten, durchdachtesten und am weitesten ausgereiften Vorschläge vorgelegt hat- ein Haus mit vielfältiger Nutzung in sanierten und neu errichteten Gebäudeteilen, inklusive Rooftop. „Wir haben alles vom Statiker prüfen lassen, es wäre machbar“, berichtete der angehende Architekt.

Der erwähnte Statiker – Jochen Unverzagt, der mit seinem Ingenieurbüro seit langem in das Walhalla-Projekt involviert ist und das Gebäude in- und auswendig kennt, war bei der Ausstellungseröffnung ebenso anwesend wie Andreas Guntrum, Geschäftsführer der Projekt leitenden Stadtentwicklungsgesellschaft SEG, oder der Wiesbadener Architekt Uwe Bordt, der mit seinem Büro BGF+ bereits zwei Vorschläge – 2016 und im Januar dieses Jahres – zur Walhalla-Zukunft vorlegt hat.

Spannende Kombinationen

Interessanterweise kam anders als BGF+ in seiner aktuellen „Konzeptstudie“ keines der Studierenden-Teams auf die Idee, den Klinker-Anbau in der Hochstättenstraße abzureißen. Wohl aber sehen einige Entwürfe Anbauten vor, sei es zum Mauritiusplatz hin oder in der momentanen Baulücke in der Hochstättenstraße. Versiert spielen die angehenden Architekten mit der Verbindung von Historischem und Neuem, sei es in der Architektur oder in den Nutzungsideen. Diese reichen von „klassischer“ und naheliegender kultureller Nutzung in großer Vielfalt und teilweise spannenden Kombinationen über Ideen in Sachen Gastronomie und Clubbing bis hin zu sozialen Aspekten und Angeboten oder auch Kunsthandwerk bis hin zu einer Therme mit verschließbarem Pool und Boutiquehotel.

In viele Richtungen gedacht

Auffällig ist das gleichzeitige Denken in unterschiedlichste Richtungen, das den Dimensionen und der Komplexität der Immobilie gerecht wird, ebenso wie das Denken an „24/7“-Nutzungen sowie die Offenheit für unterschiedlichste Nutzergruppen und auch Generationen.

Auch die erwartbar reflexartige „viel zu teuer, unbezahlbar“-Reaktion auf einige der aufwändigen Vorschläge haben die Studierenden mitgedacht und sich über Mischkalkulationen Gedanken gemacht. Überhaupt ist es beeindruckend – auch in ausliegenden Booklets – zu sehen, wie tief die Nachwuchs-Architekten in das Thema und die Materie eingestiegen sind, wie ernsthaft und intensiv sie sich mit dem Walhalla und seinen Besonderheiten auseinandergesetzt und kluge, auch überraschende Rückschlüsse gezogen haben.

Schlüsselimmobilie als Kulturstätte und Standortfaktor

Das Walhalla ist, so die bekannte Prämisse, in vielerlei Hinsicht äußerst relevant für die Landeshauptstadt Wiesbaden: Als eine der Schlüsselimmobilien kann es nicht nur Bedeutung als Kulturstätte wiedererlangen, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Attraktivierung und Belebung der Wiesbadener Innenstadt leisten. Als eine der geschichtsträchtigsten Kulturstätten der Stadt könnte das Walhalla seine Strahlkraft auch über die Grenzen Wiesbadens hinaus entfalten. Wenn endlich einmal etwas geschehen würde. Seit Jahren steht die Immobilie leer und verfällt zusehends. Nun kommt Bewegung in das Thema und die Stadt plant endlich offenbar ernsthaft die Sanierung und Wiederbelebung. Zur überfälligen Debatte, die nun merklich an Fahrt aufnimmt – diskutiert wird seit langem im Kulturbeirat, seit einiger Zeit auch im AK Stadtkultur und seit neuestem auch in der IHK und aus der IHK heraus – leisten die Arbeiten der Studierenden einen wichtigen Beitrag und liefern wertvolle Ideen und Impulse. Die Stadt ist gut beraten, diese Beiträge ernst zu nehmen und in den laufenden Prozess einfließen zu lassen.

Die Chance, Einzigartiges zu schaffen – Das Walhalla als nachhaltigstes Kulturzentrum Europas?

IHK-Präsident Dr. Christian Gastl befand in seinem Grußwort, das wir nachfolgend in Gänze veröffentlichen: „Um mit diesem Projekt voranzukommen, müssen wir Vergangenes und Bestehendes kritisch hinterfragen, Wissen miteinander teilen und Handlungsspielräume ausloten. Das Projekt der Hochschule RheinMain kann hier wie eine Art Katalysator wirken und wertvolle Impulse liefern.“ Seine These: „Ein Kulturangebot mit der Tendenz zum „More of the same“ kann dabei nicht die richtige Antwort sein. Wir haben die Möglichkeit, hier etwas Einzigartiges zu schaffen, das auch neue Zielgruppen erreicht.“ Sein Gedankenspiel: „Wir brauchen eine zentrale Idee, die bislang noch nicht fertig auf dem Tisch liegt. Diese Idee, dieses Leitbild kann alle Beteiligten durch den Revitalisierungsprozess tragen und dem einstigen „Spezialitäten-Theater ersten Ranges“ schließlich wieder die nötige Strahlkraft verleihen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn das Walhalla zum nachhaltigsten Kulturzentrum Europas werden würde?“ Sein Appell:  „Klar ist, der „Lost Place“ Walhalla hat es verdient wieder zu einem „Place to be“ zu werden.“

Ausstellung bis 25. Mai  anschauen

Die Ausstellung in den Räumlichkeiten der IHK Wiesbaden, Karl-Glässing-Straße 8, 65183 Wiesbaden, ist noch bis 25. Mai jeweils von 14 bis 17 Uhr, für Besucher:innen geöffnet. Der Besuch wird dringend empfohlen. Und, auch das wurde am Eröffnungsabend intensiv diskutiert: Die Vorschläge sollten danach nicht in den Schubladen verschwinden, sondern als ernstzunehmende Beiträge und Impulse zur Walhalla-Debatte nicht abgetan, sondern ernst genommen und dauerhaft zugänglich gemacht werden – sei es durch eine Dokumentation und/oder auch weitere Ausstellungen sowie unbedingt auch in den diskutierenden und handelnden Gremien, Einrichtungen und Institutionen.

Der Student Thilo Zettler hat seinen“Fest.Spiel.Haus.“-Entwurf in einem Insta Live mit sensor hier direkt in der Ausstellung anhand der Pläne und Modelle erläutert und bei einem Rundgang auch die Entwürfe seiner Komilliton:innen vorgestellt – nachzuschauen hier (kleine Tonpanne am Anfang, nach 37 Sekunden ist das Gesagte auch zu hören)

Weitere Impressionen von der Ausstellung hier im sensor-Fotoalbum.

Wiesbaden und das Walhalla – Lange Geschichte/n!

Das Grußwort von IHK-Präsident Dr. Christian Gastl im Wortlaut:

„Sehr geehrte Frau Prof. Leber, sehr geehrte Studierende der Hochschule RheinMain , meine sehr geehrten Damen und Herren,

haben Sie heute schon ein Thema neu gedacht?

Haben Sie heute schon einen Eindruck oder ein vorhandenes Bild über Bord geworfen und Neues zugelassen?

Zugegeben, das ist nicht leicht! Gerne greifen wir auf unsere gewohnten Erfahrungswelten zurück. Oft bilden wir uns schnell eine Meinung, an der wir dann auch allzu gern festhalten. Das bringt gefühlte Sicherheit, doch es schränkt uns auch ein.  Um Zukunft nachhaltig zu gestalten, müssen wir immer wieder die ausgetretenen Pfade verlassen und neues Denken zulassen. Das gilt für unsere persönliche Entwicklung, für Unternehmen und wohl auch für die Weiterführung des legendären Walhalla. Um mit diesem Projekt voranzukommen, müssen wir Vergangenes und Bestehendes kritisch hinterfragen, Wissen miteinander teilen und Handlungsspielräume ausloten. Das Projekt der Hochschule RheinMain kann hier wie eine Art Katalysator wirken und wertvolle Impulse liefern. Unter der Überschrift „Walhalla neu gedacht“ zeigen die Arbeiten das vielfältige Potential des Gebäudes auf. Sie laden uns zur Diskussion ein.

Als Stimme der Wirtschaft steht es in der DNA der Industrie- und Handelskammer, Themen und Menschen weiterzubringen und Netzwerke zu schaffen, aus denen Neues entstehen kann. Daher freuen wir uns den Rahmen für diese Ausstellung bieten zu können. Und hier im Neubau, den wir wegen seiner vielen Nutzungsmöglichkeiten und Transparenz intern auch gerne als FREIRAUM bezeichnen, können die Entwürfe mit ihren vielfältigen Ansätzen, meiner Meinung nach, ihre Wirkung besonders gut entfalten.

Worum geht es nun genau?

Im Kern sehe ich die Aufgabe, ein Gebäude, einen Standort mit langer Geschichte, mit Möglichkeitsräumen, neuem Leben und neuen Aussagen zu füllen. Die Herausforderungen dabei sind komplex: Maroder Zustand, hohe Investitionskosten, Bewahrung der Atmosphäre und die Einpassung in ein Gesamtensemble – um nur einige Punkte zu nennen. Hier sind umfangreiche Überlegungen anzustellen.

Ihnen liebe Frau Prof. Leber und Ihnen liebe Studierende möchte ich Danke sagen, dass Sie sich mit diesem besonderen Gebäude im

„Masterstudiengang Architektur / Bauen mit Bestand“ befassen und in den Diskurs einbringen. Wie relevant die Auseinandersetzung mit Bestandsgebäuden ist und das dabei Expert:innen wie Sie gefragt sind, sollte mittlerweile jedem klar sein. Denken wir nur an das „Alte Gericht“ und die Möglichkeiten, die dort mit einem Innovations- und Kreativzentrum geschaffen werden konnten. Wir brauchen solche Orte. Es sind Ankerpunkte, die Menschen anziehen und Wiesbaden stärken. Gebäude zu revitalisieren, zu erweitern, einer neuen Nutzung zuzuführen, aber auch dem Denkmalschutz gerecht zu werden und dabei eine Stimmigkeit aus Attraktivität, Ökologie und Ökonomie herzustellen, damit leisten Sie einen sehr wertvollen gesellschaftlichen Beitrag.

Ihre Auseinandersetzung mit dem Walhalla kommt dabei genau zur richtigen Zeit. Die Stadtpolitik sendet deutliche Signale, dass es mit dem Gebäude nun endlich vorangehen soll. Bei der Ausgestaltung und der Nutzung der Flächen gilt es sich also gerade jetzt wieder intensiv in den Diskurs einzubringen und mitzugestalten. Und genauso wie Menschen mit diversen Hintergründen in der Teamarbeit stärkere und weniger fehleranfällige Ergebnisse produzieren, sehe ich auch bei diesem Projekt die Kraft der Diversität. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Ideen, liebe Studierende, können dazu beitragen, den bestmöglichen Weg für den Restart des Walhalla zu finden.

Welche Potentiale sehen wir als IHK?

Wir begleiten die Entwicklungen rund um das Gebäude seit vielen Jahren. Besonders intensiv wird die Zukunft gerade in unserem Ausschuss „Kulturelle Wirtschaft“ diskutiert. Doch das Walhalla bewegt grundsätzlich viele Menschen in der Stadt. Kaum einen lässt es kalt. Da sind im besten Fall die eigenen positiven Erinnerungen, zum Beispiel an ein Konzert im Spiegelsaal, einen unvergesslichen Kinobesuch oder eine lange Partynacht. Bewegen kann einen aber auch der Ärger über den jahrelangen Stillstand an einem so zentralen Ort unserer Stadt. Das ist eine verpasste Chance! Obwohl der letzte Vorhang schon vor Jahren gefallen ist, haben die Anziehungskraft und die Aura des Hauses nicht nachgelassen.

Als Stimme der Wirtschaft und als Teil der Stadtgesellschaft arbeiten wir stetig an der Attraktivierung und Weiterentwicklung Wiesbadens und der Region. Auch in Wiesbaden wandeln sich die Erwartungen und das Einkaufsverhalten der Bürger und Besucher. Handel, Gastronomie und Kultur müssen sich zu einem gemeinsamen Erlebnisraum mit
einzelnen Leuchtturmprojekten entwickeln.

In diesem Kontext könnte auch das neue Walhalla eine relevante Rolle übernehmen. Ein Kulturangebot mit der Tendenz zum „More of the same“ kann dabei nicht die richtige Antwort sein. Wir haben die Möglichkeit hier etwas Einzigartiges zu schaffen, das auch neue Zielgruppen erreicht. Das charakterstarke Walhalla bietet uns eine spannende Ausgangslage. Jetzt müssen wir die Entwicklung der Flächen und die Nutzung in Einklang bringen. Was wir brauchen ist eine zentrale Idee, die bislang noch nicht fertig auf dem Tisch liegt. Diese Idee, dieses Leitbild kann alle Beteiligten durch den Revitalisierungsprozess tragen und dem einstigen „Spezialitäten-Theater ersten Ranges“ schließlich wieder die nötige Strahlkraft verleihen.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn das Walhalla zum nachhaltigsten Kulturzentrum Europas werden würde?

Lassen Sie uns heute und in den kommenden Tagen in der IHK darüber ins Gespräch kommen. Klar ist, der „Lost Place“ Walhalla hat es verdient wieder zu einem „Place to be“ zu werden. Ich wünsche Ihnen einen kreativen Austausch und freue mich jetzt auf die Einführung von Frau Prof. Leber.“

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